
Briefe
aus der Werkstatt
des Nachdichters
Franz
Fühmann, 1961-1984, mitgeteilt vom Adressaten Paul Kárpáti/Közzéteszi
a levelek címzettje Kárpáti Pál
(2007, Pernobilis Edition/Engelsdorfer Verlag/2007, Argumentum
Verlag, Budapest).
Besprechung von Lutz Volke für die Rezensionen-Welt,
September 2007:
"Ich schaue in die ungarische
Lyrik wie ein tauber Ali Baba, dem man, da er den öffnenden Zauberspruch nicht
mehr lernen kann, Fensterchen in den Sesamberg schlägt, hier eins und dorten
noch eins, und durch diese Fensterchen sieht er dann Schätze funkeln, doch
immer nur die, die das Fenster ihm zuweist, und nie die Gesamtheit, und nie den
Zusammenhang."
So steht es in Franz Fühmanns Notizen zu einer Ungarnreise,
die unter dem Titel "Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens"
1974 im Rostocker Hinstorff Verlag erschienen sind. Der wichtigste
Fensteröffner war für Fühmann - wie auch für viele andere deutsche Autoren,
die sich mit Nachdichtungen ungarischer Lyrik befassten - der für viele
Jahrzehnte an der Humboldt-Universität in Berlin tätige ungarische Philologe
und Übersetzer Paul Kárpáti. Ohne ihn ist ein großer und wichtiger Teil des
Fühmannschen Schaffens, die Nachdichtungen aus dem Ungarischen und
dazugehörige Aufsätze, nicht denkbar. Die Arbeitskontakte zwischen beiden
waren so eng, dass nun ein ganzer Band mit Briefen erscheinen konnte, die Franz
Fühmann an Paul Kárpáti richtete. Und das wiederum ist nach den Auskünften
des Adressaten nur ein winzig kleiner Teil des Gedankenaustauschs zwischen dem
Nachdichter und seinem Internlinearübersetzer. Denn Kárpáti ist mehr als ein
braver Zeilenübertrager, er ist - mit fundamentalem Wissen über die ungarische
Literatur ausgestattet - ein feinsinniger Berater und Aufklärer über alle
Finessen und Nuancen der ungarischen Sprache, in die Fühmann, so sehr er sich
auch mühte, zu seinem Leidwesen nur oberflächlich einzudringen in der Lage
war, aber deren lyrisches Potential er sich und seinen Lesern in
größtmöglicher Annäherung erschließen wollte. Fühmann war in mehrfacher
Hinsicht auf seinen Mitarbeiter angewiesen, wie sehr, das geht aus vielen
Briefen hervor, in denen er ihn zum einen flehentlich bat, doch bitte so schnell
wie möglich Interlinearübersetzungen zu besorgen, und in denen er zum anderen
dessen Kritik "ganz unverblümt und völlig offen"
herausforderte.
Der 1984 im Alter von 62 Jahren verstorbene Franz Fühmann steht heute, was sein
ureigenstes Schaffen betrifft, vor allem als Prosaautor vor unseren Augen. Seine
Anfänge jedoch lagen in der Lyrik, und ihr galt lebenslang seine große Liebe.
Seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre aber, für Fühmann eine
Tragödie, versiegte die innere Quelle, aus der sich seine Lyrik speiste. Da
wird es ihm geholfen haben, dass Stephan Hermlin ihn bat, für einen Band des
bis dahin in Deutschland völlig unbekannten ungarischen Lyrikers Attila József
einige Gedichte nach Rohübersetzungen zu übertragen. Das Büchlein erschien
1960 in den Verlagen Volk und Welt, Berlin, und Corvina, Budapest. Fühmann, als
Nachdichter seinem ungarischen Kollegen Gábor
Hajnal bereits bekannt, wurde von diesem nun zu weiteren Nachschöpfungen
animiert. Hajnal wies ihn u.a. auf den hierzulande genauso unbekannten Miklós
Radnóti hin. Und von diesem Zeitpunkt an kommt Paul Kárpáti ins Spiel. In
einem ersten Brief vom Dezember 1961 bittet Fühmann Kárpáti um
Zusammenarbeit, die sich dann bis zu Fühmanns Tod hinzog. Noch am Krankenlager
nach schweren Operationen arbeiteten beide zusammen an Dichtungen. Die letzte
Karte an Kárpáti, datiert vom 27. Juni 1984: "Lieber Herr Kárpáti, zum
Monster, was meinen Sie…" (es ging um ein Gedicht von Ágnes Nemes
Nagy),
am 8. Juli verstarb Fühmann.
War es nun bloßer Zufall, der Franz Fühmann zur ungarischen Lyrik führte? Zu
Anfang vielleicht. Dann aber baute sich eine innere Beziehung auf, die sein
Leben berührte, ja, wandelte (Fühmann benutzte den Begriff
"Wandlung" häufig und gern in Bezug auf sich selbst). Die
Beschäftigung mit Miklós Radnóti, 1967 in den bei Volk und Welt erschienenen
Band "Ansichtskarten" mündend, bedeutete ihm mehr als
poetisches Nachempfinden. Bei Radnóti (1909-1944) lag eine Einfühlnahme und
sogar Identifizierung vor, die vielleicht als Wunschautobiografie bezeichnet
werden könnte, ähnlich der Annäherung von Peter Weiss an seinen Ich-Erzähler
in der "Ästhetik des Widerstandes". Wenn da nicht das kaum
vorstellbare, schreckliche Ende Radnótis, dieses begabten Dichters und
"Geschichtsschreibers ganz Europas" wäre: Arbeitslager der SS,
Genickschuss. In seinem Aufsatz "Der Dichter zwischen zwei Kriegen"
schreibt Fühmann: "Die Menschheit musste diese Katastrophe durchstehen,
sie konnte es, sie hatte die Kraft dazu, das war sein Glaube, und er lebte in
seiner Dichtung vor, wie Menschenwürde und Menschentugend, wie Liebe, Wahrheit,
Treue und Lebensmut in der Schlangengrube, im Feuerofen noch bewahrt werden
konnten." Wunschbiografie auch deshalb, weil im Gegensatz zu dem
naziverblendeten Jugendlichen Franz aus dem Sudetenland, der erst im
sowjetischen Kriegsgefangenenlager Einsichten in historische Zusammenhänge
gewann, Miklós Radnóti früh ein Hellsichtiger war. Freilich war in den
sechziger Jahren die Wandlung Fühmanns längst und gründlich vollzogen, war in
den Prosaarbeiten "Kameraden" und "Das Judenauto"
literarisch bewältigt worden, aber etwas anderes war hinzugekommen: die
zunehmende Bedrückung wegen verlogener Kulturpolitik und Gängelung im
Überwachungsstaat DDR. Bald sollte auch er ins Visier der Sicherheitsorgane
kommen, was sogar zu Überlegungen über eine Einweisung Fühmanns in eine
psychiatrische Anstalt führte. In dieser Situation wurde ihm Ungarn zum
Lichtblick. Zwar war auch das nicht das gelobte Land - dieses verschob er
zunehmend in die Utopie -, aber hier fühlte er sich - wie viele DDR-Bürger -
freier, fühlte er sich aufgehoben bei Menschen mit gleicher Wellenlänge, z.B.
bei dem Dichter Gábor
Hajnal (auch ihn hat er übertragen), der Zeilen schrieb wie: "Die
Schatten ungeschriebener Gedichte umflattern mich, / während ich fremde Verse
stille". In ihnen drückt sich der eigene Kummer Fühmanns aus wie auch die
Identifizierung mit Gleichgesinnten. Die Geschichte habe ihn dahin gebracht,
meinte Hajnal: Bitternis der Erfahrung, Mittlertum als Kraftquell. So hat es
auch Fühmann empfunden. Darum nahm er die Kernerarbeit auf sich, Verse aus
einer völlig anders gearteten Sprache möglichst getreu dem originalen Klang,
Rhythmus und Inhalt zu übertragen. Und Fühmann ließ sich nichts durchgehen,
er feilte so lange, bis es seinen hohen Ansprüchen genügte. Stolz war er, wenn
er einen Versfuß entdeckte, der selbst seinen ungarischen Kollegen entgangen
war. In den Briefen an Paul Kárpáti ist eindrucksvoll nachzulesen, wie er
weder sich noch seinen Übersetzer schonte.
Aber noch in anderer Hinsicht war Ungarn sein Sehnsuchtsland. Ganz abgesehen
davon, dass er die dortige Mentalität, das Essen und vor allem Budapest liebte,
wurde ihm hier bewusst, dass sein Leben eine neuerliche Wandlung brauchte. Sein
Denken radikalisierte sich, er hatte die dauernden Kompromisse an die
Kulturpolitik seines Landes über. Das Ungarnbuch trägt den bezeichnenden Titel
"Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens". Als er das schrieb,
hatte Fühmann, geboren 1922, die Hälfte des Lebens längst überschritten.
Schließlich verfasste Hölderlin im Alter von fünfunddreißig Jahren sein
berühmtes Gedicht, dessen Schlussverse lauten: "Die Mauern stehn /
Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen." Welch eine Parallele
zur damaligen Situation. Für Fühmann hieß die Schlussfolgerung - und er
zitiert in einem anderen Zusammenhang Rilke -: "Du musst dein Leben
ändern." Bei der Rückkehr aus Ungarn, kurz vor der Grenze zur DDR,
überlegt er sich: "Den Standort bestimmen, deinen Standort; da anfangen,
wo es anfängt: bei dir". Hier beginnt das eigentliche, zweite Leben des
Franz Fühmann, in dem er sich vornahm, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
in seinen Werken und Äußerungen zuzulassen, argwöhnisch und sorgfältig
beobachtet von Kulturfunktionären und der Staatssicherheit, dokumentiert im
"Operativen Vorgang: Filou".
Diese hier angedeuteten Hintergrundgeschichten gehen nicht in den vorgestellten
Briefband ein, sie hätten ihn wohl auch überfordert. In kurzen Zwischentexten
verweist der Adressat auf zeitliche, weniger auf politische Zusammenhänge. Als
Vorspruch ist ein Zitat aus einem 1969 geschriebenen Brief an die Dichterin
Sarah Kirsch wiedergegeben: "Ansonsten - was wollen Sie denn bei uns alten
Eseln lernen? Wir halten ja schon so brav den Mund und dichten alle nicht mehr
vor, sondern nur noch nach." Das erklärt alles.
So ist dieser Band, gefördert vom Franz Fühmann Freundeskreis Märkisch
Buchholz (Berlin), in der gediegenen zweisprachigen Ausgabe der Verlage
Engelsdorfer (Leipzig) und Argumentum (Budapest) eine wertvolle Ergänzung zu
der Werkausgabe aus dem Hinstorff Verlag, den Briefausgaben und anderen
Sammlungen. Das Engagement für eine solche Herausgabe, die natürlicherweise
nur einen begrenzten Leserkreis findet, kann nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Nicht ganz erklärlich ist, warum Gedichte, zu denen Fühmann mit
Kárpáti in eine umfangreiche Korrespondenz über Formelemente getreten ist,
nicht auch zweisprachig abgedruckt werden, sondern überflüssigerweise auf
beiden Seiten deutsch. Gerade hier hätte doch der Leser eine interessante
Vergleichsmöglichkeit gehabt.
Die erste Vorstellung des Buches geschah am 3.September diesen Jahres in den
Räumen der Berliner Zentral- und Landesbibliothek. Auf dem Podium hatten Paul
Kárpáti und der Lektor des Briefbandes, Paul Alfred
Kleinert, Platz genommen.
Und neben ihnen lagen die ersten Exemplare. Die hatte der Leiter des Budapester
Argumentum Verlages eine Stunde zuvor erst aus seinem Auto geladen. Für alle
Beteiligten, auch der Leiter des Engelsdorfer Verlages war anwesend, war es also
eine brandheiße Buchpremiere. Da weitere Vorstellungen folgen sollen, am 15.
November im Literaturforum im Brecht-Haus und am 7. Dezember im Berggut
Leipzig-Holzhausen, hatten sich die Veranstalter entschlossen, dem jeweiligen
Abend ein eigenes Motto zu geben. So war der erste Abend dem Dichter gewidmet,
mit dem alles begann: Attila József. Der Bibliophile Kleinert hatte sämtliche
deutschen Ausgaben aus eigenem Bestand mitgebracht und gab einen Abriss der
Wirkungsgeschichte und des traurigen Schicksals dieses früh vollendeten und
durch Selbsttötung früh dahingegangenen ungarischen Dichters. An den weiteren
Abenden sollen Miklós Radnóti und der ungarische Klassiker
Mihály
Vörösmarty im Mittelpunkt stehen. Der wahre Mittelpunkt aber ist natürlich
Paul Kárpáti, der entsprechende Briefstellen vorträgt und darüber hinaus von
seinen Zusammenkünften mit Franz Fühmann erzählt. Die fanden oftmals in der
ungarischen Institutsbibliothek gegenüber der Berliner Museumsinsel statt, und
Kárpáti weiß zu berichten, mit welcher Hingabe und Intensität sich Fühmann
der ungarischen Literatur und ihrer Formensprache widmete. "Darüber
könnte man lange plaudern", sagt er oft, und man wünschte, er täte
es.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-welt.de]
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