Briefe einer Freundschaft von Ingeborg Bachmann u. Hans Werner Henze, 2004, Piper1.) - 2.)

Briefe einer Freundschaft.
Briefe von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze (2004, Piper).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Die Erwählten
Geeignet für Zwillingsstudien: Der berührende Briefwechsel zwischen der Dichterin Ingeborg Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze

Wer diese Briefe liest, gerät leicht in die etwas unheimliche Rolle eines Zwillingsforschers. Denn er kann minutiös studieren, wie zwei Menschen, zwei Künstler, zwei Höchstbegabte unter verblüffend ähnlichen inneren und äußeren Bedingungen und mit sehr ähnlichen Visionen, Wünschen und Zielen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen - um es einmal laborhaft kalt zu sagen. Aber es ist einer der Gründe, weshalb der Briefwechsel zwischen Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann zu den bedeutendsten Künstlerkorrespondenzen des 20. Jahrhunderts gehört.

Etwas Zwillingshaftes besitzen der deutsche Komponist und die österreichische Lyrikerin buchstäblich von Geburt an. Sie sind fast auf den Tag gleich alt. Ingeborg Bachmann wurde am 26. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, Hans Werner Henze am 1. Juli 1926 in Gütersloh. Sie entstammen den gleichen sozialen, familiären und politischen Verhältnissen. Sie sind beide Kinder von Lehrern, die dem NS-Regime dienten. Sie begannen beide schon in der Jugend mit der Arbeit an künstlerischen Werken, Ingeborg Bachmann schrieb bereits 1943, also als Siebzehnjährige, die Erzählung "Das Hondritschkreuz". Sie waren beide von Anfang an eingestimmt nicht nur auf hohe ästhetische Ambition, sondern auch auf eine künstlerische, besser gesagt kunstaristokratische Existenz. Sie sahen und bezeichneten sich in ihren Briefen gelegentlich als "Königskinder", als Erwählte, die Natur- und Kunstschönheit benötigten wie Atemluft. Sie hatten beide um einige Jahre jüngere Brüder, um die sie sich liebe- und sorgenvoll bemühten.

Die Sorge um das Wohl des anderen prägt auch die Briefe Ingeborg Bachmanns und Hans Werner Henzes bis in jeden Satz. In ihrer schlimmsten Verzweiflung, als sie am Ende ihrer Beziehung zu Max Frisch und durch die Trennung von ihm am Ende all ihrer Möglichkeiten angekommen ist, schickt Ingeborg Bachmann am 4. Januar 1963 einen Flehbrief an Henze, dem das Frisch-Drama zu diesem Zeitpunkt schon etwas auf die Nerven gegangen sein dürfte. Aber die Basis ihrer Freundschaft muss unerschütterlich gewesen sein, ein Urbündnis. Bachmann bettelt in jenem Brief, dem emotionalen Höhepunkt der gesamten Korrespondenz, Henze möge mit dem Auto aus Italien zu ihr nach Zürich kommen, sie aus ihrem Elend herausholen und ein paar Tage mit ihr in Urlaub fahren. Nichts weiter, nur mit ihr im Auto herumfahren.

Im Liebesleid erfahren

Er hat es wohl getan. Er besaß Erfahrungen im Leiden, im Liebesleiden, die denen Ingeborg Bachmanns nahe kamen. Aber Henze, der homosexuelle Künstler, litt anders als Bachmann, die mit der Ehelosigkeit unversöhnte Künstlerin. Er hat es dem Leben, er hat es keiner seiner Krisen und keiner Depression erlaubt, sich jemals seiner künstlerischen Bewegungs- und seiner kreativen Arbeitsfähigkeit zu bemächtigen. Und er hat aus dieser Ökonomie der seelischen Reserve ein Daseinsgesetz geschmiedet, dem anzuschließen er die Freundin immer und immer wieder ermahnt. Aber was heißt ermahnt! In einem Brief vom 18. April 1965, den er aus New York schickt, hämmert er ihr sein Programm von der absoluten Priorität der Arbeit vor dem Leben ein.

Zwei Jahre sind seit Bachmanns Trennung von Frisch vergangen. Aber sie ist nach wie vor nicht in der Lage, sich vom Trauma dieser "größten Niederlage meines Lebens" zu befreien. In einem der - leider vielen - verloren gegangenen Briefe an Henze oder in einem Gespräch mit ihm hat sie offenbar von "der Schmach" gesprochen, "ein Schwein geliebt zu haben". Schmach donnert ihr Henze nun entgegen, Schmach gäbe es für eine Künstlerin wie sie nur, weil sie ein Jahr lang nicht ordentlich und systematisch gearbeitet und geschrieben, sich jahrelang an "Sentimentalitäten" verschwendet habe. Dieser Brief Henzes ist der zweite Höhepunkt der Korrespondenz. Er ist ihr kathartischer Moment und enthält ihr Kernthema, ein Thema der Moderne: Kompensation durch Kreativität.

Bei aller Ähnlichkeit, aller Geschwisterlichkeit oder sogar Zwillingshaftigkeit unterscheidet die beiden vor allem dies: die Fähigkeit künstlerisch zu kompensieren. Henze besaß sie in hohem Maße. Bachmann in einem fatal niedrigem. Die Idee, dass Leidensdruck und ästhetische Arbeit in einem Verhältnis stehen, gehört zu den Binsenweisheiten freudianischer Tradition, die nicht falsch sein müssen, nur weil sie jedem Kind geläufig sind.

In den Briefen Henzes und Bachmanns ist diese Idee die Stimmgabel, die zunächst dezent und aus dem Hintergrund, dann immer eindringlicher den Ton angibt. Bis hin zu diesem zornigen, normativen, autoritären, ja befehlshaften Brief Henzes, in dem er ausdrückt: Du bist als Künstlerin geboren. Das ist deine "PFLICHT". Jetzt erfülle sie, Tag für Tag, "wie ein Bankbeamter", "wie Thomas Mann etc. etc. tat, wie alle Grossen, ohne Ausflüchte, ohne weiteren Krankheiten etc., ohne Klagen und Jammern".

Den Brief heute lesend erschrickt man - im ersten Moment. Er wirkt unsensibel. Doch Henze, offensichtlich ratlos, wie der Freundin noch zu helfen, wie sie aus dem Elend der Depression zu wecken sei, greift zum letzten Mittel, bei dem er auch sich selbst nicht schont. Er verpasst ihre eine Ohrfeige. Und riskiert damit einiges. Man möchte den Brief nicht bekommen haben. Aber das Wohl Ingeborg Bachmanns, die er vom Untergang bedroht sieht, ist ihm nach dreizehn Jahren enger und engster Freundschaft wichtiger als deren Harmonie und Erhalt um jeden Preis. Man mag sich bei der Lektüre des Briefverkehrs über manchen Snobismus Hans Werner Henzes, über seinen übertriebenen Hang zur Adoration der Freundin, über seinen Kult der geteilten Genialität, auch über seinen monumentalen Ehrgeiz gewundert oder gar geärgert haben. Der Brief vom 18. April 1965, der von New York nach Rom ging, zeigt den Menschen Henze im besten Licht.

Ein Glücksfall des gegenseitigen Verstehens war diese Freundschaft wohl von Anfang an. Bachmann und Henze lernten sich im Jahr 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch kennen. Zwei 26jährige, die jeder für sich bereits über eine erstaunliche ästhetische Autonomie und auf erstaunliche künstlerische Erfolge blicken. Ingeborg Bachmann ist die heimliche und geheimnisvolle Königin der Gruppe 47, und sie ist - was in den Briefen mit keinem Wort erwähnt wird und bis vor kurzer Zeit auch nicht bekannt war - in eine Liebesgeschichte mit Paul Celan verstrickt, die sie zeitlebens mit Diskretion behandelte.

Auf nach Italien

Hans Werner Henze ist, als er im Februar 1953 den ersten Brief an Ingeborg Bachmann schreibt, auf dem Sprung nach Italien. Er will und wird erst lange auf der Insel Ischia, dann in Neapel, später - und bis heute - auf dem Land bei Rom leben. Auch Ingeborg Bachmann zieht es weg aus Österreich und aus Adenauer-Deutschland. Was sie mit Henze teilt, ist der Wunsch, sich Raum zu schaffen in der Sphäre des Internationalen. Eine ganze Reihe von (hier übersetzt vorliegenden) Briefen sind nicht auf Deutsch, sondern auf Französisch, Italienisch und Englisch verfasst.

Bachmann folgt Henzes Einladung, im Sommer 1953 besucht sie ihn auf Ischia und bleibt von da an Italien treu. Sie folgt auch seinen enthusiastischen Vorschlägen zur Zusammenarbeit, sie schreibt bereits 1953 den "Monolog des Fürsten Myschkin" für Henzes Ballettpantomime "Der Idiot", später Libretti für seine Opern "Prinz von Homburg" und "Der junge Lord". Im Jahr 1954 steht sogar die Idee einer Ehe im Raum, einer, so darf man annehmen, platonischen Ehe. Sie kommt nicht zustande. Ingeborg Bachmann hat sich beim Standesamt schon um Papiere bemüht, als Henze vor der Heirat zurückschreckt und damit eine Krise in der Freundschaft auslöst. Die Heiratsidee taucht später ein zweites Mal auf und verschwindet dann endgültig unter dem Modell der Freundschaftsliebe.

Im Jahr 1956 leben Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze gemeinsam in einer Wohnung in Neapel. Aber bei all dem, beim Zusammenleben, Zusammenarbeiten, Zusammenwohnen und auch in der Kontinuität der Korrespondenz ist er die treibende Kraft, Bachmann die eher Zögernde, eher Verkappte, eher Verschweigende. Dem schier unüberblickbaren Pensum ihrer großen und kleinen Reisen, ihrer nahen und fernen Aufenthaltsorte ist eine beständige Unruhe, ein beständiger Fluchtimpuls anzumerken und auch die Unentschiedenheit, wem Flucht und Sehnsucht eigentlich mehr galten, dem Leben oder der Arbeit. Der Rolle als Frau oder der Rolle als Künstlerin.

Auch Henze war, was Aufträge, Reisen, Liebhaber, Umzüge betraf, von Umtriebigkeit nicht verschont. Aber er wurzelte in seiner künstlerischen Arbeit. Solange seine Freundschaft mit Ingeborg Bachmann währte, hat er ihr offensichtlich zu zeigen versucht, dass die Erde, in der er wurzelt, auch ihr natürlicher Humus - und dass neben ihm ein Platz für sie ist. Nicht nur symbolisch, sondern konkret. In einer Wohnung in Neapel hatte er für Ingeborg Bachmann ein Zimmer frei gelassen. Ein Zimmer für sie allein. Ein Zimmer zum Arbeiten. Sie hat es nie bewohnt. Aber wie Henze von diesem Zimmer schreibt, wie er es erwähnt, eher nebenher, dass es nicht zu bedeutsam auf Bachmann wirkt - auch das ist berührend und nimmt stark für den Komponisten ein.

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Briefe einer Freundschaft von Ingeborg Bachmann u. Hans Werner Henze, 2004, Piper2.)

Briefe einer Freundschaft.
Briefe von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze (2004, Piper).
Besprechung von Dorothea Husslein im Münchner Merkur, 21.12.2004:

Die wichtigste menschliche Beziehung
Der leidenschaftliche Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze

"Mir ist völlig klar, dass die Freundschaft mit Dir die wichtigste menschliche Beziehung ist, die ich habe, und das soll sie auch bleiben. Ich habe immer an Dich geglaubt, und an Dich werde ich glauben bis ans Ende meines Lebens." So die junge österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann an den aufstrebenden deutschen Komponisten Hans Werner Henze. 1952 lernten sie sich in Göttingen bei einem Treffen der Gruppe 47 kennen. Von ihren Charakteren extrem verschieden, entdeckten sie, beide Jahrgang 1926, jedoch schnell ihre Seelenverwandtschaft und entwickelten eine tiefe, außergewöhnliche Freundschaft. Daraus entstand ein Jahr später ein leidenschaftlicher Briefwechsel.

Erstmals ist er jetzt, wenngleich unvollständig, veröffentlicht worden. Intime Briefe, die erschütternde Einblicke in das Leben der empfindsamen und zerrissenen Persönlichkeit der Bachmann geben und die die unterschiedliche Kompensation persönlicher Lebensprobleme durch künstlerische Arbeit im Nachkriegsdeutschland dokumentieren. Bachmann und Henze trugen an der Last, aus Familien mit nationalsozialistischer Vergangenheit zu stammen. Der damals schon international erfolgreiche Henze war vom Glauben an ihrer beider Genie überzeugt und bewunderte die Bachmann. Er war ihr bei ihren Abstürzen und unerfüllten Liebesbeziehungen zu Paul Celan (der im Briefwechsel nicht erwähnt wird) und nach der Trennung von Max Frisch fürsorglicher Seelentröster, mahnte sie als Ablenkung mit Nachdruck zur Arbeit, ließ sie beispielsweise das Libretto zur Oper "Der junge Lord" schreiben. Sie verfasste viele Libretti für Henze, darunter die Textfassung zu seiner Ballettpantomime "Der Idiot", ihre zweite Buchveröffentlichung überhaupt.

Zeitweilig wohnten sie in Neapel zusammen. Zweimal trug Henze ihr gar selbst die Ehe an. Vertrauen und Humor waren Grundlage dieser Freundschaft, obwohl der Kontakt später, als beide nicht weit voneinander in Italien lebten, sporadischer wurde. Doch die Freundschaft, die auch für Hans Werner Henze, der die Probleme als Homosexueller in den 50er-Jahren verarbeiten musste, wichtig war, blieb bis zum Tod Ingeborg Bachmanns im Oktober 1973 bestehen.

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