Bonsai von Kirsten Thorup, 2005, Insel

Bonsai.
Roman von Kirsten Thorup (2005, Insel - Übertragung Angelika Gundlach).
Besprechung von Anna Katharina Dömling in Neue Züricher Zeitung vom 30.07.2005:

Polyphone Geheimnisse 
«Bonsai»: Kirsten Thorups Roman einer Scheinehe

Es klingt zunächst wie in einem Märchen oder wie eine moderne Pygmalion-Geschichte: Nina, ein junges Mädchen vom Lande, das zu Hause als Aussenseiterin gilt, kommt Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal in die Grossstadt Kopenhagen und verliebt sich in den Theaterregisseur, Maler und Kunstkritiker Stefan. Er führt Nina in die ihr noch unbekannte Welt der Kunst und der schönen Reichen ein und versucht aus ihr eine Dame zu machen. Sie heiraten bald, aber was so märchenhaft begann, wird rasch zum Albtraum einer Ehe, die nur eine Scheinehe ist: Stefan bewundert zwar schöne Frauen, liebt aber eigentlich Männer.

Die Tragik einer unmöglichen Beziehung, die Stefan, der als Künstler bürgerliche Normalität verachtet, mit dem harmlosen Etikett einer «freien, unkonventionellen Ehe» versieht, im Grunde aber nur als Camouflage für seine Homosexualität benutzt, steht im Zentrum des Romans «Bonsai» von Kirsten Thorup. Nina, die ihren Mann hilflos bewundert und anbetet, erkennt erst allmählich, dass sie ein Teil seines Ästhetisierungs- und Verschleierungsprojekts ist; sie selbst fühlt sich unselbständig und wertlos, definiert sich anfangs nur über ihre Mängel und im Vergleich mit dem gleichsam in den Olymp erhobenen Ehemann: «Ich bin dumm, verglichen mit ihm. Ich weiss so wenig. Bevor ich ihn kennen lernte, hatte ich nie Proust gelesen. Ich wusste nicht einmal, wie Knoblauch schmeckt.»

Nina droht zum Bonsai zu werden, zum hübsch zurechtgeschnittenen Zierbäumchen in Stefans Garten. Auch als sie längst den Garten verlassen hat und die Ehe getrennt wird, sind die beiden aneinander gekettet in einer Hassliebe, die sich bis über Stefans Tod hinaus erstreckt. Doch es gibt keine Schuldigen oder Opfer in «Bonsai», erzählt wird vielmehr von den gegenseitigen Abhängigkeiten, in denen sich die Protagonisten verstricken, von den grossen und kleinen Missverständnissen in menschlichen Beziehungen, von der Unfähigkeit, einander loszulassen, und vom Traum eines glücklichen Lebens.

Wer spricht? 
In «Bonsai» wird in sieben Kapiteln eine vielschichtige Erzählung entfaltet, in der jeweils verschiedene Erzählerstimmen zu Wort kommen, die in ihrer Polyphonie eine ineinander verschlungene Parallelität und damit auch eine Fragmentierung der Figurenperspektiven ergeben, anstelle einer zentrierten Ordnung oder einer Hierarchie. So entsteht gleichsam ein behutsam gesponnenes Netz, ein Mosaik von Stimmen, die den Leser gefangen nehmen und bisweilen auch verwirren. Die ersten und letzten Worte des Romans gehören einer «verfremdeten» Stimme, einer Tonbandaufnahme von Nina, gerichtet an die Psychotherapeutin Charlotte, aber Nina erkennt dabei «ihre eigene Stimme nicht wieder. [. . .] Sie hat das unheimliche Gefühl, dass die fremde Stimme etwas von ihr verrät, dessen sie sich selbst kaum bewusst ist.» Aus ihr spricht die Sehnsucht nach einer neuen Identität, aber auch ironische Selbstreflexion. «Anstatt die Haut zu entfernen und mich selbst lebendig zu häuten, ziehe ich einen weiten Rock über den Anzug. Und über den weiten Rock einen Wolfspelz. Und über den Pelz eine Mönchskutte. Über die Mönchskutte einen Bikini. Und das ist bis auf weiteres mein Name – auch wegen der Atomversuche im Stillen Ozean und der unglücklichen misshandelten Inseln.»

Identitätsverlust, Identitätssuche und Illusionslosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen; einsame, sich selbst fremde, rastlose Figuren, die jedoch stets auf der Suche nach einem geglückten Leben sind – das sind wiederkehrende Themen und Motive in Kirsten Thorups Werk, die mit ihrem Début im Jahre 1967 (dem Gedichtband «Indeni – udenfor») zusammen mit Inger Christensen und Dorrit Willumsen zur neuen Generation modernistischer Autorinnen in Dänemark gehörte und die eine der meistgelesenen und bedeutendsten dänischen Schriftstellerinnen der Gegenwart ist. Ihre vielfältige, genremässig experimentierfreudige literarische Produktion zieht sich dabei durch sämtliche Gattungen – Lyrik, Prosa, Dramatik sowie Hybridformen.

Der geheime Text 
Die Polyphonie der Erzählerstimmen in «Bonsai» eröffnet auch einen ästhetischen und metapoetischen Blick auf den Roman, indem sie auf eine unsichtbare Vollkommenheit verweist, die paradoxerweise nur in der Fragmentierung, quasi ex negativo, aufscheint. Einen Schlüssel zu dieser (gewissermassen paradiesischen) Ganzheit liefern auch die in Kirsten Thorups Romanen häufig verwendeten «geheimen Texte», wie sie der dänische Literaturwissenschafter Erik Skyum-Nielsen in einem Essay bezeichnet: Tagebücher und Briefe (oder eben Tonbandprotokolle wie in «Bonsai»), die dem Leser und auch anderen Romanfiguren bisher verborgen gebliebene Wünsche und Sehnsüchte eines Protagonisten erschliessen. In «Bonsai» erfahren Nina und die Tochter Elin somit manches über Stefans Jugend, seine Träume und Gedanken nur aus seinen sorgfältig geführten Tagebüchern (die dann freilich verbrannt werden). Auch in Kirsten Thorups früheren Romanen wie «Himmel og helvede» (1982), «Den yderste grænse« (1987) oder «Elskede ukendte» (1994) sind es Tagebücher, die als solche geheimen Texte fungieren. Ein erzähltechnischer Griff, der zugleich der Sehnsucht nach dem «vollkommenen Text», einer ästhetischen Utopie, Ausdruck verleiht.

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