Bouvard und Pécuchet.
Roman von Gustave Flaubert (2003, Eichborn - Übertragung Hans-Horst Henschen).
Besprechung von Katharina Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 6.9.2003:

Zwei Männer auf der Bank der Allgemeinplätze
Gustave Flauberts komischer, enzyklopädischer Roman "Bouvard und Pécuchet" in einer Neuübersetzung, die zur Wiederentdeckung einlädt

"Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich das 19. Jahrhundert beschmieren werde, wie man die indischen Pagoden mit Kuhfladen vergoldet." So drastisch wie hier hat sich Flaubert immer wieder über das bürgerliche Zeitalter geäußert, aber auch seine Schriftstellerkollegen gern als Spießer, Krämerseelen und hirnlose Blödiane tituliert, weil es ihnen an ihnen an Mut und Ehrgeiz fehlte, dieser Gesellschaft die Leviten zu lesen.

Er selbst hatte genug von beiden und scheute kein Risiko - was die auffällige Heterogenität seines gar nicht so umfangreichen Werkes erklärt. Wer Flaubert bloß kennt als den Verfasser der Madame Bovary, jenes schulemachenden "realistischen" Romans über die Sitten in der Provinz und das unglückliche Schicksal einer bürgerlichen Frau vor der Emanzipation, der kennt ihn nur halb. Warum handelte er sich mit Madame Bovary eine Anklage wegen der Gefährdung der öffentlichen Moral und des christlichen Glaubens ein? Keineswegs, weil er unsittliche Verhältnisse beschrieb, sondern weil er etwa im Unterschied zu seiner alten Freundin George Sand den ästhetischen Ehrgeiz hatte, weder moralisch noch sentimental Partei zu ergreifen. Das war nicht besser - ist mit dem Terminus "realistisch" vielleicht auch irreführend registriert - aber es war eine neue Erzählhaltung.

Einen ganz anderen Flaubert kennenzulernen, gibt die Lektüre der frischen Übersetzung von Bouvard und Pécuchet Gelegenheit. Im Vergleich mit älteren, darunter einer vom seinerzeit sehr renommierten Georg Goyert, verdient die resolut moderne von Hans-Horst Henschen entschieden den Vorzug. Man merkt schon der Übersetzung an, dass Henschen ein Fan ist und in der Flaubert-Forschung so firm, dass er neben einem persönlichen und leicht versponnenen Nachwort auch einen langen Anhang mit Erläuterungen und Erklärungen liefern kann, den kein Leser auslassen sollte, schon weil er mit diesen Exkursionen selbst in die Fußstapfen des experimentierenden und forschenden Freundespaares treten kann.

Als ein philosophischer Roman, der die Enzyklopädie der positiven Wissenschaften des 19. Jahrhunderts mit den Ideen der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert zusammenbringen will, war und ist Bouvard und Pécuchet bis heute ein Minenfeld für Interpreten. Zwei Reaktionen lassen sich idealtypisch unterscheiden. Die eine wurde jüngst wieder einmal von Willi Winkler, just in seiner Besprechung von Henschens neuer Übersetzung vorgetragen. Der gelernte Amerikanist und Romanleser schätzt zwar, wie man weiß, zwischen James Joyce und Thomas Pynchon eine Menge vielschichtiger Autoren der Moderne - mit der Madame Bovary im Hinterkopf kann er aber wohl nicht anders, als das unvollendete Werk Flauberts zum langweiligsten Buch der Welt aus der Feder eines Berühmten zu erklären. Fleiß und Ambition konzediert Winkler dem Autor schon, aber was er vermisst, ist der Saft und die Kraft einer Geschichte. Das 19. Jahrhundert, aus Streichhölzern nachgebastelt, mit Flaubert in der Rolle dessen, der eine fixe Idee in ein Hobby umsetzt.

Eine verbreitetere Lesart von Bouvard und Pécuchet macht das Buch seit langem zu einem Meilenstein kulturaristokratischer und also hinreichend ironischer Gesellschaftskritik. Für diese Leser enthält die Geschichte der beiden ebenso unerschrockenen wie unbedarften Rentiers die heiter-satirische Abrechnung mit Leuten, die unbefugt in den elitären Gefilden von Wissenschaft und Kultur wildern, dabei immer Schiffbruch erleiden und sich als Parvenüs einfach lächerlich machen.

Kehren die beiden Büroangestellten am Ende nicht an das Kopistenpult zurück, von dem sie gestartet waren und bescheiden sich endlich mit jener Tätigkeit ohne jeden Anspruch, für die sie offenbar doch gemacht sind? Die kulturaristokratische Lesart von Flauberts unvollendetem Roman kann sich nicht bloß auf seine Tiraden gegen das juste milieu berufen, sondern auch auf die Forschung. Sie behauptet, dass Bouvard und Pécuchet bloß die Einleitung zu einem großen Mehrteiler darstellt, das Flaubert wegen seines frühen Todes im Alter von 59 Jahren nicht hat vollenden können. Ein höchst originelles Kompositum wäre es vermutlich geworden; denn es sollte ein Projekt in sich aufnehmen, über das Flaubert seit seinen Jugendtagen phantasiert hatte und das an die Nachwelt als das fragmentarische Wörterbuch der Gemeinplätze überkommen ist.

Es war eine geniale Entdeckung Flauberts, wie leicht man sich der Anstrengung des eigenen Denkens durch die Übernahme von Klischees, Phrasen und ausgemachten Dummheiten entzieht, wenn sie nur grade en vogue sind. Außerdem plante er wohl, Bouvard und Pécuchet mit einer umfangreichen Sammlung der albernsten Zitate aus seriösen Büchern zu komplettieren - aus jenen 1500 Werken, die Flaubert nach eigener Schätzung gelesen und exzerpiert hatte, ehe er seine beiden Helden ins freie Feld schickte. Auch in seiner wie auch immer unvollendeten Form lässt sich der Roman ja als eine Bildungsreise durch ein Jahrhundert lesen, das sich Aufklärung und Fortschritt allein vom positiven Wissen und seiner Anwendung versprach.

Die zehn Kapitel, in denen Bouvard und Pécuchet vom Gartenbau über die Medizin, die Altertumsfoschung und die Pädagogik bis hin zu Politik und zum Bürgerengagement in der Revolution 1848 alle nur erdenklichen Wissens- und Betätigungsfelder durchlaufen, haben etwas von der Komik des Slapsticks, schon vom Tempo der Experimente, aber auch vom immer wieder erneuerten Enthusiasmus der komischen, dennoch liebenswerten Helden her.

Einen komischen Roman wollte Flaubert ja auch schreiben, aber die Komik sollte nicht auf Kosten der beiden Freunde gehen, sondern aus der Inszenierung eines philosophischen Konzepts fließen. Welche Chancen hat das Individuum, sich der allgemeinen Dummheit im Zeichen von Wissenschaft und Fortschrittsglauben zu erwehren? Wenn die in inniger Freundschaft verbundenen Männer, praktische Philosophen, idealisierte Otto-Normalverbraucher im Zwillingsgewand, am Ende wieder am Kopistenpult sitzen, dann kehren sie nicht zu der stupiden Tätigkeit ihres Angestelltenlebens zurück, aus dem sie das Wunder einer Erbschaft erlöst hat. Abschreiben werden sie wieder, aber erfahren und belehrt, wie sie jetzt sind, erstellen sie dabei jenes umfassende Florilegium der Dummheiten und Gemeinplätze, von dem Flaubert so lange träumte und sich so viel versprochen hat.

Diese originelle Lesart des sperrigen Romans, wegen dessen ästhetischem Gelingen auch Flaubert von Zweifeln schwer geplagt wurde, hat die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Helen Zagona vorgeschlagen (Flaubert's Roman philosophique and the Voltairian Heritage, 1985). Sie hat darauf aufmerksam gemacht, wie beeinflusst und tief beeindruckt dieser "Realist" und im Hinblick auf seine berühmte Madame Bovary angebliche Verfechter einer objektiven Ästhetik ausgerechnet von Voltaire war, insbesondere von seinen philosophischen Romanen. Seinen Candide zumal hat er nach eigenem Bekunden zwanzig Mal gelesen und sogar eine englische Übersetzung angefertigt. Der Besuch Candides bei einem reichen und welterfahrenen Edelmann wird ihm gar zur Essenz des sechzigbändigen Œuvres von Voltaire, weil dort der Herr Pococurante auf vier Seiten, die ein "Wunder der Prosa" sind, jenseits allen Zynismus' die Freiheit der persönlichen Meinung vorführt. Es ist eine Meinung, die nicht zufällig ist, weil eine Person mit ihren Erfahrungen und Idiosynkrasien dahintersteht. Es ist in der erzählerischen Konstruktion des Candide aber auch eine, die, ohne relativiert zu werden, das Nachdenken des Lesers nicht zur Ruhe kommen lässt. Wo gültige Urteile und ewige Werte gepredigt werden, schläft der Geist ein. Nichts hasste Flaubert so, wie definitive Schlüsse - er nannte sie Konklusionen. Der Schriftsteller muss sich hüten, seine Leser mit Botschaften einzulullen und aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Flaubert also ein Aufklärer und ein Erbe Voltaires?

Mindestens kann man nach Helen Zagonas Forschungen sagen, dass die Leser von Bouvard und Pécuchet im eigenen Interesse gut beraten wären, sich von gewissen Erwartungshaltungen, die sich im Hinblick auf Romane eingeschliffen haben, zu verabschieden. Erwartungshaltungen, und das ist die Ironie, die in der unseligen Rezeption von Bouvard und Pécuchet bis heute liegt, welche Flaubert, mit seinem Klassiker bis in die Gegenwart wirkend, selber ja erweckt hat.

Eigentlich war er aber kein "realistischer" Schriftsteller, der sich mit diesem oder jenem Werk vertan und verhoben hat, sondern ein neugieriger und experimentierfreudiger Zeitgenosse und Enthusiast in litteris und geborener Avantgardist - von Bouvard und Pécuchet gar nicht so unterschieden.

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