Božena von Peter Härtling, 1996, dtvBožena.
Novelle von Peter Härtling (1996, dtv).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 9.1.2007:

Božena - eine einfache und überragende Frauengeschichte
Liebe ist oft unberechenbar, und manche Zeitläufte sind es ebenso.

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges arbeitet die junge Tschechin Bozena Koska als Sekretärin bei einem deutschen Rechtsanwalt im mährischen Olomouc (Olmütz) und liebt ihn heimlich. Was bereits in Friedenszeiten für eine schwierige und verworrene Gefühlslage gesorgt hätte, nimmt in Kriegszeiten desto vertracktere Züge an. Der Herr Doktor, verheiratet, zwei Kinder und alles andere als ein Nazi-Freund, wird im Mai 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Bozena wird ihn nimmermehr wiedersehen. Bei Kriegsende wird der deutsche Bevölkerungsanteil der Stadt und des Landes immer geringer. Viele ziehen es vor zu verschwinden, bevor sie vertrieben werden.

Bleiben ganze Rudel von hungrigen Hunden zurück, die nächtens die Straßen unsicher machen.

Einen von ihnen nimmt Bozena auf - es sei denn, er habe sich Bozena ausgesucht. Sie nennt ihn Moritz und sagt ihm gleich: "Du wirst dich auf Tschechisch umstellen müssen". Dazu hat Moritz aber kaum Zeit, denn einige Zeit später, während sie schon zum ersten Verhör bestellt wird, wird er von der jüngeren Schwester Helenka erschlagen aufgefunden, "auf dem Rücken hat man ihm mit Lack ein Hakenkreuz aufgemalt". Von nun an als "Deutschenhure", "Faschistenhure" oder "Nazinutte" verschrien, wird Bozena, "die alte Schlampe, die eine Deutschenliebste gewesen ist (...) wegen Kollaboration mit dem Faschismus" angezeigt, während das Land etappenweise sowjetisiert wird - eine Entwicklung, die Anfang 1948 mit Jan Masaryks Prager Fenstersturz und Klement Gottwalds Machtübernahme ihren Abschluß findet. Bozena wird in eine Art landwirtschaftlichen Umerziehungslagers eingewiesen, wo sie als "Schweinemagd und Erdäpfelhackerin" ihr Leben fristet. Sie teilt das Schicksal vieler anderer, denen, zu Recht oder Unrecht, angelastet wird, den Deutschen zugearbeitet zu haben. Zu ihnen gehört "ihre Schlafgenossin Eva", welche tatsächlich "Kompanien von Faschisten verbraucht" hat - oder Vladimír, der, wie sie auch, "eine Schwäche für Lyrik" hat.

So gehen die Jahre ins Land, in einem fortwährenden Schwebezustand aus halber Freiheit und halber Gefangenschaft und ständiger Unsicherheit

 In der Nähe der landwirtschaftlichen Genossenschaft ist gleich bei Kriegsende eine verfallene Kate, die einstmals Onkel Bedrich gehörte, Bozena als Erbe zugefallen. Nach einigen Jahren bekommt sie das Recht, diese Kate zu beziehen und legt von nun an, sommers wie winters, den Weg zur Arbeit mit dem Rad zurück, die "neue Zuflucht gewährte ihr ein trügerisches Gefühl von Aufbruch und Freiheit". Auch bekommt sie das Dauerrecht, sich einen Moritz zuzulegen (nach dem Tod des ersten Hundes hat sie immer einen anderen mit dabei, den sie der Einfachheit halber stets "Moritz" nennt). So wird sie es insgesamt auf fünf Moritze bringen. Auch wird sie eines Tages vom Stall in die Buchhaltung geholt. Moritz erklärt sie es folgendermaßen: "Unser Genosse Vorsitzender hat mich befördert. Plötzlich, weil er es nötig hat. Weil er in der Verwaltung schlampt und möglicherweise zur Rechenschaft gezogen wird, sucht er meine Hilfe. Und hör her, Moritz, ihm ist auf einmal gleich, was ihm die ganze Zeit nicht gleich sein konnte und durfte.

Was soll ich tun?

Ich werde Briefe schreiben, die Buchführung besorgen, die Launen des Genossen Vorsitzenden aushalten und nicht einen Moment vergessen, was ich für ihn wirklich bin: eine Faschistennutte". So vermag es Bozena, sich über Wasser zu halten, sich aufrechtzuerhalten, sich nicht zu ducken und immer einigermaßen aufrecht zu gehen - kurzum: ihre Würde beizubehalten. Sie zahlt dafür aber einen hohen Preis: Ihre Sehnsucht nach Liebe und Leben bleibt auf immer unerfüllt, es bleibt der schale Nachgeschmack eines verpaßten Lebens zurück. Über das plötzliche Wegbleiben des Herrn Doktor kommt sie nie hinweg. In schonungslos ehrlichem Tone schreibt sie ihm Briefe - oder denkt sich solche aus -, die sie ihm natürlich nie senden kann, sondern zwischen zwei Buchdeckeln verborgen hält und die, sollten sie jemals in die Hände ihrer Ankläger geraten, sie für immer ins Verderben stürzen würden (dazu kommt es aber nicht). Das flüchtige Liebesverhältnis mit ihrem einstigen Mitschüler Pavel Diskocil oder - später - mit dem um sechzehn Jahre jüngeren Ingenieur Zdenek Svoboda vermögen sie um die sich ausbreitende Leere in ihrem Innern nicht hinwegzutäuschen. Auch die Hoffnungen, die sie in den Prager Frühling steckt, zerschlagen sich. Anfang der 70er Jahre erfährt sie, daß "ihr" Herr Doktor, von dem sie in Gedanken niemals losgekommen ist und den sie irgendwo in Deutschland wähnte, bei Kriegsende in einem russischen Kriegsgefangenenlager gestorben ist. Dies verstärkt sie in dem Gefühl, "von innen her ausgehöhlt zu sein".

Auch wenn sie erst von diesem Augenblick an einigermaßen von ihm loskommt: "Ich habe kein Bild von Ihnen, ich habe mir eines machen müssen. Das gelingt mir nun nicht mehr. Ich kann Sie nicht einmal begraben. Ich habe schon nicht mehr an Sie schreiben wollen. Nun muß ich es nicht mehr. Ich lasse Sie in Frieden" -, sie wird ihr Leben nie mehr nachholen können. Und dennoch: Das Gefühl von Aufrechtheit und Menschenwürde, das ihre Gestalt beim Leser hinterläßt, ist überragend. Ja, von dieser eigentümlichen Spannung lebt die Erzählung: Je auszehrender ihr unerfülltes Leben ist, desto größer erscheint die Würde und Aufrechtheit, die sie verströmt. Dies macht ihre keineswegs fiktive Lebensgeschichte ebenso lesenswert wie z.B. Rolf Hochhuths "Eine Liebe in Deutschland".

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