Briefe
1893-1913.
von Else Lasker-Schüler
(2003, Suhrkamp).
Besprechung von Andreas B. Kilcher in der Frankfurter Rundschau, 23.12.2003:
Sie liebte wie Joseph in Ägypten
In den zwischen 1893 und 1913
geschriebenen Briefen erweist sich Else Lasker-Schüler einmal mehr als
begnadete Exzentrikerin
Ihren Zeitgenossen hat sie sich als "Tino
von Bagdad" und "Prinz Jussuf von Theben" vorgestellt und unter
solchen Maskeraden die literarische Moderne von der Jahrhundertwende bis in die
Weimarer Republik wesentlich mitgeformt; 1933 musste die in Wuppertal geborene
und in Berlin lebende Schriftstellerin Deutschland verlassen, nachdem sie auf
offener Straße tätlich angegriffen wurde; Anfang 1945, kurz vor Kriegsende,
starb sie - in Deutschland vergessen - im "Hebräerland" Palästina.
Heute aber zählt die deutsch-jüdische Lyrikerin, Dramatikerin und Romanautorin
Else Lasker-Schüler zu den Klassikern der Moderne.
Eines ihrer charakteristischen Markenzeichen waren ihre Briefe, die nun im
Rahmen der kritischen Ausgabe der Werke im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag
neu ediert werden und damit sowohl die zweibändige Briefausgabe von Maragarete
Kupper von 1969 als auch die Einzelzausgaben der Briefe mit Karl Kraus (1959),
Salman Schocken (1986) und Franz Marc (1988) ablösen werden. Die Fruchtbarkeit
des neuen editorischen Unternehmens zeigt sich schon daran, dass von den
insgesamt 638 Briefen und Postkarten allein des inzwischen vorliegenden ersten
Briefbandes über die Hälfte Erstveröffentlichungen sind.
Dies ist zweifellos ein großer editorischer Erfolg der Herausgeber, die über
lange Jahre und nicht nur in öffentlichen Bibliotheken und Archiven wie der
Hebräischen Nationalbibliothek, dem New Yorker Leo Baeck Institute, dem
Marbacher Literaturarchiv oder der Stadtbibliothek Wuppertal, sondern auch in
Privatbesitz in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland nach Briefen
nachgeforscht haben, wobei von dem umfangreichen neugefundenen Material der
passionierten Briefschreiberin kaum restlos alles ediert werden konnte.
Professionell ist diese Ausgabe auch in den Anmerkungen, die über Datierung, Überlieferung
und historische Kontexte Auskunft geben und mehr als die Hälfte des Bandes
umfassen.
Dieser erste Briefband dokumentiert den Weg der Wuppertaler Bankierstochter aus
der bürgerlichen in die künstlerische Existenz. Er zeigt, wie die junge Else
Lasker-Schüler nach abgebrochener Schule und mit ihrem ersten Ehemann Jonathan
Lasker 1894 nach Berlin geht, unter anderem bei Simson Goldberg ihr Talent als
Zeichnerin ausbildet, sich dann mit dem Bohèmedichter Peter
Hille verbindet und zunehmend in der Künstlerszene heimisch wird, um die
Jahrhundertwende ihre ersten Gedichte publiziert und sich damit zunächst vor
allem als Lyrikerin etabliert - nach Gottfried
Benns späterem Urteil "die größte Lyrikerin, die Deutschland je
hatte" -, sich mit Herwarth Walden verheiratet und 1912 nach einer
Skandinavien-Reise schmerzlich wieder von ihm trennt. Unter den Adressaten
dieser frühen Jahre finden sich neben Else Lasker-Schülers Familie und ihren
Verlegern Axel Juncker, Heinrich Bachmair und Kurt Wolff vor allem Künstlerfreunde
wie Karl Kraus, Paul
Zech, Franz Marc und Karl
Wolfskehl. Die Geburt der Dichterin zeigt sich symptomatisch an der
Erfindung des literarischen alter ego "Tino", mit dem Else
Lasker-Schüler seit Herbst 1900 ihre Briefe unterschrieb. Peter
Hille hatte ihr diesen Namen gegeben, den sie als literarische
Ich-Figuration übernahm und - das ist bezeichnend - eben nicht nur in
literarischen Texten wie im Peter Hille-Buch (1905) und in Die Nächte
Tino von Bagdads (1907) verwendete. Auch ihre Briefe unterschrieb sie mit
"Tino".
Damit verschmilzt bei ihr die übliche Grenze von Fiktion und Realität in einer
imaginären Figuration: der orientalischen "Prinzessin" Tino. Dem
folgte 1910 der "Prinz Jussuf von Theben", ihre wichtigste, nunmehr
biblisch motivierte Ich-Figuration. In zwei Briefen an den Kunsthistoriker
Eduard Plietzsch vom November 1910 erklärt sie diese Figur als exilierten
Traumdeuter und Schreiber, oder genauer und bezeichnenderweise - als einen
Schreiber von Briefen:
"Wenn ich an Sie schreiben werde so werden es dieselben Briefe sein, die
Jussuf von Egypten Pharao schrieb mit dem Griffel auf Stein. Sie sind ein
deutscher Prinz und König und ich bin aus Cana, Jakobs Sohn und trage den
lammblutenden Rock. Sie sind mir einmal schon in meiner Bibelzeit begegnet und
Träume habe ich gedeutet, Ihre Träume . Und du glaubst mir noch immer nicht, süßer
König, daß ich Joseph der Egypter bin. Ich trug am Abend, als du in den Vorhof
tratst, nicht meinen bunten Rock. Ich werde ihn aber anlegen wenn du heimkehrst
- und wenn dir mein Bild gefällt dann magst du es behalten. Ich flöte die
Heerde zusammen. Ich sende es dir nicht, weil es mein Bild ist, das wäre ja
aufdringlich, ich beweise nur mit ihm, daß ich es bin und daß ich verkauft bin
wie Joseph und daß ich Träume deute, daß ich liebe wie Joseph in Egypten."
Wo die Mystifikation in den Brief eindringt, wird dieser selbst zur
literarischen Gattung. Else Lasker-Schüler hat dies auch in dem
halb-fiktionalen Briefroman Mein Herz (1912) durchgespielt und dabei den
Transfer des Briefes in die Literatur endgültig vollzogen. Diese Briefe -
ediert im dritten Band der kritischen Werkausgabe - publizierte sie bereits 1911
und 1912 in der von Walden redigierten Zeitschrift Der Sturm als Briefe
nach Norwegen, die Buchausgabe wurde lediglich um 20 Zeichnungen der Autorin
ergänzt. Lasker-Schüler thematisiert hier zum einen ihre Trennung von Walden,
zum anderen das Leben der Berliner Bohème, die sich vorwiegend im Café des
Westens traf. Die Adressaten werden zur "Renntieren" oder "sehr
edlen Gesandten", sich selbst tituliert sie als "Dichterin von
Arabien, Prinzessin von Bagdad, Enkelin des Scheiks, ehemaliger Jussuf von Ägypten,
Deuter der Ähren, Kornweser und Liebling Pharaos".
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