Brief an den Vater von Franz Kafka, 2004, WagenbachBrief an den Vater.
Briefe von Franz Kafka (2004, Wagenbach, hrsg. von Hans-Gerd Koch,
Nachwort von Alena Wagenerova).
Besprechung von Katharina Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 12.5.2004:

Franz und Frantik ziehen durch Prag
Glücksfall nicht nur für Fans: Kafkas "Brief an den Vater", neu gelesen durch die Brille eines Lehrlings im Familienunternehmen

Wer von den älteren Fans glaubt, seinen Kafka intus zu haben, wird von dieser geglückten Veröffentlichung aus dem Verlag der "ältesten Kafkawitwe" (O-Ton Klaus Wagenbach) überrascht und außerdem in seinem Enthusiasmus für diesen singulären Autor ein weiteres Mal sich bestätigt sehen. Vor uns haben wir den Parallelabdruck von Kafkas Brief an den Vater, der seit seiner posthumen Erstveröffentlichung 1952 viel Gelegenheit zur sentimentalen Identifikation seitens sozialisationsgeschädigter Leser und theologisch oder existenzialistisch infizierter Interpreten geboten hat. Daneben bietet uns dieses mit einschlägigen Dokumenten wohlversehene Buch in Auszügen die erst 1994 veröffentlichten Erinnerungen eines gewissen Frantisek X. Basik, der von September 1892 bis Anfang 1895 im Kafkaschen Familienunternehmen - Galanteriewaren en gros und en détail - Lehrling war.

Für einige Zeit war dieser ambitionierte Proletarierjunge auch der Gesellschafter und Tschechisch-Lehrer unseres Franz Kafka. Auf eine Stunde Sprachunterricht folgte eine weitere Stunde, in der der fünf Jahre ältere Frantik mit Franz durch Prag schlunzen durfte. Dazu wurde Franz mit Geld ausgestattet, die zum Kauf von Naschwerk verwendet und dabei fast halbe-halbe aufgeteilt wurden. Einmal gar wurde der Lehrling Frantisek für zwei Wochen in die Sommerfrische von Frau Kafka und ihren Kindern mitgenommen und entkam dadurch vollends einem Arbeitsalltag, der morgens um sieben begann und erst abends um acht endete. Manche Arbeitskollegen - und der Geschäfts- und Privathaushalt von Hermann Kafka umfasste wenigstens ein Dutzend Angestellte - neideten dem aufgeweckten Lehrling seine Privilegien.

Großzügiger Arbeitgeber

Leicht fiel es auch seinem Arbeitgeber nicht, dem "Vater" aus Kafkas berühmtem Brief, dem Lehrling den Besuch der beruflichen Fortbildungsschule zu gestatten. Am Donnerstag von sechs bis acht Uhr abends und am Sonntag Vormittag durfte Frantik nach einer neuen Verordnung wieder in die Schule gehen, um mit der Theorie von Handel und Wandel den Kopf über den Trott der alltäglichen Arbeit zwischen dem Abstauben der Lagerbestände, dem Eintreiben von Schulden und der Besorgung des Imbisses für die älteren Angestellten doch für einige Stunden zu entkommen.

Keine Frage, dass dieser tschechische Proletarierjunge namens Frantisek X. Basik, auch ausweislich seines bohèmehaften Lebenslaufs, den er 1940 in umfangreichen Erinnerungen niederschrieb, auch ohne den Bezug auf Franz Kafka und seinen Vater das Interesse des Historikers verdient, gerade heute, wo die Erweiterung der EU uns noch einmal neu mit den Nationen und Staaten Osteuropas und ihrer Geschichte konfrontiert. Zu Basiks und Kafkas Lebzeiten wurde Prag aus einer "deutschen" zu einer tschechischen Stadt. Das Gymnasium, das auch Kafka besuchte, war noch deutschsprachig - und wurde fast ausschließlich von Kindern jüdischer Herkunft besucht. Nach Ausweis der Probe, die Basiks Erinnerungen im Zeichen Kafkas bieten, müssten sie in ihrer Präzision für Historiker eine Fundgrube sein. Für den Jugendforscher sind sie es schon in den Auszügen, die diese Veröffentlichung bietet.

Keinen Anlass bieten sie allerdings, an der Großartigkeit von Kafkas Brief an den Vater, geschrieben Ende 1919, zwei Jahre nach dem Ausbruch der tödlichen Lungentuberkulose und im Kontext eines wieder einmal gescheiterten Heiratsprojekts unseres eigentlichen Helden Franz K., irgendwie zu zweifeln. Gewiss erscheint Hermann Kafka, der monumentalisierte "Vater" von Franz, in den Erinnerungen des aufgeweckten Lehrlings in einem anderen Licht- zusammen mit seiner Frau Julie, ein wasserfestes und glückliches Ehepaar nach den Auskünften des Lehrlings. Eine Tatsache, die unseren Franz im Brief an den Vater zu der Einsicht berechtigt, dass die Mutter im Konflikt mit dem Vater die fatale Rolle eines "Treibers bei der Jagd" innehatte. Sie vermittelte nach beiden Seiten und schützte und verhinderte gerade dadurch die Freiheit des Sohnes. Hätte die Mutter für die eine oder die andere Seite Partei ergriffen, wäre Kafka aus dem Schneider gewesen.

Der Lehrling Frantik hat das Ehepaar Kafka, ganz anders als unser Franz, als überdurchschnittlich liberale Arbeitgeber erlebt, die Einstellung zum Sohn als fürsorglich und einfühlsam. Vater Kafka beförderte Frantik nicht nur zum Hilfsbuchhalter, er entließ ihn auch großzügig mit einem guten Zeugnis, als dieser in Bunzlau sich einen besseren Job ausgespäht hatte. Trotzdem oder vielleicht gerade wegen dieser positiven Sicht auf den "Vater" des Briefs seitens eines Außenstehenden, beeindruckt Kafkas wiedergelesener Text einmal mehr als großartige und damals wie heute immer noch brisante Literatur.

Mag bei unserem Franz K. das Bedürfnis nach Abrechung mit dem Vater den Auslöser zum Schreiben des "Briefs" geboten haben, so fand er doch schnell den Weg von seiner bloß authentischen, biographischen Situation zum interessanteren Sujet unschuldig schuldhafter Generationsbeziehungen, solche nämlich, denen das moderne Individuum mit all seinen Selbstzweifeln und Ansprüchen auf Selbstverwirklichung, aber auch hochfliegenden Idealen für die Menschheit, zuvörderst seine neue Existenz verdankt.

Was hat unser Franz dem Vater Hermann, dem ungebildeten Aufsteiger aus dem jüdischen Milieu des Dorfes, letztlich vorzuwerfen? Einen Realismus und Pragmatismus, der im ideologisch geprägten 20. Jahrhundert nicht mehr weiterhalf. Franz Kafka war zeitweise Sozialist, dann Zionist. Der Vater war - gar nichts. Hätte unser Franz sie noch erlebt, würde er die Deklaration der Menschenrechte und die Gründung der Vereinten Nationen sicher begrüßt haben, aber eben weil er der moderne Protagonist des allgemeinen und unvermeidlichen Schuldzusammenhangs und des ewigen Selbstzweifels ist, hätte er auch das mit den abgründigen und zum Grübeln einladenden Texten kommentiert, für die wir ihn heute noch verehren.

Frantisek X. Basiks Auskünfte über den zwölfjährigen Kafka sind auch deshalb so besonders kostbar, weil der Autor dieser Memoiren keine Ahnung davon hatte, welche spätere Weltberühmtheit er damals als Gesellschafter betreut hatte. Er starb am 10. Februar 1963 in Liberec (Reichenberg). Erst am 27./28. Mai desselben Jahres fand unter der Leitung von Eduard Goldstücker, anlässlich des bevorstehenden 80. Geburtstages unseres Franz K. die berühmte Kafka-Konferenz statt, mit der dieser Autor, seit dem Kriegsende jenseits des Eisernen Vorhangs zur existenzialistischen Ikone mutiert, auch dort eine vorsichtige, aber zukunftweisende Anerkennung als Maulwurf der Moderne erhielt. Die von den sorgenden Eltern gestiftete Beziehung von Franz und Frantik endete übrigens, weil Frantik und Franz bei ihren Spaziergängen auf sexuelles Terrain gerieten. Franz wollte vom älteren Frantik über das Eheleben und das Kinderkriegen Aufklärung erhalten. Im Brief an den Vater findet die Szene sich wieder. Nun provoziert der sechzehnjährige Franz bei einem weiteren Spaziergang durch Prag die Eltern mit seinen Fragen. Sie können nicht reden. Sie sind noch fixiert auf Konventionen, denen ihr grüblerischer Sohn auf ewig den Kampf ansagen sollte. Er ist, gerade auch im neu gelesenen Brief an den Vater, der Protagonist nicht von Anschauungen und Überzeugungen, sondern eines Modus des Selbstverhaltens, der wahrhaft modern ist. Und, nebenbei bemerkt, was für ein Sprachgenie gehört dazu, eine vordergründig private Familiengeschichte in so einer ungeheuren und gerechten Präzision zu fassen! Wie es Kafka im Brief an den Vater geglückt ist. Er hat ihn nie abgeschickt und zu einer offenbar geplanten Veröffentlichung ist es zu Lebzeiten von Kafka auch nicht gekommen.

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