Brennender Zaster von Ricardo Piglia, 2001, Wagenbach1.) - 2.)

Brennender Zaster.
Roman von Ricardo Piglia (2001, Wagenbach - Übertragung Leopold Federmair).
Besprechung von Katharina Döbler aus der Neue Zürcher Zeitung vom 16.8.2001:

Eine argentinische Tragödie
Eduardo Piglias furioser Roman «Brennender Zaster»

Im Jahr 1966 hört der Schriftsteller Eduardo Piglia von einer Mitreisenden in der Eisenbahn eine Geschichte, die ihm wie die argentinische Version einer griechischen Tragödie vorkommt. Drei Jahrzehnte später wird ein Buch daraus, ein Roman, in dem ein paar drogensüchtige Kriminelle zu modernen Helden werden, die bis zum letzten Atemzug eine sinnlose und unvernünftige Wahl verteidigen. Es ist gewiss nicht falsch, hier an Filme wie «A bout de souffle» zu denken, an das ganze existenzialistische Gangstertum des film noir, das ohne moralisches Gegengewicht auskommen muss: Piglia ist - unter anderem - Drehbuchautor.

Aber Eduardo Piglias Helden sind authentisch - so authentisch jedenfalls, wie die Hauptfiguren eines Romans sein können; und die Geschichte ihres Untergangs ist eine, wie man so zu sagen pflegt, wahre Geschichte. Das heisst, man kann die meisten Fakten in Akten und Archiven nachschlagen. Im September 1965 wurde in Buenos Aires auf offener Strasse ein Geldtransport überfallen; es gab zahlreiche Tote, darunter unbeteiligte Passanten, auch ein sechsjähriges Kind. Auftraggeber war - es handelte sich bei der Beute um kommunale Lohngelder - mindestens ein Lokalpolitiker; darin verwickelt waren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch korrupte Polizeibeamte und eine Schlüsselfigur aus dem peronistischen Untergrund. Den Gangstern gelang die abenteuerliche Flucht quer durch Buenos Aires; aber als sie beschlossen, die Beute nicht mit ihren Auftraggebern und Mittelsleuten zu teilen, hatten sie keine Chance mehr - so stellt es jedenfalls Piglia dar. Zwei Monate später wurden sie im Nachbarstaat Uruguay gestellt.

Laut Piglia ist sogar ein Teil der im Buch wiedergegebenen Gespräche authentisch: Sie seien in den letzten Lebensstunden der drei Gangster von einem Polizeifunker abgehört und aufgezeichnet wurden. Es sind diese Stunden, die der Autor als argentinische Tragödie wahrnahm und die er in seinem Buch detailliert schildert: eine Gruppe von Desperados, die sich in einer Wohnung in Montevideo verschanzt hat und, ausgerüstet mit automatischen Waffen, Kisten voller Munition und Unmengen von Drogen, einer Polizeimacht von mindestens dreihundert Leuten Widerstand leistet, wohl wissend, dass es kein Entkommen geben wird. Sie schiessen aus dem Fenster und durch die Tür, bringen noch mehrere Menschen um, schnupfen zwischen zwei Salven Kokain und reden, wahnsinnig vor Schlaflosigkeit und Todeserwartung, von ihrer Kindheit, ihrem Sexleben, vom Knast, von Hinrichtungen. Ab und zu schreien sie etwas hinunter zu der wartenden Menge, den schwer bewaffneten Polizisten, den Journalisten und Schaulustigen.

Piglia nennt immer wieder Namen und Uhrzeiten, protokolliert die verwendete Munition, die Lage der Räume, der Leichen. Die dokumentarische Verfahrensweise, die Exaktheit, mit der möglichst jeder Weg und jede Zufälligkeit nachgezeichnet wird, erinnert an Truman Capotes Klassiker der Non-Fiction-Kriminalliteratur, «In Cold Blood». Aber die Ausgestaltung der Szenen ist üppiger, man wird beim Lesen hineingezogen in die blindwütige, wahnsinnige Innenwelt, die mit der Realität ein paar Anhaltspunkte gemeinsam hat.

Einer der Verbrecher erweist sich als Psychopath, als einer, der seit seiner Kindheit diverse Besserungsanstalten und psychiatrische Kliniken hinter sich hat, mehrmals vergewaltigt wurde, drogensüchtig ist und schizophren, aggressiv und sprachgestört. Als vielfacher Massenmörder und jahrelanger Geliebter seines Komplizen Brignone, genannt «El Nene» (der Junge). Dieser Dorda, den sie den «blonden Gaucho» nennen, ist der Einzige, der das Massaker überlebt, schwer verletzt und auch nicht lange (er wird im Gefängnis getötet - wie behauptet wird, im Auftrag eines Polizisten). Seine kriminelle und klinische Laufbahn ist ausführlich dokumentiert, und wahrscheinlich deshalb ist über ihn auch das meiste in diesem Buch zu finden. «Bosheit», lässt ihn der Autor in einem unter Kokain und Speed dahinfliessenden Redestrom sagen, «ist nichts, was man absichtlich macht, sondern ein Licht, das kommt und dich mitnimmt.»

Es ist ein seltsames Kunststück, das Piglia hier zustande bringt. Seine bösen, gefährlichen und vollkommen amoralischen Helden bringt er seinen Lesern - auf Augenhöhe, auf Hörweite - so nah, dass man beinahe in die wie beiläufig gestellte Falle tappt: die Identifikation mit den Monstren. Denn monströs sind die drei, die am Schluss in einem grössenwahnsinnigen Showdown nur noch ihren eigenen Tod verteidigen können: der psychopathische Massenmörder und sein Freund, der Sohn aus gutem Hause, der auf die schiefe Bahn und als halbes Kind in den unmenschlichen Irrsinn des argentinischen Strafvollzugs geriet; und der Gewohnheitsverbrecher, der eine Fünfzehnjährige in seine blutigen Geschäfte hineinzieht... Fortsetzung

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Brennender Zaster von Ricardo Piglia, 2001, Wagenbach2.)

Brennender Zaster.
Roman von Ricardo Piglia (2001, Wagenbach - Übertragung Leopold Federmair).
Besprechung von Aimée Torre Brons aus der Frankfurter Rundschau, 10.1.2002:

Anarchie in Flammen
Ricardo Piglias Roman "Brennender Zaster"

Die Geschichte ist wirklich passiert, mitten in den 60ern. Damals hielt der Fall eines spektakulären Bankraubs in Buenos Aires die Bevölkerung in Atem. Vier Bankräuber flüchteten mit sieben Millionen Pesos und jeder Menge Koks über die Grenze, kamen bis nach Montevideo und veranstalteten dort eine Gewaltorgie voller Blut und Anarchie. In einer Schlacht von geradezu dantesker Dimension lieferten sich Polizei und Gangster ein Showdown, bei dem über 300 Polizisten von drei eingekesselten Banditen stundenlang in Schach gehalten wurden. Panzer wurden eingesetzt, Bomben geworfen und Tränengas versprüht. Zwei der Räuber starben nach erbittertem Widerstand im Kugelhagel, nicht ohne vorher bei der Staatsmacht für schmerzhafte Verluste gesorgt zu haben. "Bei seinem Abgang würde er so viele Bullen mitnehmen wie möglich, das hatten sich der Nene Brignone und der blonde Gaucho geschworen, ohne ein Wort zu sagen. Auf einer Seite hatten sie die Striche in den Türpfosten geritzt mit dem Taschenmesser, ein Strich für jeden Scheißer, den sie erledigt hatten." Der dritte, Dorda, überlebte knapp, verließ das Schlachtfeld als "Blutklumpen" und starb im darauffolgenden Jahr bei einer Gefängnismeuterei. Das Schicksal des Letzten, Malito, blieb bis heute im Dunkeln. Aber vorher haben sie sich noch den Spaß erlaubt, den erbeuteten Zaster ordentlich brennen zu lassen. Ein rebellischer Akt der Anarchie und eine Geschichte, die Legenden gebiert.

Ricardo Piglias jüngst auf Deutsch erschienener Roman Brennender Zaster hat fast 30 Jahre in den Polizei- und Gerichtsakten, Zeitungsartikeln und vor allem im Kopf des Autors darauf gewartet, erzählt zu werden. Im April 1966, wenige Monate nach dem Fall, lernt Piglia auf einer Bahnfahrt Blanca Galeano, die 16jährige Geliebte des am Bankraub als Fahrer beteiligten Pistoleros Mereles, kennen. Sie ist auf der Flucht und erzählt ihm die abenteuerliche Geschichte ihrer Bekanntschaft mit dem "Raben", wie Mereles genannt wurde. Wie so oft bei nicht erfundenen Fabeln hatte der Zufall Regie geführt. Piglia fängt an zu recherchieren, schreibt eine erste Version des Buches. Doch die Geschichte sperrt sich, der Zeitpunkt ist ungünstig, und er gibt das Projekt 1970 auf. 25 Jahre wehen über das Land. Wieder greift der Zufall ein: Während eines Wohnungsumzugs stößt der Autor 1995 auf altes Recherche-Material. Nun ist die Zeit reif. In zeitliche Ferne gerückt, bleibt Piglia so nah wie möglich an den Tatsachen der damaligen Ereignisse und erschafft so eine aufregende literarische Komposition aus Fakten und Fiktion.

Der Schriftsteller und Drehbuchautor bedient sich dabei einer kraftvollen, bildgewaltigen Sprache, aus der die Autorität des Dokumentarischen spricht. Elemente der Montage lassen die Erzählung zuweilen als Kopfkino erscheinen. So erinnert die Erzählstimme "aus dem Off" an den lakonisch rauen Stil von Raymond Chandlers Philip Marlowe: "Man nennt sie die Zwillinge, weil sie unzertrennlich sind. Aber sie sind keine Geschwister, sie sind sich nicht einmal ähnlich. Selten wirst du zwei so verschiedene Typen finden. Gemeinsam ist ihnen die Art zu schauen, diese hellen, ruhigen Augen, etwas Starres und Verlorenes im misstrauischen Blick. Dorda ist schwer und behäbig, sein Gesicht rötlich, meistens lächelt er. Brignone ist schlank, wendig, ein Leichtgewicht mit schwarzem Haar und heller Haut, als hätte er länger im Knast gehockt, als er wirklich drin war."

Wie die Lunte einer just gezündeten Bombe zischt die Geschichte, die aus Zeugenaussagen, Erzählerstimme, Gedankengängen und Dialogen zusammengesetzt ist, durch das 192 Seiten starke Buch bis zum explosiven Finale. Der Roman ist ein Adrenalin-Trip erster Klasse. Brennender Zaster ist aber nicht nur ein spannendes Zeitdokument. Das Buch ist vor allem die Betrachtung eines Themas: Gewalt und Gegengewalt. Piglia zeigt, dass in einem System, das sich auf Repression und Demütigung gründet, alle Opfer wie Täter sind. Die Hauptfiguren dieses Romans jedoch leisten Widerstand. Weder Sieg noch Niederlage spielen für diese Verlorenen eine Rolle, sondern die Annullierung jeglicher Werte als ein einmaliger Akt der Emanzipation. "In einem bestimmten Moment verbreitete sich die Nachricht, dass die Verbrecher fünf Millionen Pesos verbrennen. (. . .) Sie begannen, Tausend-Peso-Scheine anzuzünden und aus dem Fenster zu werfen. Vom Klappfenster in der Küche segelte der brennende Zaster auf die Straßenkreuzung hinunter. Die flammenden Scheine sahen aus wie leuchtende Schmetterlinge. Ein empörtes Gemurmel ging durch die Menge.

,Sie verbrennen es.'

,Sie verbrennen den Zaster.'"

Piglias Roman ist die Geschichte eines radikalen Aufbegehrens und einer radikalen Verweigerung. Da erklärt eine Bande Krimineller der ganzen Gesellschaft den totalen Krieg, wohl wissend, dass es "ein schlimmes Ende" nehmen wird. Die Betäubung ist ihnen eine ihrer stärkste Waffen, bis auf einen brauchen sie alle den Rausch der Droge für den kurzen Rausch der Anarchie. Dieser eine aber, seltsam "clean" Gebliebene, bleibt Geheimnis - ein rätselhaftes Element im Nebel der Geschichte. Niemand weiß, wohin er verschwand und was aus ihm geworden ist. Das wäre eigentlich der ideale Stoff für Piglias nächstes Werk. Wir dürften sehr gespannt sein.

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