Briefe aus dem Krieg. 1943-1946 von Ernst Jandl, 2005, LuchterhandBriefe aus dem Krieg. 1943-1946.
Briefe von Ernst Jandl (2005, Luchterhand, hrsg. von Klaus Siblewski).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 26.4.2006:

Ausgemergelt, sehr
Ein Lyriker am Anfang: Ernst Jandls Briefe aus dem Krieg 1943-46

Ernst Jandl hat sein lyrisches Werk als österreichischen Beitrag zu einer modernen Weltdichtung verstanden, er wollte für die Lyrik so revolutionär sein wie Schönberg für die Musik. Das ist kein kleiner Anspruch, der aber schon in Ordnung geht; und die Kanonisierung schreitet auch nach seinem Tod weiter voran, nach dem Abschluss der zweiten Werkausgabe, einem großen Bildband, den poetischen Gedenk-Monumenten Friederike Mayröckers ist nun ein erster Band mit Briefen erschienen, ein kleines Konvolut aus den Kriegsjahren von 1943 bis zur Entlassung Jandls aus der englischen Kriegsgefangenschaft im April 1946.

In kleinen Teilen waren diese Briefe schon bekannt, aber erst in ihrer Gesamtheit können sie ihre Wirkung entfalten. Man findet darin manche Alltags-Realien, die kaum je so deutlich zu lesen waren. Das können Details dieser speziellen Soldaten-, zeitweise Offiziersausbildung sein oder Lektüren wie der Artillerie-Band des Werkes Dienstunterricht im Heer, den die Familie besorgen soll. Vor allem aber wird das durchgehende Lebensgefühl einer existentiellen Unsicherheit drastisch vor Augen geführt; der junge Soldat weiß nicht, wann und ob er noch an die Front kommt, er schreibt von der "ungeheuren Gerüchteflut" gegen Ende eines Lehrgangs. Keiner weiß Ende November 1943, ob er Weihnachten an der Ostfront oder zuhause bei der Familie sein wird.

Papa tippt Gedichte ab

Erst in der englischen Gefangenschaft wird die Ungewissheit harmlos - es gibt genug zu essen, zu rauchen und ein warmes Bett, Jandl kann sich mit der englischen Sprache beschäftigen, und er liest die neue Literatur, die es im Nationalsozialismus nicht gab. Er wartet nur noch auf einen Brief der Familie und auf die Entlassung in eine bessere Nachkriegswelt.

Der hier wahrnimmt und notiert, ist ein Lyriker am Anfang, der seinen Vater Gedichte abtippen lässt und der fast wahllos Gedichte einsaugt, von Hölderlin und Mörike ebenso wie vom NS-genehmen Börries von Münchhausen. Zwei Gedichte aus diesen Jahren sind faksimiliert; von dem einen, in dem "graues heer durch graue straßen" wankt, "kotverkrustet, ausgemergelt", hat Jandl mitgeteilt, er habe es mit 19 Jahren geschrieben und auf einer Feier im Februar 1944 dem Reserveoffiziersbewerber-Lehrgang (ROB) vorgetragen, "worauf sich die offiziere wortlos erhoben und, gefolgt von den feldwebeln und den unteroffizieren, den raum verließen".

Jandls Überlebensstrategie wirkt zunächst paradox, er versucht zeitweise, sich auszuzeichnen, schreibt auch einmal - ob für die Briefzensur oder im Ernst, ist nicht auszumachen -, das Schießen in der Ausbildung mache ihm große Freude. Sein Ziel war aber gerade nicht, schnell an die Front zu kommen, sondern in immer weiteren Lehrgängen in Österreich zu bleiben.

Fluchen hilft immer

Die Urteilssicherheit dieses 18-, 19jährigen ist beeindruckend, er hat auch über die Zeitumstände von Diktatur und Krieg hinaus einiges hinter sich: Als er 15 war, starb seine Mutter an einem Nervenleiden, mit 16 begann er ein Verhältnis mit der Wirtschafterin, mit 17 war er Vater, ohne es zu wollen und ohne sich ganz sicher zu sein; auch ein Bewältigungsversuch dieses Verhältnisses ist abgedruckt, Gertrude. Ein Bekenntnis. Seine Briefe sind präzis, oft auch nur lakonische Mitteilungen und Wünsche, manchmal forciert abgebrüht, ein unter Zwang früh Erwachsener: "Meine innere Ruhe, den Sarkasmus und die Ironie, die manchmal auch in Zynismus auszuarten droht, kann mir jedoch kein Teufel nehmen. Fluchen hilft und der Gedanke an ein Zitat."

Der Band ist anrührend illustriert, neben Porträts des jungen Jandl allein, im Familienkreis oder neben der flötenden Stiefmutter sitzend, ist "Jandls Hundemarke" zu sehen, die Geburtsanzeige seiner Halbschwester, dazu Faksimiles von Briefen, Kriegsgefangenenkarten usw. Von diesen Beigaben abgesehen, wirkt Klaus Siblewskis Edition teilweise dilettantisch: Der Kommentar ist wenig lesefreundlich und enthält manch kruden Leerlauf, wo man von einer Fußnote zur anderen geschickt wird, um schließlich wieder nur vor einem "nicht ermittelt" zu stehen. Auch wird behauptet, Jandls Briefe seien allesamt an seinen Vater gerichtet gewesen, obwohl er auch an andere Familienmitglieder geschrieben habe. Von diesen Briefen habe sich aber "kein einziger" erhalten, heißt es im Kommentar; abgedruckt sind dann aber durchaus zwei Briefe an die "Liebste Mama".

Die dickste philologische Kröte muss man mit dem Nachweis schlucken. Hier wird erklärt, die Fotos stammten aus Privatbesitz, es wird uns aber vorenthalten, woher denn die hier herausgegebenen Briefe stammen. Jandl selbst wird sie kaum fünf Jahre nach seinem Tod überreicht haben, auch kann der Verlag nicht gut das Urheberrecht an nachgelassenen Schriften besitzen, wie das Impressum suggeriert. Jandls Nachlass ist von der Österreichischen Nationalbibliothek und damit vom Staat Österreich gekauft worden; erwähnt wird das nicht. Möge der Absatz des Buches um Jandls willen dennoch nicht im "Regen und Dreck" bleiben, die der Soldat einmal zum "Vordergrund unseres Daseins" ernennt.

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