Briefe 1904-1927.
Drei Bände von Hugo Ball (2003, Wallstein-Verlag, hrsg. von Gerhard Schaub und Ernst Teubner).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 4.2.2004:

Kurze Zeit des radikalen Angriffs
Den Erfinder des DADA wiederentdecken: Briefe von Hugo Ball, seiner Frau Emmy Hennings und ein Briefwechsel mit Hermann Hesse

Einen Namen machte sich Hugo Ball mit der Erfindung eines Namens: DADA. Zwar beanspruchten alle Mitbegründer des "Cabaret Voltaire", wo in Zürich der Dadaismus geboren wurde, Hans Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, die Deutung des Wortes besser zu verstehen als Hugo Ball; seine Version jedoch, die besagt, dass die zwei Silben ein Kindergestammel nachmalten, begreift am ehesten den Charakter der Revolution, die 1916 von Zürich ausging: die Zerstückelung der Sprache in einzelne Klangelemente und die Zersetzung ihres Sinngehaltes.

In seinem Buch Die Flucht aus der Zeit beschrieb Hugo Ball in den zwanziger Jahren die wenigen Monate dieses radikalen Angriffs auf die literarische Tradition. Wie er die wenigen Monate seit der Gründung der "Künstlerkneipe Voltaire" überstand, wie er persönlich auf die Strapazen der Auftritte dort reagierte, lässt sich besser erfahren in den Briefen an Käthe Brodnitz (1884 bis 1971), eine literaturwissenschaftlich geschulte Freundin aus der Münchener Bohème, die Ball zeitweise auch finanziell unterstütze. Im Februar war das "Cabaret" eröffnet worden, schon im Juni klagt Ball ihr gegenüber: "Ich habe eine solche Sehnsucht zu schreiben und neue Sachen auszuprobieren. Das Klavierspielen jeden Abend nimmt mir die beste Kraft."

"Übel, übel, übel"

Ball selbst hatte es daher mit der Abkehr von der dadaistischen "Flucht aus der Zeit" eilig und suchte seinem Mitstreiter Tzara gegenüber nach einer ideologischen Begründung für seinen Schritt: "Ich erkläre hiermit, dass aller Expressionismus, Dadaismus, und andere Mismen schlimmste Bourgeoisie sind. Alles Bourgeoisie, alles Bourgeoisie. Übel, übel, übel. Man wird sagen, sie haben in dieser Zeit mit Holz, Sand, Papier gemalt, weil sie das Geld nicht mehr hatten, Ölfarben zu kaufen. Und es geschah ihnen recht, wird man sagen. Negermusik? KAFFERNMUSIK! O lalalalalalalalalalala!" Nicht immer reagiert Ball so temperament- und geistvoll, wie in diesem Brief an Tzara, mit dem es denn auch bald über die Auflösung des "Cabarets" zu heftigen Streitereien kam.

Die Briefe Hugo Balls, die nun in einer vollständigen Edition vorliegen, zeigen ihn vielmehr in diesen und vor allem in späteren Jahren als einen Taktiker, der sich unentwegt um Publikationen, um Honorare, um die Werbetexte für seine Bücher kümmert, der die Großstädte nach Begegnungen mit Verlegern abfährt, dessen Briefe also Nachrichtenmagazine seines äußeren Lebens sind. Leser denken sich gern die Existenz eines Schriftstellers bewegt von tiefen Gefühlen und hohen Ideen. Wer so das Dasein der Dichter romantisiert, kann durch die Briefe nur desillusioniert werden. In den meisten Fällen erweist sich die Schriftstellerei für Ball als ein wenig einträglicher Brotberuf, der ihn nicht selten sogar zu Bettelbriefen an begütertere Freunde zwingt. Die Briefe zeigen den Alltag des Schreibens und machen deutlich, welch eine Kümmerlichkeit im allgemeinen die Existenz eines Schriftstellers ist, falls dieser nicht gerade zu den Modeautoren gehört.

Ball kämpft für seine Bücher, indem er Freunde zu Rezensionen auffordert und den Verlag, wenn er etwa das Buch zu teuer verkauft, wegen einer regelrechten Rufschädigung zurechtweist: "Das ist für einen Autor", so 1927 an die Herren Duncker und Humblot, "auf dessen Wert und Bedeutung der Verlag im übrigen hinzuweisen unterlässt, katastrophal. Nicht nur dass das Buch unerschwinglich ist und nicht gekauft wird; der hohe Preisansatz verursacht ausserdem, wie ich mich peinlicherweise selbst überzeugen musste, eine Animosität gegen den Verfasser, und zwar bei wirklichen Interessenten."

Freilich ist es nicht Eitelkeit, was Ball zu solch kleinlichen Auseinandersetzungen veranlasst. Gerade die Radikalität seines Lebensentwurfs bringt ihn ins Abseits des Literaturbetriebs. Balls Biographie führt von einer ungewöhnlichen Station zur nächsten. In den Jahren des Ersten Weltkriegs flieht er aus dem kriegsbegeisterten Deutschland in die Schweiz und bleibt dort fast die ganze Zeit seines kurzen Lebens. Im August wird er wegen eines falschen Passes vierzehn Tage inhaftiert. Die literarischen Pläne Balls scheitern, so etwa, bei Ausbruch des Krieges, seine Idee eines "neuen Theaters"; die "Galerie Dada", mit Tzara nach der Schließung des Cabaret Voltaire eröffnet, muss wieder schließen; die "republikanischen Aktion Bern", die Ball während der Münchener Revolution unterstützte, scheitert, wie auch, nach dem Weltkrieg, Balls Absicht, die Freie Zeitung im befriedeten Deutschland weiterzuführen.

Die Oberfläche der Briefe gibt dieses bewegte Leben nur in blassen Konturen wieder. Umso wichtiger ist für den Leser der Kommentar der Ausgabe, zumal die Briefe, in der auf zehn Bände angelegten Gesamtausgabe vor den Werken erschienen, das intellektuelle Format Balls noch ungenügend repräsentieren. Einen ganzen Band und das heißt fünfzig Prozent der Edition nimmt der Kommentar ein, der alle Winkel von Balls Leben ausleuchtet und mit detektivischer Leidenschaft jeder Spur folgt, die der Autor legte. Die akribische Recherche gehört heutzutage bei Editionen zur intellektuellen Moral, ihr huldigt auch diese Ausgabe. Sie fordert aber auch den aktiven Leser, der, zwischen den Kommentareinträgen vor und zurück springend, sich die Welt des Autors aus Bausteinen selbst erschafft.

Mit solch einem eifrigen Leser rechnet Gerhard Schaub in seinem Nachwort; er meint, auf die gerade für eine Briefausgabe unerlässliche erste Information über den Autor verzichten zu dürfen. Warum Ball, warum seine Frau Emmy Hennings ins Gefängnis kamen, warum Ball aus Deutschland wegzog, deutet das Nachwort nur an. Statt dessen hält es sich lange bei der Prüfung von Briefstilen und Redehaltungen auf, unterscheidet Gespräch, Brief und Selbstgespräch. Das alles wären Themen für literaturwissenschaftliche Seminararbeiten; als Einführung in eine Edition sind sie untauglich.

Wer ein Porträt des Autors bräuchte, um überhaupt die Beschäftigung mit diesem literarischen Revolutionär lohnend zu finden, muss bei der gleichzeitigen Ausgabe des Briefwechsels zwischen Hermann Hesse, Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings Nachhilfe suchen. Diesen Band hat Bärbel Reetz mit einem vorbildlichen Nachwort versehen. Die Sicherheit, mit der Reetz die Position der drei Schreiber miteinander vergleicht und verflicht, die Art, wie sie das spezifische Verhältnis der Freunde zueinander abwägt, hat sie gewonnen, als sie die Biographie Emmy Ball-Hennings schrieb. Im Briefwechsel mit Hesse zwar ist Emmy Hennings immer nur die Dritte im Bunde, und so endet denn auch die Edition mit Hugo Balls Tod 1927, während doch das Verhältnis seiner Frau zu Hermann Hesse bis zu deren Tod weiterbestand.

Emmys teuer erkaufte Freiheit

Wer die Biographie Emmy Hennings kennt, muss es bedauern, dass der Briefwechsel mit Hesse auch in späteren Jahren nur in schwer zugänglichen Ausgaben von 1956 und 1985 vorliegt. Denn Emmy Hennings ist eine nicht weniger schillernde Figur als ihr Mann. Ihre Freiheit hat sie teuer erkauft, indem sie, ähnlich wie Franziska zu Reventlow, nicht davor zurückschrak, sich den Männern zu verkaufen, um dem Hunger zu entgehen. Ihre schriftstellerische Karriere beginnt so eigentlich erst nach der Verbindung mit Hugo Ball, der sich für ihren Erfolg ebenso einsetzte wie für seinen eigenen. In Gefängnis schildert sie in assoziativen Szenen ihre Wochen in der Haft, die Einleitung zu Ruf und Echo, der Darstellung ihres Lebens mit Ball, ist eine Art Gedankenlyrik, vielleicht die tiefsinnigste, die es über die Ehe gibt.

Die Seltsamkeit der Ehe von Ball und Emmy Hennings besteht in der geglückten Gleichberechtigung, mit der die Partner ihr Unglück tragen. Konkurrenz auf dem literarischen Markt kennen sie nicht, nur den brüderlich-schwesterlichen Kampf ums Überleben. Bärbel Reetz, die sich, da sie viele Quellen entdeckte, auf Spekulationen nicht einlassen muss, vermutet den Grund für das Einverständnis in der erotischen Distanz, die das Paar zueinander hielt.

Im Briefwechsel mit Hesse steht Emmy Hennings die Anstrengung, vor dem erfolgreichen Freund Hesse ihre poetische Begabung unter Beweis zu stellen, länger durch aus als Hugo Ball. Nach einer anfänglichen Stilisierung ins Pathetische, verfällt Ball auch Hesse gegenüber schnell wieder in seinen Nachrichtenstil. Emmy Hennings hingegen kompensiert ihre Randposition, indem sie sich verspielt, poetisch und deshalb etwas zu weiblich gibt.

Hugo Balls Lakonismus und Emmy Hennings beflissene Koketterie lassen wenig vom Mystizismus ahnen, der die beiden Schriftsteller mit Hermann Hesse miteinander verband. Auch in den Briefen der Gesamtausgabe ist Balls Rückkehr aus der literarischen Revolution in die Religion kaum zu spüren. Selbst wenn Ball von den Besuchen bei der frommen Gräfin Uexkuell und ihren religiösen Ekstasen berichtet, bleibt er distanziert. Immerhin dokumentieren die Briefbände einen Wandel des Bewusstseins, wie er krasser nicht gedacht werden kann: von der Zerstörung eines traditioneller Zeichensystems zur Einkehr in eine von Symbolen getragene Welt der Kirche.

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