Briefe 1959-1994.
von Günter Grass und Helen Wolff (2003, Steidl).
Besprechung von Heinz Ludwig Arnold in der Frankfurter Rundschau, 3.7.2003:

Du bist ein weißer Fleck
Freundschaft in Briefen: Helen Wolff und Günter Grass

Endlich mal wieder ein rundum lesenswertes Buch von Günter Grass: sein Briefwechsel mit Helen und Kurt Wolff, seinen amerikanischen Verlegern. Das Konvolut von 25 Briefen Kurts und 231 Briefen Helens und 127 Briefen (inklusive Postkarten) von GG reicht von 1959 bis ins Jahr 1994, da starb Helen Wolff, am 29. März, im 88. Lebensjahr. Daniela Hermes, die den Band kenntnisreich betreute, schreibt, der Briefwechsel sei nicht ganz vollständig. Das stört aber nirgends den Fluss der Lektüre, der die Entwicklung dieser Brief- und bald persönlichen Freundschaft ausgezeichnet abbildet.

Kurt Wolff, als junger Mann Verleger von Franz Kafka und Robert Walser, hatte, noch bevor die Blechtrommel erschienen war, Günter Grass um ein Manuskript oder Fahnen gebeten, weil er das Buch für eine englischsprachige Übersetzung im Verlag Pantheon Books prüfen wollte, dessen literarisches Programm er und seine Frau Helen leiteten. Und noch bevor die Blechtrommel ins Gewitter der deutschen Kritik geriet, schrieb Kurt Wolff in seinem Gutachten: "Wenn ich versuchen soll, das Buch in die richtige historische Perspektive zu stellen, würde ich sagen: Ohne prophezeien zu wollen, dass die Nachwelt Grass auf die gleiche Stufe mit Kafka und Joyce stellen wird, bin ich der Meinung, dass er dieser Linie durchaus angehört." Darauf ließ sich natürlich gut bauen.

Während Grass Anfang der 60er Jahre an seinem zweiten Roman Hundejahre saß und davon die Novelle Katz und Maus ablöste, suchte Wolff einen Übersetzer für die Blechtrommel und fand ihn schließlich in Ralph Manheim, der dann fast alles, was von Grass ins Englische übersetzte (Manheim ist 1992 gestorben). Doch im selben Jahr, da Katz und Maus erschien, 1961, verließen die Wolffs den Verlag Pantheon Books und edierten fortan ihre "Helen and Kurt Wolff Books" im Verlag Harcourt Brace Jovanovich.

1963, als in Deutschland Hundejahre herauskamen, erschienen in Amerika The Tin Drum bei Pantheon (im Februar) und Cat and Mouse in den Helen and Kurt Wolff Books (im August), beide Bücher in Manheims Übersetzung. Zwei Monate später, am 21. Oktober, wurde Kurt Wolff in Ludwigsburg, auf dem Weg nach Marbach, von einem Lastwagen erfasst und getötet. An seiner Beerdigung nahmen viele deutsche Verleger und Schriftsteller teil. Und am 5. November schrieb Helen Wolff: "Lieber Günter Grass, wir haben zusammen gearbeitet, Feste gefeiert, Messe gespielt und am Grab gestanden. Sie sind mir sehr nah. Ich möchte Ihnen sagen, dass mir Ihre Anwesenheit, Ihre letzten Worte (in jedem Sinn) wohlgetan haben, weil sie so ganz das waren, was Kurt sich gewünscht, was ihn erfreut hätte - kein Pathos, kein tierischer Ernst, männlich, kurz, liebevoll, wahr. Ihre Helen."

Grass reiste erstmals im Mai 1964 mit seiner Frau Anna per Schiff in die USA, und Helen Wolff organisierte das ganze Programm für ihren neuen Autor. Parties, Pressekonferenzen, Lesungen, Interviews, etwa mit der New York Times, lösten einander ab. Zudem hatte Manheims Blechtrommel-Übersetzung gerade den internationalen PEN-Übersetzerpreis bekommen. Helen Wolff kam damals übrigens schon auf die Idee, die Arbeit der Grass-Übersetzer zu erleichtern, und zwar mit der Tonaufnahme von einer Grass-Lesung, nach der die Übersetzer "das Hämmern" der Grass'schen Sprache, "das Anschlagen des gleichen Tons in ganz bestimmten, strengen Rhythmen" besser nachvollziehen und nachbilden könnten. Sie war für Grass eine fürsorgliche Verlegerin. Und Grass revanchierte sich bei ihr - zum Beispiel mit der Vermittlung anderer deutscher Autoren. So brachte er schon bei seiner nächsten USA-Reise 1965, anlässlich des Erscheinens von Dog Years, Uwe Johnson mit, der dann Autor der Helen and Kurt Wolff Books wurde.

Damals wurde Grass der erste amerikanische Doktorhut verpasst. Er war nun bekannt in den USA. Alle seine erzählenden Bücher sind in den USA sehr bald nach ihrem Erscheinen in der Bundesrepublik in hohen Auflagen erschienen, und die Gedichte, Stücke, die literarischen und politischen Aufsätze und Reden in unterschiedlichen Auswahlbänden. Sie sind meist positiv besprochen worden; sehr viel positiver als in Deutschland - kein Wunder, dass Grass sich in Amerika wohlfühlte. Fast immer, wenn ein Buch dort erschien, reiste er in die Staaten.

Helen und Günter, wie sie sich bald siezten, teilten auch allermeist ihre literarischen Urteile - so nannte Grass Peter Bichsel, als der 1965 den Preis der Gruppe 47 bekommen hatte, in einem Brief "sehr begabt, sehr sensibel, in der Robert-Walser-Nachfolge, mir etwas zu feinsinnig und zum Schmunzeln verleitend", was Helen Wolff in ihrer Antwort mit der Adnote versah: "das Wort feinsinnig versetzt ihm jetzt den Todesstoß". Auch so konnte es zugehen zwischen den beiden. Aber das ist nur eine En- passant-Geschichte.

Ausführlicher handeln die beiden von Uwe Johnson, der durch Grass auf den amerikanischen Geschmack gekommen war und, seit er sich für längere Zeit in New York niedergelassen hatte, von Helen Wolff freundschaftlich betreut wurde. Und da fällt schon auf, dass Grass' öffentlich gesprochenes Wort nicht immer mit dem privaten zusammenfällt. Während er im Januar 1971 den ersten Band von Johnsons Jahrestagen "wegen seiner Betulichkeit in den mecklenburgischen Passagen" lobt, kritisiert er grundsätzlich, "dass dieses Buch keinen Lektor gefunden hat. Es wird, so befürchte ich, auch in seinen Fortsetzungen an seiner nicht tragfähigen Konzeption scheitern". Ein Urteil, das Daniela Hermes im Kommentar mit einer Passage aus Grass' Nachruf auf Uwe Johnson zu mildern sucht. Oder Grass hätte sich eben als lernfähig erwiesen.

Natürlich fehlt in diesem Austausch der Meinungen nicht die Politik - und auch in ihrem politischen Urteil waren sich die beiden meist einig. Als Grass nach Bildung der Großen Koalition 1966 schreibt, "meine Versuche, Wahlkampf etc., endeten mit einer Niederlage", antwortet Helen Wolff: "Sie sind ein großer weißer Fleck auf einer schwarzen Weste". Später, nach Vietnamkrieg und während der US-amerikanischen Bedrängung Nicaraguas, gibt es freilich ein paar Auseinandersetzungen über eine Amerikakritik von Grass, die leicht als Antiamerikanismus verstanden werden kann - doch wie fern liest sich heute, was Helen Wolff da im Dezember 1982 schrieb: "Du wirst hier immer wieder eine Toleranz finden, die aus der Vielfalt der Herkunft zu erklären ist ... Und ganz wesentlich, von Barbara Tuchmann formuliert: The Americans are a violent people, they are not a military people. - Versteh mich recht: Ich fühle mich keineswegs zugehörig, ich verteidige nicht meine Familie. Aber der Antiamerikanismus lässt vergessen, dass die Amerikaner aus ihrer Natur und ihren Interessen heraus kein Eroberervolk sind."

Verständlich bei der immer enger werdenden freundschaftlichen Beziehung der beiden Briefpartner, dass bei solchem Meinungstausch neben dem professionellen Handwerk auch viel Privates zur Sprache kommt. Allerdings mit großer Diskretion. Immerhin lassen manche Briefe Grass' Betroffenheit über den Lauf der privaten Dinge ahnen, manchmal Trauer, oder Melancholie. Und immer den Stolz des Vaters. Vor Helen Wolff wird Grass zum geradezu empfindsamen Günter - sie wurde, das legt die Lektüre dieses Briefwechsels nahe - seine geistige, aber wohl auch mütterliche oder schwesterliche (das lässt sich gar nicht so leicht unterscheiden) Freundin; und wenn er 1994 in seiner Abschiedsrede auf Helen Wolff schreibt, sie fehle ihm, dann darf man das nicht als Floskel lesen, sondern als Zeichen eines tief empfunden Verlust.

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