Born Bad von Andrew Vachss, 2002, Eichborn1.) - 2.)

Born Bad.
Roman von Andrew Vachss (2002, Eichborn - Übertragung Jürgen Bürger).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(SZ, 28.11.02):

Wegpusten!
Der Anwalt Andrew Vachss greift in seiner Freizeit gern zur abgesägten Schrotflinte: Born Bad

Andrew Vachss ist Anwalt und ein Satansbraten. Zumindest inszeniert er sich gerne als ein solcher. Auf Fotos posiert er mit hechelnden Kampfhunden. Er selbst trägt schwarzen Anzug, Krawatte, weißes Hemd und blickt drein wie der Fürst der Unterwelt in Begleitung eines seiner Lieblingshöllenhunde. Auf seiner Website erzählt er die Geschichte all seiner adoptierten Hunde. Er liebt sie testosterongesättigt und ab einer Bißkraft von mindestens einer Tonne pro Fangzahn. Ausgesetzte Welpen rettet er von der städtischen Müllkippe. Das gibt ihm Ghetto-Credibility. Vachss erinnert an den gut gekleideten Vollstrecker mit der alttestamentarischen Gerechtigkeitsauffassung aus Quentin Tarrantinos Film „Pulp Fiction“. In Vachss´ Büchern herrscht das Gesetz des Talion: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Höllenhunde zeigen die Zähne und Vachss selbst trägt eine Augenklappe, womit er signalisieren möchte: Ein Auge habe ich bei dem harten Kampf da draußen schon verloren. Das wird mich und meine Hunde aber nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Vachss hat die Psyche eines Terminators mit Helfersyndrom.

In seinen Stories führt er seine Figuren an den Rand der Gesellschaft. Dorthin, wo sie ausfranst zu brutalen Gangs, Einzelkämpfern und Gesetzeslosen. In diesen Gegenden sind die Ratten größer als Hunde. Und die Menschen Ratten. In den U-Bahn-Tunnels glühen die Graffiti wie bunte Menetekel auf den schwitzenden Betonwänden. In der Männermode dominiert hier das Schulterhalfter. Glühende Kühlergrills fressen sich durch die Nacht, Zigarettenspitzen brennen Löcher in den schweren Vorhang der Dunkelheit. Dahinter lauert schon das Grauen. Amerika, Land des Schokomuffins und des Serienmordes. Vachss ist der Meister des düster schimmernden Endzeit-Pulps. Er schreibt apokalyptischen Trash. Die Figuren rasen mit tiefergelegten Chevrolets durch einen Dekor, den sich der Autor offensichtlich aus den ausrangierten Kulissen von John Carpenters New-York-Apokalypse „Die Klapperschlange“ zusammengeklaubt hat.

Wenige können ein giftig dampfendes Gewerbegebiet so korrosiv heraufbeschwören wie Vachss, wenige können in einem Nachtstück von zwei, drei Seiten einen mörderischen Deal auf einer qualmenden Junk Yard so bedrohlich skizzieren. Vachss´ schreibt Großstadtdschungelprosa. Seine Sätze sind von handlichem Faustfeuerwaffen-Kaliber. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist die Mordgeschicht. Der Metropolenguerillero kann sich keinen verschnörkelten Ballast erlauben. Was apokalyptische Metropolenatmosphäre angeht, ist Vachss der Meister des Roman Noir. Schwarz, schwärzer, Vachss. Er kocht seine Texte immer noch zwei, drei Minuten länger als alle andere Hard-Boiled-Autoren.

Doch leider bestehen Vachss´ Geschichten nicht nur aus grausig schillerndem populärmythologischem Dekor, sondern haben auch Figuren. Und die sind nicht von Pappe, sondern immer aus dem gleichen Holz geschnitzt: das unschuldige Opfer, das mordende, schlachtende, vergewaltigende Raubtier und der schweigsame Vollstrecker, der pünktlich im letzten Absatz diese gottverdammte Müllhalde von Welt durch einen Schuß, Schlag oder Gurgelschnitt wieder der Gerechtigkeit zuführt. In einer Story hängt am Auto eines Vergewaltigers ein blutiger Armstumpf als Menetekel einer bald drohenden, höheren Gerechtigkeit: „Ein schwerer, hakenförmiger Dorn baumelte am Türgriff, schwang sanft in der nächtlichen Brise. Der dicke untere Teil war mit Fleisch verkrustet, an der Wurzel abgerissen und blutig.“ Vachss Allegorien stammen aus den Drohkulissen der Mafia. Der Arm der Gerechtigkeit baumelt im Nachtwind, gleich läutet die Stunde der Lynchjustiz. Wo Justitia versagt, beginnt das Reich von Selbstjustitia.

Nach seinen öffentlichen Gerichtsterminen macht sich der Anwalt an seine Feierabendlynchjustiz. Andrew Vachss übt den ehrenwerten Beruf des Anwaltes für mißbrauchte Kinder aus. In seiner aggressiven Öffentlichkeitsarbeit macht er viel Lärm um seine Rolle als Retter von unschuldigen Kinder und geschundenen Hunden. In seinen Stories mißbraucht er all die grausigen Verbrechen als willkommenes Alibi für seine pubertären, machistischen Lynchphantasien. Im gewalttätigen Alleingang exerziert der Erzähler in jeder seiner Geschichten die tödliche Verschärfung des Sexualstrafrechts. Die kitschig schillernde Kinderträne rechtfertigt den Rachefeldzug seiner Samariter mit Killerinstinkt. Gegen offenherziges Morden in der Kriminalliteratur ist nichts einzuwenden. Aber selbstgefällige Schlachtszenarien im Namen von konsensheischenden moralischen Banalitäten sind widerwärtig. Der moralische Kitsch führt den ästhetischen im Schlepptau. Vachss gefällt sich in der Rolle des Advocatus diaboli. Seine Racheteufel holen sich nur die verdorbenen Seelen. Unter dem moralischen Deckmäntelchen der Advokatenrobe steckt die durchgeladene Magnum. Im berauschenden Glücksmoment des archaischen Lynchmordes laufen der Dichter und seine Henker zu Hochform auf. Der Leser bekommt das unangenehme Gefühl, am Ende einer jeden Story einen Stimmzettel für die Todesstrafe abgeben zu müssen.

Vachss´ größter Feind ist der Therapeut. Der Therapeut ist ein Waschlappen mit Fusselbart und ein schleimiger Spaßverderber. Er hängt dem lächerlichen Irrglauben an, der Mensch sei noch zu retten. Ist er aber nicht. Für Vachss ist klar: Der menschliche Abschaum ist bis ins letzte Aminosäurenmolekül schlecht. Rettungslos verdorben. Born Bad. Und wer böse geboren wurde, wird umgepustet. In fast jeder Geschichte taucht ein lächerlicher oder korrupter Therapeut auf, der daran Schuld ist, daß die Schmökels dieser Welt die Mädchenpensionate unsicher machen. Für die verschlagensten Therapeuten erfindet Vachss eine Spezialbehandlung: „Jetzt habe ich einen knapp ein Meter langen Klavierdraht und an beiden Enden einen kleinen Gummiball. Die Gummibälle passen perfekt, einer in jede Hand.“ Nichts für zartbesaitete Pianisten: Der pädophile Seelenklempner wird kurzerhand garrotiert. Vachss plädiert für die Sensemann-Therapie. Bei so viel schäumendem Haß beschleicht einen das Gefühl, eine Therapie könnte dem selbstgerechten Schreibsöldner Vachss vielleicht nicht schaden.

Andrew Vachss muß dasselbe Weltbild wie der hanseatische Amtsrichter Ronald Barnabas Schill haben. Es ist aus Boulevard-Schlagzeilenbalken gezimmert. In seinem Beruf muß Vachss mühsam die amerikanischen Gesetze auseinander friemeln und sich mit rechtsstaatlichen Offensiven begnügen. In seiner Freizeit krault er die kupierten Ohren seiner infernalen Kampfhundgefolgschaft und entspannt sich mit pubertären Allmachtsphantasien. Seine Stories sind handwerklich perfekt gemacht und konkurrieren mit dem fortschrittlichsten Videospiel-Design: kaleidoskopische Splitter aus der Welt der Ballerspiele, schnelle Dialoge, atmosphärisch dichte Milieuzeichnung und straffe Dramaturgie. Vachss ist der unübertroffene Altmeister des blutrünstigen Selbstjustizthrillers. Doch wer will auf Dauer die Potenzmeiereien eines therapiebedürftigen amerikanischen Schill lesen?

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Leseprobe I Buchbestellung 0103 LYRIKwelt © Stephan Maus

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Born Bad von Andrew Vachss, 2002, Eichborn2.)

Born Bad.
Roman von Andrew Vachss (2002, Eichborn - Übertragung Jürgen Bürger).
Besprechung von
Angela Schader in Neue Züricher Zeitung vom 5.3.2003:

Die Hässlichkeit der Welt
Andrew Vachss erzählt, was nicht sein darf

Fiele einem Andrew Vachss' Erzählband «Born Bad» durch Zufall in die Hände, so stellte sich im Lauf der Lektüre fast unweigerlich die Frage ein, wes Geistes Kind der Autor denn sei. Das Level der Gewalt liegt in den 26 Stories generell hoch, wenn auch die entsprechenden Motive durchweg nur angerissen und nicht ausgeschlachtet werden; und mit obsessiv anmutender Insistenz kehrt - in rund einem Drittel der Geschichten - das Motiv des Kindsmissbrauchs wieder. Bei einem derart virulenten Thema wäre es wohl sinnvoll gewesen, wenn der Verlag bei den Angaben über den Autor etwas weniger Zurückhaltung geübt hätte. Zwar werden bei Eichborn seit 1993 Werke von Andrew Vachss in deutscher Übersetzung publiziert; aber ausserhalb der USA ist der Autor nach wie vor nicht in weiten Kreisen bekannt.

«Das Schreiben ist nicht meine eigentliche Arbeit», erfährt der Leser im von Vachss selbst verfassten, knappen Vorwort des Bandes; die Angabe des «eigentlichen» Berufs - Anwalt - steuert dann der Klappentext bei. Präzisieren liesse sich, dass Andrew Vachss in seiner juristischen Tätigkeit seit 17 Jahren ausschliesslich Kinder vertritt und dieses wenig lukrative Engagement mit den Tantièmen seiner Bücher finanziert; und dass er im Lauf seiner Berufskarriere - wenn man den Weg durch die Brutstätten sozialer Misere denn so nennen will - sich etwa mit der Reintegration jugendlicher Straftäter oder den Problemen von Migrantenquartieren befasst hat, dass er auf dem Höhepunkt der Biafra-Krise vor Ort die Administration der amerikanischen Nothilfe organisierte oder einem Hochsicherheitsgefängnis für aggressiv-gewalttätige Jugendliche vorstand. In diesen düsteren Bilderbogen passen sich seine Erzählungen nahtlos ein.

Allerdings kann ein anfälliges und emotional hoch geladenes Thema wie Kindsmissbrauch im literarischen Kontext rasch inflationär wirken - besonders, wenn es mehrfach in ähnliche Handlungsraster eingepasst wird. In der Titelgeschichte und in «Tritt auf einen Spalt» werden die einstigen Opfer selbst zu Serienmördern - wobei die erste, allzu eindimensional entwickelte Erzählung sich zumindest bei versierteren Lesern selbst um ihre Pointe bringt, während die ungleich facettenreichere zweite, schon auf einer vermeintlich absehbaren Zielgeraden angelangt, sich am Ende überraschend und erschreckend nach einer ganz anderen Richtung hin zuspitzt. Die These, Pädophilie könnte eine angeborene Veranlagung oder durch psychotherapeutische Massnahmen heilbar sein, präsentiert der Autor nur in zynisch ausgehöhlter Form: Ein Arzt bringt sie im Rahmen eines mit gutem Bestechungsgeld erkauften Plädoyers vor, das tatsächlich zum Freispruch des Kinderschänders führt. Auffallend ist denn auch die Gnadenlosigkeit, mit welcher derartige Täter in Vachss' Erzählungen in der Regel zur Strecke gebracht werden: Da findet sich immer wieder ein schwarzer Ritter, der die missbrauchten Kinder bedenkenlos und blutig rächt.

Wer das Glück hatte, das eigene humane und politisch korrekte Menschenbild einigermassen in Sicherheit und Wohlstand pflegen zu können, der würde von Literatur wohl andere Lösungsansätze erwarten. Dass Vachss zudem seinen Zorn auf die Täter nicht nur in literarische Texte umschmilzt, sondern auch in die Behandlung konkreter juristischer Fragen einfliessen lässt, zeigt beispielsweise sein 1998 vor der National Commission on Libraries and Information Science gehaltenes Plädoyer, welches das Internet als neuen und riskanten potenziellen Begegnungsraum von Kindern und Pädophilen identifiziert. Mit allem Nachdruck streicht Vachss hier heraus, dass Kindsmissbrauch eine bewusst und willentlich verfolgte Praxis sei und die Täter mehrheitlich nicht einmal die Verwerflichkeit ihres Verhaltens einsehen wollten. «Jeder Kinderschänder ist ein Soziopath», lautet die Bilanz - wobei aber die Frage nach möglichen biographischen Hintergründen für dieses Vergehen nicht aufkommt; während Vachss umgekehrt, und sicher richtigerweise, auf den Konnex zwischen Missbrauch im Kindesalter und späterer Delinquenz hinweist. Diese Asymmetrie, welche den Kindsmissbrauch als «absolutes» und voll zu verantwortendes Vergehen denunziert, für andere, oft ebenfalls gewaltsame Delikte aber das Kindheitstrauma als erklärenden Umstand gelten lässt, wird man Vachss allerdings als wahrhaft menschliche Schwäche anrechnen müssen: Sein Engagement hat ihn mit ebenso unvorstellbaren wie unverzeihlichen Scheusslichkeiten konfrontiert, die Kindern angetan werden.

«Ich bin vielleicht kein guter Schriftsteller, aber ich schreibe aus einem guten Grund», urteilt Vachss selbst. Er schreibt auch auf gutem Grund, demjenigen einer in vierzig Jahren auf dem vielzitierten harten Boden der Realität erarbeiteten Faktenkenntnis. Freilich liegt sein Terrain an den brüchigen, steil ins Nichts abstürzenden Rändern der amerikanischen Gesellschaft, überschneidet sich dort mit den sinister-surrealen Visionen, die Autoren wie George Saunders, Robert Coover oder - in seinen frühen, den Mythos des Westens in Asche und Blut auflösenden Werken - Cormac McCarthy aus den Realien der Vereinigten Staaten spinnen. In den oft vignettenkurzen Erzählungen fixiert Vachss auch einmal ein Profil, nicht unähnlich jenem der Heckenschützen, die unlängst in der Gegend von Washington ihre angemasst gottgleiche Macht übten; oder das zerfetzte Gesicht eines der Jugendlichen, die in mörderischen nächtlichen Autorennen ihren Kitzel suchen. Die letzte Textsequenz projiziert dann eine futuristische Welt jenseits des «Grossen Schreckens», die wie ein Hohlspiegel die kleinen und weniger kleinen Schrecken des Heute versammelt. - Nicht in jeder Geschichte gelingt die Kombination von atmosphärischer Dichte und fast skeletthaft reduzierter Darstellung, welche einem nach den zweieinhalb Seiten von «Müllkippe» den Atem verschlägt; doch wären die gelebten Albträume des Andrew Vachss vielleicht in solch kompakter Form auf die Dauer gar nicht auszuhalten.

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