Botenstoffe von Thomas Kling, 2001, DuMontBotenstoffe.
Essays von Thomas Kling (2001, DuMont).
Besprechung von Cornelia Jentzsch aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Orpheus im Aufnahmestudio
Ein Historiker unter den Dichtern: Thomas Kling und seine wundersamen "Botenstoffe"

Hermes, in der griechischen Mythologie der Götterbote des Olymps, überbringt den Menschen Nachrichten und Geschenke, ist ein gewandter Überredungskünstler, zeigt Wege auf und geleitet die Seelen Verstorbener sicher bis zum Boot Charons, das sie zum Hades übersetzt. Von Hermes stammt auch der listenreiche, auf dem Meer hin- und herschwenkende Odysseus ab. Eine Affinität zu diesem besonderen Stammbaum lässt Thomas Kling in seinem neuen Band mit dem Titel Botenstoffe ahnen. Es ist diesmal kein Gedichtband geworden, vielmehr umreißt Kling das, was zu den Gedichten hinführt, unter ihnen lagert, ihre Substanz ausmacht. In gut zwei Dutzend Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, sortiert und kommentiert er sein Quellenmaterial und arbeitet sein Umfeld nachrichtenmäßig auf.

Poesie ist ja von ihrer Wesenhaftigkeit her zunächst selbst göttlicher Botenstoff. Sie bringt einzigartige, vollkommene Mitteilungen aus dem inneren Kosmos des Menschen. Zuvor muss sie Material aufnehmen, sich füllen, anreichern und im Dichter hin- und herbewegen, ehe sie Gestalt zeigen kann. Gemäß einer Verszeile aus dem Gedichtband Fernhandel - "Gedicht ist immer Ahnenstrecke, Fotostrecke" - nutzt Kling das Moment des Fotografischen auch als Methode für seine Essays. Sie lesen sich wie kurzzeitig beleuchtete Felder, Probebohrungen zu Schriftschichten im Entstehungsmoment.

In zunächst ungeordneter Formation tauchen zahlreiche Namen und Bezüge auf, sie reichen vom Barock über Stefan George, Peter Huchel, Totentanzdarstellungen, Horaz, Christine Lavant, Friederike Mayröcker, den Ersten Weltkrieg bis hin nach Ascona. All das fügt sich aber, bei genauem Lesen, rasch zu einem klar erkennbaren Raum, der nicht nur bislang zu wenig betrachtete literaturgeschichtliche Zusammenhänge deutlich werden lässt, sondern gleichzeitig die Poetik des Thomas Kling beherbergt.

Seine Kritiker werfen ihm gern vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter verschwendet sich nicht in nutzloser Polemik, er rückt das Wort ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur besagten Hermesfigur. Das ist zwar etymologisch nicht völlig korrekt, logisch aber allemal. Denn der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als "Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen", wie es gleichermaßen der Dichter tut.

Und Kling beruft sich auf eine lange Tradition dieses "verseuchten" Begriffs. Als Nebenzeugen erteilt er Poeten aus verschiedensten Zeitschichten das Wort. Unter ihnen Salvatore Quasimodo - neben Ungaretti oder Montale Vertreter des sogenannten italienischen Hermetismus -, Abraham a Sancta Clara, der 1680 die vor allem in schlagfertiger Umgangssprache verfasste berühmte Totentanzschrift Mercks Wienn veröffentlichte, und der Barockdichter Johann Michael Moscherosch, der im 17. Jahrhundert zu den ersten Benutzern von Rotwelsch in der deutschen Sprache zählte. Rotwelsch ist, Kling zufolge, die schnelle Rhetorik randständiger Sprachen, offene Hermetik, von Orpheus im Studio eingesprochen.

Für Kling, und nachweislich nicht nur für ihn, sei der Slang schon immer ein notwendiges Gegengift zum hohen Ton gewesen, der nur in homöopathischen Dosen dem menschlichen Gehirn zumutbar sei. Es blieben fast ausschließlich österreichische Dichter, hier vor allem die Wiener Gruppe, die nach 1945 wieder die Kraft der Dialekte, Argots, Sondersprachen und die Dichtung des Barock entdeckten. Und schließlich erneut die orale Energie des Live-Auftritts: "ohrenbetäubend, diese menschlichen Sprachen"! Dies spricht für Kling deutlich gegen den damaligen Mainstream in der bundesdeutschen Literatur, der solches weitgehend ignorierte. Die Folgen für deren Entwicklung waren für ihn absehbar: "Umgangssprache: n' gefährlich Dingen für die Lyrik, die deutsche zumal, wenn sie im Aschenbrödelfetzen des Alltagsgedichts nach 1968 längsschleicht, depressiv, schlecht gearbeitet, sprachschlampig, sackförmig schlackernd in ostentativer Schlechtdraufität." Spätschäden bis heute selbstverständlich nicht ausgeschlossen, weder in der Dichtung, noch in der Rezeption.

Gerade letzterer konstatiert Kling einen grassierenden Verlust an Assoziations- und Unterscheidungsfähigkeit, wobei er sich daran erinnert, dass schon Nietzsche "die Nuance als Merkmal von Modernität erkannte". Und es werde noch schlimmer kommen, lautet seine Prognose. Mit zunehmendem Verlust an Voraussetzbarem, man denke nur an Latein oder Altgriechisch, werde bald auch die klassische Dichtung des Hermetischen verdächtigt werden können.

Einen weiteren Link zur Dichtung des Barocks gibt es für Kling an jener Stelle, wo sie ihre Aufmerksamkeit nachdrücklich der dunkel eingefärbten Nachtseite des Menschen widmet und mit ihren Gesichten und Visionen die Areale des Traumes besichtigt und untersucht. Kling sieht in den Gedichten der mexikanischen Ordensfrau Juana Inéz de la Cruz, die den Körper in seiner Funktionsweise deuten, erste Züge der modernen Gehirnphysiologie. Auch hier lässt sich der Bogen zur Hermesfigur zurückbiegen, der das Geleit in die Unterwelt, also auch metaphorisch in das Unbewusste, Schattenhafte gibt.

Den Vorwurf eines sogenannten Bildungsfetischismus, der auch Kling gegenüber geäußert wird und der gleichermaßen in die Richtung von vorsätzlich Unverständlichem zielt, hat es längst zu anderen Zeiten und ebenso der Barockdichtung gegenüber gegeben. Das lässt noch einmal mehr Klings Hinwendung zum 17. Jahrhundert und dessen schriftlicher Hinterlassenschaft verstehen. Man will dem Dichter rein gar nicht widersprechen, wenn er schreibt: "Das Gedicht hat kein Lehrer-Lämpel-Institut zu sein, es ist didaktikfrei, seine resthumanistische Fracht ist als Konterbande zu betrachten." Thomas Kling hält überhaupt scharfe Verteidigungsreden gegen unzulängliche Betrachtungsweisen, gegen, wie er formuliert, verbissene bis verbitterte Aburteilungen von Dichtern, Künstlern und Theoretikern aller Epochen, die noch heute einen allgemeinen Konsens selbst bei hochgeschätzten Dichterkollegen bestimmen.

Im Essay "Avantgarde-Bashing" befreit er den Expressionismus rigoros von einem "pappig-zuckerwattigen Nachgeschmack", den zu lange schon die noch immer als maßgeblich gewertete Anthologie von 1919 unter dem Titel Menschheitsdämmerung mit ihren "ekstatischen Parfümiertheiten" erzeuge. Kling bedauert das ihm unverständliche Desinteresse heutiger Autoren am Expressionismus.

Auch in seinen Essays zeigt sich Thomas Kling als der unermüdliche Historiker unter den Dichtern. Der Geschichts- und Schichtenforscher arbeitet mit einem feinen Ohr für den Nachhall von Sprachpartikeln, die aus den sich überlagernden, überlagerten Zeitformationen wie arbeitende Gase aufsteigen. Kling arbeitet gegen den sogenannten Zungenschwund. Das heißt, viele Dinge werden zwar überliefert, jedoch ändern sich ihre Bedeutungen und verblassen. Vermutlich kann dieses Verlorengehende allein die poetische Sprache in sich einschließen und aufheben. Einzig sie bietet die nötige Offenheit, da sie alles in seinem mythischen Ursprung anerkennt und belässt. Der Rest, meint Kling, sei im Begriff, Archiv zu werden und in Rauch aufzugehen.

Spätestens an dieser Stelle entdeckt man in den Essays weitere für Kling prägende Verwandschaftsverhältnisse, die er begründet und analysiert. Neben Friederike Mayröcker und Konrad Bayer ist es der kürzlich verstorbene H. C. Artmann, der wie Kling selbst ein Zeitendurchtaucher und Liebhaber historisch wie räumlich abgelegter Sprachschichten ist: "Aus der inszenierten Wahrnehmung des Dichters wird das Wahrnehmungsinstrument Gedicht aufgerufen und hervorgebracht. So entsteht, wie Reinhard Priessnitz es für Artmann formuliert hat, ‚fiktive stellungnahme zur wirklichkeit'. Was erweiterbar wäre: wenn ich die Installation des Dichters - sein Rollen-Bewusstsein - gleichfalls als eine solche begreife."

Im Grunde genommen lässt sich das bis auf den Leser hin fortführen, der sich im Bewusstsein dieser Lektüre einer fiktiven Stellungnahme zur Wirklichkeit nicht entziehen kann. Der Botenstoff des Götterboten Thomas Kling ist angekommen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0401 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau