Briefe an
Maja und Gerhard Lampersberg.
von Christine Lavant
(2003, Otto-Müller-Verlag, hrsg. von Fabjan Hafner und Arno
Rußegger).
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 23.12.2003:
Hier spricht das
Christkindl-Biest
Christine Lavant in ihren Briefen an das Künstlerehepaar
Maja und Gerhard Lampersberg
Von einer Sizilienreise schrieb der 27-jährige
Thomas Bernhard im Februar 1958 an die von ihm verehrte, 15 Jahre ältere
Christine Lavant: "Meine liebe Christin', hast mich schon vergeßn? Ich
Dich nicht. Ich hab Dich recht gern und denk' oft an Dich." Er schließt
mit der Hoffnung, die Dichterin recht bald auf dem Tonhof wiederzusehen.
Der Tonhof, mitten in Maria Saal, einem Wallfahrtsort nördlich von Klagenfurt,
war Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre Zentrum eines lockeren Künstlerkreises
um das dort ansässige Musiker-Ehepaar Maja und Gerhard Lampersberg. Zu den Gästen
der Sängerin und des Komponisten zählten neben Musikern, Theatermachern und
bildenden Künstlern auch Schriftsteller wie H. C. Artmann,
Gert Jonke, Peter Turrini und
Josef Winkler. Einer der engsten Freunde des Hauses war
Thomas Bernhard. Er war es, der dem Ehepaar von Christine Lavant erzählt hatte.
Spontan waren sie daraufhin nach St. Stefan ins Lavanttal gefahren, dessen Namen
die Dichterin zu ihrem Pseudonym gemacht hatte, um sie in ihrer Dachkammer zu
besuchen. "Wie eine Offenbarung" sei diese erste Begegnung gewesen, so
Gerhard Lampersberg später.
Oft holte das Ehepaar die von vielerlei Leiden Heimgesuchte zu sich auf den
Tonhof. Dort ruhte sie gern auf einem bequemen Matratzenlager im Wohnzimmer,
"Christinenwinkel" genannt. Die großzügige Gastfreundschaft der
Lampersbergs, ihre bei aller schöpferischen Eigenleistung selbstverständliche
Bescheidenheit und warmherzige Zuneigung gaben Christine Lavant das Gefühl, auf
dem Tonhof zu Hause zu sein. Kaum von einem Besuch dort zurück, wurde sie von
"Heimweh" nach der Tonhof-Geselligkeit erfasst. Die beharrlichen
Einladungen wiederzukommen, gaben ihr das Gefühl, wirklich dazuzugehören.
"Jedenfalls bin ich bei Euch viel mehr daheim wie hier", schrieb sie
voller Freude aus St. Stefan.
Fast von Geburt an hatte sich Christine Lavant verlassen und ausgeliefert gefühlt.
Sie kam 1915 als neuntes Kind einer Bergarbeiterfamilie zur Welt, litt früh
an Skrofulose, Lungentuberkulose, Mittelohrentzündung, wodurch sie bereits als
Kind halb blind und auf einem Ohr taub wurde. Derart gehandikapt wurde sie zu
einer passionierten Leserin. Nach dem frühen Tod der Eltern heiratete sie aus
Mitleid einen verarmten 36 Jahre älteren Kunstmaler. Tags strickte sie für den
Lebensunterhalt, nachts schrieb sie Gedichte. Schon ihr erster 1949 erschienener
Lyrikband Die unvollendete Liebe enthielt Gedichte von einer ungewöhnlichen
Intensität der darin zum Ausdruck gebrachten Stimmungen. Sie zeugten von der
fast tödlichen Verlorenheit eines Menschen, der in ländlicher Umgebung, fern
vom großen Weltgeschehen lebt. Abenddämmerung, dunkelnde Äcker, Lieder, die
vom Dorf herübertönen, Entenschnarren in den Auen: "Verloren
im bebenden blauen / schattigen Schilf ein Taucher weint. / Da erschreckt
sich dein Herz so, als wär es gemeint / Und erwartet von jeglichen Dingen, /
und leise beginnt es zu singen."
Die Melancholie dieser Dichtung ließ Menschen wie Thomas
Bernhard aufhorchen. Sie führten zu privater und schließlich öffentlicher
Anerkennung und Ehrung. Für Lavant selbst war ihre Kunst "verstümmeltes
Leben". Aber in Kunst verwandelt war es eben weitaus mehr. Das Schreiben
half ihr, sich selbst mit all den Behinderungen und Schwächen, der Einsamkeit
und der Todesangst zu ertragen, ja zu schätzen. Das gab ihr Kraft, mit Feingefühl
und Empathie auf die Kümmernisse und Nöte anderer zu reagieren. In den
erstmals publizierten Briefen an das Ehepaar Lampersberg kommt das in besonderer
Weise zum Ausdruck, stärker noch als in den bislang veröffentlichten Briefen
Lavants an die Schriftstellerinnen Ingeborg
Teuffenbach und Hilde
Domin, den Rechtsanwalt Gerhard Deesen und den Arzt
Ludwig von Ficker.
"Getreue, wunderbare Freunde" sind die Lampersbergs für sie,
"gewaltige Herausreißer" aus ihrem "Elendsgeflecht". Doch
gilt solche Verbundenheit auch umgekehrt. Berichtet Maja Lampersberg von
Problemen in ihrer Ehe, erinnert Christine Lavant sie daran, dass ihre "Höhle"
- die Dachkammer - ihr jederzeit offen stehe; es könne gar keine Lage geben, in
der sie nicht "absolut" zu ihr halte.
An Gerhard Lampersberg wiederum, der sich, wie man einem Brief Lavants an Maja
entnehmen kann, in die "freiwillig erwählte, strenge Geborgenheit"
einer Anstalt zurückgezogen hatte, schrieb sie, der einzig wirkliche Trost sei
der, einen Freund zu haben, der annähernd wisse, in welchem Elend man stecke,
und sie wisse "fast genau", wie ihm zumute sei. Sie ließ sich aber
noch mehr einfallen, drängte ihn im Begleitbrief zu einer Mappe - es war kurz
vor Weihnachten 1961 - zum Tagebuchschreiben. "Das Christkindl meint, daß
man in diesem Zustand, in dem Du jetzt vermutlich bist, Dinge weiß, die man
weder vor- noch nachher wieder ins Bewußtsein bringt, und dass der Mensch nicht
fürs leere Nichts soviel leiden soll. Das meint dieses Biest, Deine Christl."
Anmerkungen, ein Personenregister und ein Nachwort ergänzen die gedruckt und
als Faksimile wiedergegebenen Briefe. Über manches dunkel Bleibende würde man
gern Genaueres wissen oder zumindest erfahren, dass Genaueres nicht
herauszufinden war. In was für eine Anstalt begab sich Gerhard Lampersberg? Und
warum? Was stand in dem Manuskript, das er Lavant zum Lesen schickte, von dessen
Publikation sie dringend abriet und von dem sie meinte, es könne Thomas
Bernhard Anlass zu einer Klage geben?
Dass dergleichen im Dunkeln bleibt, braucht aber kein Nachteil zu sein, ist
vielleicht sogar geeignet, die Aufmerksamkeit auf die eigentümliche, bei aller
Verlorenheit gefasste, ein Gefühl von Wachheit und Weite vermittelnde
Melancholie der Lavantschen Gedichte zurück- oder hinzulenken.
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