Briefe
1959-1979.
Briefe von Nicolas
Born (2007, Wallstein-Verlag,
hrsg. von Katharina
Born).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
6.11.2007:
Im Juli 1972 ist der
Dichter nochmal kurz bei seinen Eltern, in Praest am Niederrhein. Die Tochter
spielt am Baggersee, "der Nachbar sprüht den Rasen ein und ich habe meiner
Mutter beim Recken der Bettlaken geholfen; ich habe gar nicht gewusst, dass das
in meinem Alter schon so in die Arme geht." Da war Nicolas Born 34, hatte
einen Roman veröffentlicht sowie einen Gedichtband, der zweite erschien bei
Rowohlt; er wartete darauf, sein Rom-Stipendium in der Villa Massimo anzutreten.
Und so ist wenige Zeilen nach dem Bettlakenrecken dann vom "kritischen
Ansatz" und "technokratischer Ratio" von "imaginären
Bildern" und vom Brechen des Realitätsprinzips die Rede.
Weil Nicolas Born aber nicht nur mit Hermann
Peter Piwitt, sondern auch mit Günter
Grass, Peter Handke,
Günter Kunert, F.C.
Delius und Jürgen
Theobaldy Briefe wechselt, sind über 600 Seiten "Briefe
1959-1979" zusammengekommen, die Borns Tochter Katharina
nun nach den Gedichten ihres Vaters (2004) herausgegeben hat: Dokumente der
gelebten Sehnsucht nach einer Gesellschaft von Freien und Gleichen, Zeugen eines
Lebens, das nie zwischen Privatem und Politischem trennte.
Ernst Meister, die Kölner
Schule und die Gruppe 47
Nicolas Born, am Silvestertag des Jahres 1937 in Duisburg-Hamborn zur Welt
gekommen, war als Lyriker wie als Romancier, als Herausgeber des Rowohlt'schen
"Literaturmagazins" und - eben - als Briefschreiber einer der wenigen
Autoren von Rang, die das Ruhrgebiet hervorgebracht hat. Einen Namen machte er
sich, wie die anderen, anderswo: in Köln, wo ihn Dieter
Wellershoff als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch dem "Neuen
Realismus" und der "Kölner Schule" eingemeindete; in Berlin, wo
Born 1963/64 den legendären Gründungslehrgang des Literarischen
Colloquiums inhalierte.
Einen ersten
Halt, einen frühen Lehrer und Förderer aber fand Born doch im Revier: den
Lyriker Ernst Meister,
der betagt und beinahe blind in Hagen lebte und an den der erste, halb kecke,
halb unterwürfige Brief dieses Bandes gerichtet ist, im Februar 1959, als Born
noch im Altenessener Siedlerweg wohnte und Chemiegraf in den Kruppschen Werkstätten
war, und unterzeichnet noch mit "Klaus Born" - erst Ernst Meisters
Frau Else sollte ihn
ermutigen, sich Nicolas oder Nicholas zu nennen. Dass er für die Neue Ruhr
Zeitung 1967 über die letzte Tagung der Gruppe 47 berichtete, dass er kalauerte
und witzelte und so vielen anderen Autoren wie kaum ein anderer ein Freund
gewesen ist: All das lässt sich nun nachlesen, endend mit Borns viel zu frühem
Tod 1979 und den schönen Zeilen des Gedichts "Geschichte":
"Ich bin es. Ich bin es immer gewesen. / Der mit Wohnungsschlüsseln spielt
/ und selbstverständlich an ein Frühstück denkt / in der Geschichte / und
Briefe schreibt an die Zukunft." (JD/NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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