Born Free.
Roman von Laura Hird (2001, Eichborn - Übertragung Bernhard Robben).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2002:

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich
Alle Tristesse der Vorstadt in Laura Hirds "Born Free"

"Born free" ist bloß der Titel eines Popsongs; irgendwann tönt er aus dem Gettoblaster, und Vic, der Vater, singt lauthals mit. Eben erst hat er die Leiche der geliebt-gehassten Hündin Jon entdeckt. Eigentlich müsste es auch heißen: "Born under a bad sign", wenn's denn schon ein Poptitel sein soll. Aber das ist irgendwie schon zu lange her und klingt dann auch zu sehr nach pädagogisch aufgesteiftem Zeigefinger. Zutreffend wäre es allemal, denn eine wirkliche Chance hat diese vierköpfige Familie aus der Edinburgher Vorstadt wirklich nicht: weder der Vater, Busfahrer und Phlegmatiker, potenzgestört und auch sonst gehemmt, der nicht weiß, was Frauen wünschen, schon gar nicht die eigne, Angie, die sich ihrerseits nach dem Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse ehelichen Stresses sehnt, noch die Kinder Jonie und Jake, 15 bzw. 14jährig, die nach dem großen Kick am Rechner und dem noch größeren Fick in der Realität lechzen. No way out. Die Tristesse der Vorstadt immer hart an der Sollbruchkante einer zwischen Kleinbürgertum und Proletariat angesiedelten Lebenswelt, die ständig - systemisch bedingt - an der Armutsgrenze kratzt.

Angie hatte und hat massive Alkoholprobleme, kann keine Wodkaflasche stehen und Raymond, ihren Vorgesetzten auf der Arbeitsstelle, bei der Wettannahme nicht an sich vorüberlassen: "Als hätte er meine Gedanken gelesen, bumst er mich kurz und heftig; die Registrierkasse auf dem Tisch klingelt im Takt." Auch wenn sie dabei keinen Orgasmus erlebt, egal, "Stoff für tausend künftige Wichsereien"; jedenfalls ist das die Alternative zu einem langweiligen Ehemann, der nur davon träumen kann, wieder einmal mit seiner Frau zu schlafen, sich bei ihr anzukuscheln. Und überhaupt. Fortwährend schreit man sich an, pöbelt und schlägt um sich. Aus Ohnmacht, im Delirium, aus Hass. Nein, spaßig ist dieses Leben beileibe nicht. Und das unterscheidet es fundamental von neuen britischen Filmen wie Brassed off oder Ganz oder gar nicht, wo im milden Versöhnungsglanz des Humors oder einer sanften Ironie der drohenden Verelendung und Verödung gegengesteuert wird. Hirds Erstling, vielfach ausgezeichnet und mit Lob im Heimatland überschüttet, ist eine gewaltige Spur härter, das heißt schlicht und einfach: realistischer. So realistisch, wie das Leben eben so spielt, wenn man selbst nicht mitspielen darf.

Jake kriegt immer mal wieder eins auf die Fresse, schreibt dann schwüle Gedichte, manchmal auch bloß irgendwo ab, träumt sich unter der Bettdecke mit flinken Fingern an die Junglehrerin heran; Joni läuft ihrem Traumboy in die Arme, dann hinterher, um, böse von ihm versetzt, ihre erste Nacht doch mit einem Fernfahrer und Familienvater auf dessen unbequemer Koje zu erleben. Vic nerven die blöden Redereien seiner Busfahrerkollegen und vor allem eine beduselte, zeigefreudige Hobbynutte, die sich ihre Freier in seinem Bus angelt. Und Angie, die sentimentale Madame Bovary aus der Gosse? Ihr Frust und seine Kehrseite, ihre Ausbruchsphantasie, sie kommen nur bis an die nächste Ecke, um dort im Pub kleben zu bleiben - noch nicht einmal an Raymond, der es offensichtlich geschafft hat, nachdem er sich mit schnellem Griff in die Kasse die Wettgelder unter den Nagel gerissen und damit das Weite gesucht hat. Angies grausames Fazit: Raus kommst du eben sowieso nie. Also musst du das Beste versuchen, was natürlich immer das Schlechteste ist: Sex mit Vic, der sie kurz zuvor noch endgültig aus der Wohnung schmeißen wollte. Und Vic ist's zufrieden: "Sie stößt einen Schrei aus, als ich in sie eindringe. Ihre Arme fallen zur Seite, doch gibt sie mir mit keinem Zeichen zu verstehen, dass ich aufhören soll. Als ich mich über sie beuge, um ihre Tränen fortzuküssen, sehe ich nur noch in ihren Augen Widerstand. Ich tu, als hätte ich nichts gemerkt. Das wird sowieso nicht lange dauern." Aus und vorbei, die letzten Worte des Romans, der Kreis hat sich geschlossen. Ewig kreiselt sich der Kreisler in seinen Kreisen - bis zum nächsten Eklat, der so sicher wie das Amen in der Kirche ist.

Hirds Roman präsentiert sich als lockerer Erzählreigen, in dem nacheinander in personaler Manier die vier Protagonisten von der traurigen Gestalt, die einzelnen Familienmitglieder Vic, Angie, Joni und Jake immer wieder in nahezu gleich langen Kapiteln zu Wort kommen. Allerdings fällt die jeweilige Rede, was möglicherweise an der Übersetzung liegt, zu schablonenhaft aus; es entsteht ein kaum differenziertes Bild der Figuren. Die Mutter schwätzt geradeso wie die Tochter, der Sohn bramarbasiert wie sein Vater. Doch vielleicht muss das sogar so sein; denn sie stecken ja alle klaftertief im selben Mief. Bloß die verschiedenen Popsongs markieren noch Grad- und Generationsunterschiede. Nicht eben viel.

"Ach, taub und stumm sein, das wär's", denkt einmal Vic - und darauf, kann sich der Leser vorstellen, hätten sich sicherlich auch alle Familienmitglieder einigen können. Es wiederholt sich doch nur zyklisch und periodisch, wie bei den guten deutschen Klassikern Marx und Engels - im übrigen exzellenten Kennern englischer Verhältnisse! -, "dieselbe alte Scheiße".

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