Borges, a life.
Biographie über Jorge Luis Borges (2004, Viking, hrsg. von Edwin Williamson).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 9.07.2005:

Ein Gespenst namens Borges
Über die Bedingung der Möglichkeit, eine Biografie des grossen argentinischen Autors zu schreiben

Jorge Luis Borges (1899-1986) hat kein besonders abenteuerliches Leben geführt. Indem er die Rimbaudsche Formel «Ich ist ein anderer» wie kein Zweiter zum Prinzip seines Erzählens machte, ist er nichtsdestoweniger als Abenteurer des Geistes in die Annalen der Literatur eingegangen. Sein Hang zur Selbstverspiegelung stellt eine besondere Schwierigkeit für alle dar, die eine Biografie des Meisters schreiben wollen.

Im Sommer 2004 erschien in New York eine Biografie über den argentinischen Autor Jorge Luis Borges, die vielfach als umfassend und definitiv bezeichnet wurde. Erfahrene Borges-Leser werden sogleich Zweifel anmelden: Eine definitive Biografie ist ein Ding der Unmöglichkeit, ganz egal, ob die beschriebene Person Borges oder Funes oder Fulano de Tal heisst. Ich ist ein anderer, diese Rimbaudsche Formel hat niemand so gut veranschaulicht wie Borges, indem er die Selbstverdoppelung zu einem Erzählprinzip machte, ohne die Möglichkeit von personaler Identität, sei sie auch illusorisch, zu leugnen.

Klassische Biografen sind darauf aus, die Identität ihres Gegenstands festzulegen, ihm notfalls eine Identität zu «verpassen». Dekonstruktivierende Biografen, deren Zahl in den letzten Jahren zugenommen hat, leugnen die Einheit, was oft genug auf eine selbstgefällige Kapitulation vor der Aufgabe hinausläuft, ein Leben zu beschreiben. Die Behauptung, dass alles nur Maske sei, widerspricht der Alltagserfahrung, dass wir uns fraglos wiedererkennen, wenn wir in den Spiegel schauen. Borges freilich, dem es an Eitelkeit mangelte, schaute nicht gern in Spiegel: kein Wunder bei einer Person, die sich für hässlich hält.

ÖDIPALES SCHEMA

Die personale Identität, wie sie die Psychoanalyse konstruiert, ist ödipal. Alles Wesentliche, was über eine Person ausgesagt werden kann, ist durch das Dreieck Vater-Mutter-Kind bedingt, denn noch in den Entscheidungen des Erwachsenen bleibt das ödipale Kindheitsmuster wirksam. Solche Konstruktionen bieten einen Zugriff auf gelebte Wirklichkeit, der zu Erkenntnissen führen, sie aber auch blockieren kann. Ist der Zugriff grobschlächtig, allzu schematisch oder ideologisch, entsteht eine Karikatur statt eines Porträts. Dies ist, man muss es so sagen, der Fall bei der «definitiven» Borges-Biografie von Edwin Williamson. Nicht dass er die ambivalente Figur eines freidenkerischen und zugleich paradox- autoritären Vaters sowie die Abhängigkeit des tollpatschigen, kurzsichtigen Sohnes von einer als Gluckhenne gezeichneten Mutter ins Licht setzt, ist das Problem, sondern dass er ein ganzes Leben über diesen dünnen Leisten zieht. Und auch das könnte noch hingehen, zöge der Biograf nicht das ausserordentlich komplexe Werk des Autors über denselben Leisten, die Texte als Reflex der personalen Identität lesend und sie gleichzeitig als Informationsquelle zur Konstruktion dieser Identität gebrauchend.

Hätte Williamson die Lehren aus Freuds Essay «Der Dichter und das Phantasieren» gezogen, hätte er sich bewusst gehalten, dass Kunstwerke nur sehr bedingt Reflexe von Lebenserfahrungen sind. Bedingt nämlich insofern, als sie in vielen Fällen Wunsch- oder Angstphantasien ausdrücken, wobei sich, wie in gewöhnlichen Träumen, Wunsch und Angst vermischen können und die «Realität» als Material in das Werk eingehen kann, das mitunter zur Unkenntlichkeit - oder Kenntlichkeit - entstellt ist. Ähnlich wie bei Kafka lassen sich viele Werke Borges' als vielschichtige Phantasien verstehen, die einen Bearbeitungsprozess im Rahmen einer Logik des Schöpferischen durchmachen. Diese Art von phantastischer Literatur auf biografisch motivierte Phantasien zurückzuführen, ist legitim und aufschlussreich - unter der Voraussetzung, dass man ihre wesentliche, nicht nur akzidentelle, Widersprüchlichkeit beachtet und die Fluchtlinien im Auge behält, das heisst die oft vielfachen Möglichkeiten, vom ödipalen Dreieck wegzudriften und Räume zu öffnen, die im Fall von Borges häufig metaphysische Qualität gewinnen.

Nun ist eine Biografie freilich kein metaphysisches Traktat. Dennoch könnte der Biograf die lebensgeschichtlichen Motivationen der metaphysischen Bedürfnisse nachzeichnen, die Angelpunkte, die es zwischen den verschiedenen Ebenen gibt und die erst das Funktionieren eines Werks garantieren. Williamson wirft einige wenige Begriffe in die Schlacht, die diesen Zweck erfüllen sollen, aber sie sind ebenso karikaturhaft und altväterisch wie das ödipale Schema, das er anwendet. Im Wesentlichen sind es zwei: die Muse und der Pantheismus. Wie es sich für eine Biografie gehört, hat die Muse einen Namen, der Pantheismus einen Schauplatz. Norah Lange soll über viele Jahre hinweg die Inspiration schenkende Muse gewesen sein und das Haus ihrer Familie in der Calle Tronador in Buenos Aires so etwas wie das irdische Paradies, wo die ewigen Augenblicke des Glücks, die mystischen Einheitserfahrungen stattfanden.

Als Borges die von norwegischen Einwanderern abstammende Norah Lange kennen lernte, war sie ein unbedarfter Teenager und er der junge Anführer der literarischen Avantgarde am Río de la Plata. Norah wurde in den folgenden Jahren von Borges' poetischen Kampfgefährten bestaunt und begann selbst, unterstützt von Borges, Gedichtbände zu veröffentlichen. Dann verfiel sie eines Tages dem um siebzehn Jahre älteren Oliverio Girondo, der ebenfalls eine wichtige Rolle in der argentinischen Avantgarde spielte, aber sich oft für lange Perioden in London und Paris aufhielt. Die beiden heirateten nach einer langen, wechselhaften Geschichte von Anziehung und Abstossung. Dass Borges Norah so sehr geliebt hat, dass ein Grossteil seines dichterischen Werks der zwanziger Jahre auf diese Liebe zurückzuführen ist, kann man ebenso in Zweifel ziehen wie die Behauptung, die Zurückweisung durch Norah habe ihn an den Rand des Selbstmords gebracht. María Esther Vázquez, die mit Borges seit 1957 befreundet war, sagt schlicht und einfach: «Borges war nicht in Norah verliebt.»

VERLIEBT UND VERARMT

Verliebt war er in Concepción Guerrero, die beste Freundin Norahs, ein Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen, mit dem er sich heimlich im Garten des Hauses der Lange-Familie traf. Soweit aus den Briefen hervorgeht, die er an seinen Freund Jacobo Sureda nach Mallorca schrieb, war dies eine echte, leidenschaftliche, nicht nur geistige Beziehung, die auf den Widerstand der alteingesessenen Familie Borges traf, die sich, wie später auch Borges selbst, auf ihren «kreolischen» Stammbaum einiges zugute tat. Dass Borges nach dem Bruch mit Concepción viele Jahre lang ein unglücklich, fast könnte man sagen: ein abstrakt Verliebter war, von sexueller Erfüllung allenfalls träumend, dieser von Williamsons Biografie vermittelte Eindruck trifft wohl die Tatsachen und dürfte Borges' Schaffen beeinflusst haben. Eine entscheidende Erfahrung in diesem Zusammenhang war die sexuelle Initiation, die Borges' Vater seinem Sohn 1918 in einem Genfer Bordell angedeihen lassen wollte. Borges «versagte», die freizügige pädagogische Geste des Vaters hatte kontraproduktive Wirkung. Die Bedeutung dieser Episode lässt sich aus mehreren Texten Borges' erschliessen; sie wurde schon von Estela Canto, seiner späteren Geliebten, in ihrem Erinnerungsbuch «Borges im Gegenlicht» hervorgehoben und von María Esther Vázquez in ihrer Borges-Biografie nicht geleugnet.

Liest man die Biografie Williamsons, gewinnt man den Eindruck, Borges senior habe die Familie seinen Launen unterworfen, was unter anderem zur Folge hatte, dass Jorge Luis kein Abitur machen konnte. Tatsächlich war der Vater von Blindheit bedroht und suchte in Europa nach einer Heilungsmöglichkeit, und die ganze Familie litt während des Ersten Weltkriegs unter der Lebensmittelknappheit in der Schweiz. María Esther Vázquez bezeichnet die Mutter Borges' als «heldenhafte» Frau, die ihre Ration oft genug an ihre halbwüchsigen Kinder weitergab und dabei selbst krank wurde. In späteren Jahren pflegte sie zuerst ihren endgültig erblindeten Mann und dann ihren Sohn. Sie unterstützte Borges bei Übersetzungen aus dem Englischen, und Frau Vázquez meint, dass sie an einigen dieser Arbeiten (William Faulkner, Virginia Woolf) viel grösseren Anteil hatte als Borges selbst. Übrigens lebte die Familie Borges schon in ihrer Zeit in der Schweiz von der Invalidenrente des Vaters, der in Argentinien als Justizbeamter gearbeitet hatte. Diese simple, aber wichtige Information vergisst Williamson zu erwähnen. Tatsächlich war die Familie in den dreissiger Jahren verarmt, und Borges, der keinerlei Ausbildung vorweisen konnte, musste sich mit einer untergeordneten Stelle in einer Stadtteil-Bibliothek begnügen.

DER VATER UND DIE MUSEN

Das ödipale Dreieck lässt solche Gesichtspunkte nicht zu. Es bewirkt darüber hinaus, dass rein literarische Einflüsse auf die Entwicklung des Autors am Rand oder ganz draussen bleiben. Stattdessen stellt Williamson die These auf, «Der Kongress», eine der wichtigsten Erzählungen Borges' aus seiner letzten Schaffensperiode, sei eine Neuschrift des Romans «El Caudillo» von Borges senior, gleichsam die Vollstreckung des literarischen Schicksals des Vaters, der sich als Gescheiterten betrachten musste. Die These ist interessant, aber so eng an das psychoanalytische Schema gebunden, dass sie als Interpretation letztlich am Text vorbeigeht. Borges senior hatte als guter Anarchist die Überzeugung vertreten, dass die Staatsgrenzen in Europa verschwinden würden. Ähnliche Ideen findet man bei Macedonio Fernández, neben dem Vater der grosse Lehrer Borges', und Xul Solar, dem Maler, der sich der Entwicklung künstlicher Sprachen widmete. Dieses Milieu, wo sich Borges in den zwanziger Jahren bewegte, spiegelt sich im «Kongress». Und aus diesem Umgang bezog Borges seine Erkenntnisskepsis, seinen Humor, seine Lust am Spiel mit Ideen, seinen Individualanarchismus, seine Ablehnung autoritärer Strukturen.

Wenn das Konzept der Muse bei Borges greift, dann am ehesten in Hinblick auf den alten, blinden und berühmten Dichter. Etwa in dem Sinn, wie Roberto Bolaño schrieb: Seine späten Gedichtbände erschienen unbeachtet zwischen seinem eigenen Ruhm als phantastischer Erzähler und der riesigen Menge männlicher und weiblicher Musen. Die wertvollsten Musen waren gewiss seine Vorleserinnen und Sekretärinnen; die letzte, María Kodama, verwaltet bis heute mit eiserner Hand die Hinterlassenschaft. Dass es zwischen den Frauen um Borges zu Eifersüchteleien kam, war unvermeidlich. Eine nicht geringe Rolle spielte dabei Estela Canto, und zwar nicht nur als Provokateurin, sondern auch als Frau, die bei Borges eine Erschütterung bewirkte, die ihm erst jenes Glück ermöglichte, nach dem er so lange vergeblich gestrebt hatte. Dass Borges' Mutter über die Beziehung nicht glücklich war, versteht sich. Beide, Borges schon in fortgeschrittenem Alter, Estela eine junge, verführerische Frau, waren stark kurzsichtig. Die Mutter fürchtete nicht nur um das Seelenheil ihres Georgie und das Ansehen der Familie, sie war auch wegen der Kurzsichtigkeit des Liebespaares besorgt. Einmal, erzählt María Esther Vázquez, hatten sich die beiden in einem Café verabredet, und sie setzten sich an verschiedene Tische und warteten aufeinander, ohne einander zu erkennen.

Später, als Borges Direktor der Nationalbibliothek und auf dem Weg zur Weltberühmtheit war, wird ihm diese Muse eher peinlich gewesen sein. Im letzten Buch von Vázquez, das Erinnerungen an Schriftsteller wie Eduardo Mallea, Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares enthält, findet sich folgende Episode: Zu den Aufgaben Horacio Armanis, Lyriker und nun seit vierzig Jahren Vázquez' Ehemann, gehörte es unter anderem, Estela Canto zu beruhigen, wenn sie «ein paar Gläser über den Durst getrunken hatte und das Foyer der Bibliothek betrat, um von Borges die Einlösung zweier Versprechen zu fordern, die er ihr angeblich fünfzehn Jahre zuvor gegeben hatte: erstens der Kommunistischen Partei beizutreten und zweitens sie zu heiraten».

Der argentinische Romancier Rodrigo Fresán bemerkt in einer Kritik zu Williamsons Biografie, sie sei «korrekt, funktional und brauchbar» für den englischsprachigen Leser, «aber völlig überflüssig für uns», das heisst für Argentinier, denen das biografische Material längst bekannt sei. Im Übrigen sei das Leben Borges' weder besonders interessant noch unterhaltsam. Borges hat sich nicht verausgabt, er hat sich nicht selbst zerstört und keine Abenteuer gesucht wie Malcolm Lowry oder Hemingway. Dennoch können auch die Biografien «sesshafter» Autoren abenteuerlich sein, wie man am Beispiel Kafkas sieht. Die Abenteuer des Geistes sind nicht weniger aufregend als die des Körpers; es kommt allerdings darauf an, wie sie der Biograf erzählt und wie er die Persönlichkeit - sein «Thema» - auslotet.

LEBEN UND SCHREIBEN

Scharfsinnig und treffend zitiert Fresán aus dem Text «Borges und ich», wo der Autor sagt, «die Dinge» stiessen Borges zu, nicht «mir», aber er, dieses namenlose Ich, wisse nicht, wer von beiden diese Seite schreibe. Damit ist ein Paradox formuliert, an dem sich der Biograf abzuarbeiten hätte: Der literarische Text steht in Zusammenhang mit den (meist banalen) Dingen des Lebens eines Autors, und zugleich überschreitet er dieses in jedem seiner Augenblicke; während umgekehrt das borgeanische Ich meint, es erkenne sich weniger in den Schriften von Borges als in denen zahlreicher anderer Autoren. Durch die nachträgliche Rekonstruktion des Kontexts kann man die Borges-Texte leicht banalisieren. Aber jede Wiederlektüre zeigt, dass sie gegen die Banalisierung resistent sind und sich dem ödipalen Dreieck entziehen. Es gibt zwei Borges, es gibt unendlich viele Borges - dies war gewiss eine Angst des argentinischen Autors, aber zugleich lauert in der labyrinthischen Struktur das Glück des Lesens und des Schreibens.

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