Böse Schafe von Katja Lange-Müller, 2007, KiWi1.) - 2.)

Böse Schafe.
Roman von Katja Lange-Müller (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 12.9.2007:

Die Legende von Harry und Soja
Kräftig, derb, todtraurig: Katja Lange-Müllers Westberlin- und Liebesroman "Böse Schafe"

Am 17. April 1987 läuft Soja, unterwegs zu dem "Bayer Christoph Meier", der ihr angeboten hat, seine Badewanne zu benutzen, einem Mann in die Arme. "Na, Mausepuppe - wohin geht's?" Sie ist empfänglich für derlei Anmache. Knapp Vierzig, eher kräftig, meist in Kleidern verpackt, die man Hänger nennt, ist sie ein Jahr zuvor aus Ost-Berlin in den Westen der Stadt gekommen.

",Ich Harry, das Benno', sagtest Du, einen Knicks, keinen Diener andeutend. Und ich bin Soja, ergänzte ich", in der Befürchtung, wie fast immer im Westen, gefragt zu werden: "Bohne oder Soße?" Aber Harry fragt nur:

"Was ist? Wollen wir einen Kakao trinken gehen?"

Jahre später erzählt Soja ihrem Harry - und uns - die Geschichte ihrer Beziehung. Harry ist tot. Er stirbt Anfang 1990, kurz nach der Öffnung der Mauer. Er hatte sie als Erbin eingesetzt, aber nicht viel hinterlassen, unter anderem ein Schulheft mit Aufzeichnungen, 89 Sätze. Soja ist mit keinem Wort erwähnt. "Warum bin ich abwesend, als wären wir einander nie begegnet?" Sie vermutet, "dass ich dir so gleichgültig war wie alles auf der großen weiten Welt, außer deinem Lebenselixier und der Angst davor, wieder im Knast zu landen."

Deshalb lässt sie wie einen Film ihrer beider (Liebes-)Geschichte noch einmal ablaufen. Sie spricht ihn direkt an: "Du". Das führt gelegentlich zu Problemen, wenn etwa Informationen, die der Leser zum Verständnis braucht, im Dialog nachgeliefert werden müssen. Aber es ist vielleicht die einzige Form, in der diese Quadratur des Kreises angepackt werden kann.

Zwei richtig kaputte Typen treffen einander. Der Psycho-Mief, der solche Wracks wie Harry umgibt, wird fast aufdringlich spürbar. Und doch - rätselhaft, wie sie das schafft - wird Diskretion gewahrt. Die Figuren entblößen sich, aber sie werden nie bloßgestellt. Soja bekennt: "gerade Männer haben meist auf Anhieb erkannt, dass mir Sex reichen und so etwas kompliziertes wie Liebe mich dabei nur stören würde. Wenn ich doch einmal verliebt war, litt ich unter diversen Komplexen, fühlte mich hässlich, doof, krank."

In allen Einzelheiten beschreibt Soja, wie Harry sie auf seine "Palme" hebt und wie sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie ahnt. Sie befürchtet. Schließlich erfährt sie es: Harry, ein Junkie, hat zehn Jahre Gefängnis hinter sich. Zudem ist er aidskrank. Er wird per Haftbefehl gesucht, weil er sich einer gerichtlich angeordneten Therapie entzogen hat.

Dem Glück so nah

Katja Lange-Müller versteht es, durch die Sprachlosigkeit der Figuren hindurch deren Nähe und Distanz zu beschreiben, die wenigen Augenblicke, in denen sie (vor allem Soja) sich dem Glück nahe fühlen und doch wissen, wie unendlich fern es für Leute wie sie bleibt.

Der Lange-Müller-Ton ist kräftig, derb und doch so differenziert, dass die Anflüge von Zärtlichkeit wie Signale aufleuchten. Die Gefahr, bei einem solchen Unternehmen abzugleiten, ist riesengroß. Doch auch die Kindheits- und Jugenderinnerungen, allemal Leidensgeschichten, vermeiden den lauwarmen Sozialarbeiter-Klang. Harry erzählt von einem Bouletten-Attentat, vom Gefängnis, und Soja, die ihm meist nur zugehört hatte, holt jetzt nach, was sie damals, als er noch lebte, schon gerne erzählt hätte.

Von einem Bade-Urlaub, von einer Pilzsuche im Oktober 1963. Sie war auf dem Rückweg in einer Bahnhofskneipe gelandet, in der entlassene Strafgefangene ihre Begnadigung feierten. Ein unglaubliches Besäufnis, unglaubliche Szenen, rücksichtslos genaue, ekelhaft großartige Beschreibungen. "Schließlich zog auch Wilhelm sein Ringelnicki aus, öffnete Gürtel und Reißverschluss, bugsierte mich auf die Sofakante, drückte mir mit den Knien die Beine auseinander, und doof, aber zielstrebig" - kommt die Sache zu ihrem Abschluss.

Das Elend des jungen Mädchens wird nebenbei sichtbar. Am deutlichsten, wenig später, am Bahnsteig. Soja wartet auf den ersten morgendlichen Zug, sucht nach Zigaretten. Da sieht sie eine ganze Schachtel auf den Gleisen liegen, springt hinunter und wird dabei von Polizisten beobachtet, die an einen Selbstmordversuch glauben (mussten). Ihr Versuch, die Wahrheit zu erzählen, geht vollends daneben. Die Polizisten fühlen sich verarscht. Da hilft Soja nur noch die Berufung ihrer Mutter. Und die hilft tatsächlich, schlagartig.

Die Reminiszenz an den realen Sozialismus reicht aber noch tiefer. Jeder westliche Leser mag Sojas Namen für einen Scherz halten und die Frage "Bohne oder Soße?" für den dazu gehörigen Kalauer. Doch an diesem Beispiel zeigt sich die Arbeitsweise der Autorin.

Kein Detail wird dem Zufall überlassen. Soja Kosmodemjanskaja war das "Idol" ihrer Mutter. 1923 geboren, 1941 von den Deutschen gehängt, galt sie als heldenhafte Kämpferin gegen die faschistischen Invasoren. Soviel wird im Buch gesagt.

Dahinter aber steht eine Legende. Tatsächlich gehörte das junge Mädchen zu einer Sondertruppe, die auf geheimen Befehl Stalins russische Dörfer zerstörte, um den Hass auf die Deutschen und deren Politik der verbrannten Erde zu schüren.

Konnte nicht gut gehen

Es gibt viele solcher Kleinigkeiten in diesem Roman, die sich zu einem dichten Netz von Verweisen und Bezügen verknüpfen. Ohne Kenntnis dieser Legende erscheint die Mutter als kalte Karrieristin. Weiß man aber darum, wird auch die Scham begründet, sich auf diese Mutter zu berufen.

Die Geschichte von Soja und Harry hatte gut angefangen. Gut ausgehen konnte sie nicht. Dafür ist sie - als Literatur - gut geworden, ganz ausgezeichnet sogar.

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Böse Schafe von Katja Lange-Müller, 2007, KiWi2.)

Böse Schafe.
Roman von Katja Lange-Müller (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Sieglinde Geisel in Neue Zürcher Zeitung vom 4.11.2007:

Intim und in die Ferne gerückt
Eine Liebes- und Aidsgeschichte ist eines der meistdiskutierten Bücher dieses Herbstes

Es ist 1987, die Mauer steht noch, und Aids ist ein Todesurteil. Kaum ein Jahr ist Soja in Westberlin. Harry ist eine Zufallsbekanntschaft, doch sie will ihn um jeden Preis haben – das Wort «Junkie» hatte sie in der DDR nie gehört.
Was ihr von dieser Liebe in der Erinnerung bleibt, ist ein «betörend undramatisches Glück», ein Standbild von zwei Menschen, die nebeneinander auf der Matratze liegen. Mehr ist es nicht, denn kennengelernt hat sie Harry in den knapp drei Jahren eigentlich kaum. Er entzieht sich, verschwindet, ist gleichgültig und egozentrisch, hat Geheimnisse. Er sei einer der «guten Bösen», so liest Soja es nach seinem Tod in seinem Notizbuch.
Die guten Bösen unterscheiden sich von den bösen Bösen darin, dass sie nicht mehr einander Gewalt antun, sondern nur noch sich selbst. Der HIV-positive Harry schützt Soja vor Ansteckung, indem er sie beim Sex jeweils rechtzeitig «von der Palme holt», wie er es ausdrückt.
Eine Amour fou, die nicht gut ausgeht und von deren Glück sich Soja nicht mehr erholt. Doch Lange-Müller schreibt keine traurigen Bücher. Harrys gekerbtes Kinn sieht aus «wie ein stoppliger Babypopo», Sojas toupierte Frisur
«wie ein gefrorener Ameisenhaufen».
Nicht immer haut der Sprachwitz hin. «Ich ging jedoch nicht rauchen, sondern im Zimmer umher», solche Manierismen häufen sich. Hinreissend sind dagegen die Sexszenen. Der Sex selbst mag schiefgehen, doch Katja Lange-Müller macht daraus ein sprachliches Kleinod an Zärtlichkeit und Komik.
Was einen beim Lesen gefangen nimmt, ist nicht nur diese seltsame Liebe, sondern die sprachliche Form. Denn Soja erzählt ihre Geschichte nicht uns, sondern dem toten Harry, und zwar tut sie dies in strengem Imperfekt und über weite Strecken in der zweiten Person. «Du warst [. . .] permanent müde, döstest vor dich hin, lasest keine Fantasy-Romane, hörtest nicht The Doors, sprachst kaum.»
Eine seltene Verbform, die den Text auf sanfte Weise verfremdet. Die Intimität der Zwiesprache wird vom erhabenen Imperfekt sogleich in die Ferne gerückt – diese paradoxe Wirkung trägt den ganzen Roman.

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