1.) - 2.)
Briefe einer
Freundschaft.
Briefe von Ingeborg
Bachmann und Hans Werner Henze (2004, Piper).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:
Die Erwählten
Geeignet für Zwillingsstudien: Der berührende
Briefwechsel zwischen der Dichterin Ingeborg Bachmann und dem Komponisten Hans
Werner Henze
Im Liebesleid erfahren
Er hat es wohl getan. Er besaß Erfahrungen im
Leiden, im Liebesleiden, die denen Ingeborg Bachmanns nahe kamen. Aber Henze,
der homosexuelle Künstler, litt anders als Bachmann, die mit der Ehelosigkeit
unversöhnte Künstlerin. Er hat es dem Leben, er hat es keiner seiner Krisen
und keiner Depression erlaubt, sich jemals seiner künstlerischen Bewegungs- und
seiner kreativen Arbeitsfähigkeit zu bemächtigen. Und er hat aus dieser Ökonomie
der seelischen Reserve ein Daseinsgesetz geschmiedet, dem anzuschließen er die
Freundin immer und immer wieder ermahnt. Aber was heißt ermahnt! In einem Brief
vom 18. April 1965, den er aus New York schickt, hämmert er ihr sein Programm
von der absoluten Priorität der Arbeit vor dem Leben ein.
Zwei Jahre sind seit Bachmanns Trennung von Frisch vergangen. Aber sie ist nach
wie vor nicht in der Lage, sich vom Trauma dieser "größten Niederlage
meines Lebens" zu befreien. In einem der - leider vielen - verloren
gegangenen Briefe an Henze oder in einem Gespräch mit ihm hat sie offenbar von
"der Schmach" gesprochen, "ein Schwein geliebt zu haben".
Schmach donnert ihr Henze nun entgegen, Schmach gäbe es für eine Künstlerin
wie sie nur, weil sie ein Jahr lang nicht ordentlich und systematisch gearbeitet
und geschrieben, sich jahrelang an "Sentimentalitäten" verschwendet
habe. Dieser Brief Henzes ist der zweite Höhepunkt der Korrespondenz. Er ist
ihr kathartischer Moment und enthält ihr Kernthema, ein Thema der Moderne:
Kompensation durch Kreativität.
Bei aller Ähnlichkeit, aller Geschwisterlichkeit oder sogar Zwillingshaftigkeit
unterscheidet die beiden vor allem dies: die Fähigkeit künstlerisch zu
kompensieren. Henze besaß sie in hohem Maße. Bachmann in einem fatal
niedrigem. Die Idee, dass Leidensdruck und ästhetische Arbeit in einem Verhältnis
stehen, gehört zu den Binsenweisheiten freudianischer Tradition, die nicht
falsch sein müssen, nur weil sie jedem Kind geläufig sind.
In den Briefen Henzes und Bachmanns ist diese Idee die Stimmgabel, die zunächst
dezent und aus dem Hintergrund, dann immer eindringlicher den Ton angibt. Bis
hin zu diesem zornigen, normativen, autoritären, ja befehlshaften Brief Henzes,
in dem er ausdrückt: Du bist als Künstlerin geboren. Das ist deine
"PFLICHT". Jetzt erfülle sie, Tag für Tag, "wie ein
Bankbeamter", "wie Thomas
Mann etc. etc. tat, wie alle Grossen, ohne Ausflüchte, ohne weiteren
Krankheiten etc., ohne Klagen und Jammern".
Den Brief heute lesend erschrickt man - im ersten Moment. Er wirkt unsensibel.
Doch Henze, offensichtlich ratlos, wie der Freundin noch zu helfen, wie sie aus
dem Elend der Depression zu wecken sei, greift zum letzten Mittel, bei dem er
auch sich selbst nicht schont. Er verpasst ihre eine Ohrfeige. Und riskiert
damit einiges. Man möchte den Brief nicht bekommen haben. Aber das Wohl
Ingeborg Bachmanns, die er vom Untergang bedroht sieht, ist ihm nach dreizehn
Jahren enger und engster Freundschaft wichtiger als deren Harmonie und Erhalt um
jeden Preis. Man mag sich bei der Lektüre des Briefverkehrs über manchen
Snobismus Hans Werner Henzes, über seinen übertriebenen Hang zur Adoration der
Freundin, über seinen Kult der geteilten Genialität, auch über seinen
monumentalen Ehrgeiz gewundert oder gar geärgert haben. Der Brief vom 18. April
1965, der von New York nach Rom ging, zeigt den Menschen Henze im besten Licht.
Ein Glücksfall des gegenseitigen Verstehens war diese Freundschaft wohl von
Anfang an. Bachmann und Henze lernten sich im Jahr 1952 bei einer Tagung der
Gruppe 47 auf Burg Berlepsch kennen. Zwei 26jährige, die jeder für sich
bereits über eine erstaunliche ästhetische Autonomie und auf erstaunliche künstlerische
Erfolge blicken. Ingeborg Bachmann ist die heimliche und geheimnisvolle Königin
der Gruppe 47, und sie ist - was in den Briefen mit keinem Wort erwähnt wird
und bis vor kurzer Zeit auch nicht bekannt war - in eine Liebesgeschichte mit Paul
Celan verstrickt, die sie zeitlebens mit Diskretion behandelte.
Auf nach Italien
Hans Werner Henze ist, als er im Februar 1953 den
ersten Brief an Ingeborg Bachmann schreibt, auf dem Sprung nach Italien. Er will
und wird erst lange auf der Insel Ischia, dann in Neapel, später - und bis
heute - auf dem Land bei Rom leben. Auch Ingeborg Bachmann zieht es weg aus Österreich
und aus Adenauer-Deutschland. Was sie mit Henze teilt, ist der Wunsch, sich Raum
zu schaffen in der Sphäre des Internationalen. Eine ganze Reihe von (hier übersetzt
vorliegenden) Briefen sind nicht auf Deutsch, sondern auf Französisch,
Italienisch und Englisch verfasst.
Bachmann folgt Henzes Einladung, im Sommer 1953 besucht sie ihn auf Ischia und
bleibt von da an Italien treu. Sie folgt auch seinen enthusiastischen Vorschlägen
zur Zusammenarbeit, sie schreibt bereits 1953 den "Monolog des Fürsten
Myschkin" für Henzes Ballettpantomime "Der Idiot", später
Libretti für seine Opern "Prinz von Homburg" und "Der junge
Lord". Im Jahr 1954 steht sogar die Idee einer Ehe im Raum, einer, so darf
man annehmen, platonischen Ehe. Sie kommt nicht zustande. Ingeborg Bachmann hat
sich beim Standesamt schon um Papiere bemüht, als Henze vor der Heirat zurückschreckt
und damit eine Krise in der Freundschaft auslöst. Die Heiratsidee taucht später
ein zweites Mal auf und verschwindet dann endgültig unter dem Modell der
Freundschaftsliebe.
Im Jahr 1956 leben Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze gemeinsam in einer
Wohnung in Neapel. Aber bei all dem, beim Zusammenleben, Zusammenarbeiten,
Zusammenwohnen und auch in der Kontinuität der Korrespondenz ist er die
treibende Kraft, Bachmann die eher Zögernde, eher Verkappte, eher
Verschweigende. Dem schier unüberblickbaren Pensum ihrer großen und kleinen
Reisen, ihrer nahen und fernen Aufenthaltsorte ist eine beständige Unruhe, ein
beständiger Fluchtimpuls anzumerken und auch die Unentschiedenheit, wem Flucht
und Sehnsucht eigentlich mehr galten, dem Leben oder der Arbeit. Der Rolle als
Frau oder der Rolle als Künstlerin.
Auch Henze war, was Aufträge, Reisen, Liebhaber, Umzüge betraf, von Umtriebigkeit nicht verschont. Aber er wurzelte in seiner künstlerischen Arbeit. Solange seine Freundschaft mit Ingeborg Bachmann währte, hat er ihr offensichtlich zu zeigen versucht, dass die Erde, in der er wurzelt, auch ihr natürlicher Humus - und dass neben ihm ein Platz für sie ist. Nicht nur symbolisch, sondern konkret. In einer Wohnung in Neapel hatte er für Ingeborg Bachmann ein Zimmer frei gelassen. Ein Zimmer für sie allein. Ein Zimmer zum Arbeiten. Sie hat es nie bewohnt. Aber wie Henze von diesem Zimmer schreibt, wie er es erwähnt, eher nebenher, dass es nicht zu bedeutsam auf Bachmann wirkt - auch das ist berührend und nimmt stark für den Komponisten ein.
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2.)
Briefe einer
Freundschaft.
Briefe von Ingeborg
Bachmann und Hans Werner Henze (2004, Piper).
Besprechung von Dorothea Husslein im Münchner
Merkur, 21.12.2004:
Die
wichtigste menschliche Beziehung
Der leidenschaftliche Briefwechsel von
Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze
"Mir ist völlig klar, dass die Freundschaft mit Dir die wichtigste menschliche Beziehung ist, die ich habe, und das soll sie auch bleiben. Ich habe immer an Dich geglaubt, und an Dich werde ich glauben bis ans Ende meines Lebens." So die junge österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann an den aufstrebenden deutschen Komponisten Hans Werner Henze. 1952 lernten sie sich in Göttingen bei einem Treffen der Gruppe 47 kennen. Von ihren Charakteren extrem verschieden, entdeckten sie, beide Jahrgang 1926, jedoch schnell ihre Seelenverwandtschaft und entwickelten eine tiefe, außergewöhnliche Freundschaft. Daraus entstand ein Jahr später ein leidenschaftlicher Briefwechsel.
Erstmals ist er jetzt, wenngleich unvollständig,
veröffentlicht worden. Intime Briefe, die erschütternde Einblicke in das Leben
der empfindsamen und zerrissenen Persönlichkeit der Bachmann geben und die die
unterschiedliche Kompensation persönlicher Lebensprobleme durch künstlerische
Arbeit im Nachkriegsdeutschland dokumentieren. Bachmann und Henze trugen an der
Last, aus Familien mit nationalsozialistischer Vergangenheit zu stammen. Der
damals schon international erfolgreiche Henze war vom Glauben an ihrer beider
Genie überzeugt und bewunderte die Bachmann. Er war ihr bei ihren Abstürzen
und unerfüllten Liebesbeziehungen zu Paul
Celan (der im Briefwechsel nicht erwähnt wird) und nach der Trennung von Max
Frisch fürsorglicher Seelentröster, mahnte sie als Ablenkung mit Nachdruck
zur Arbeit, ließ sie beispielsweise das Libretto zur Oper "Der junge
Lord" schreiben. Sie verfasste viele Libretti für Henze, darunter die
Textfassung zu seiner Ballettpantomime "Der Idiot", ihre zweite
Buchveröffentlichung überhaupt.
Zeitweilig wohnten sie in Neapel zusammen. Zweimal trug Henze ihr gar selbst die
Ehe an. Vertrauen und Humor waren Grundlage dieser Freundschaft, obwohl der
Kontakt später, als beide nicht weit voneinander in Italien lebten,
sporadischer wurde. Doch die Freundschaft, die auch für Hans Werner Henze, der
die Probleme als Homosexueller in den 50er-Jahren verarbeiten musste, wichtig
war, blieb bis zum Tod Ingeborg Bachmanns im Oktober 1973 bestehen.
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