1.)
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Böse
Schafe.
Roman von Katja
Lange-Müller (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 12.9.2007:
Die Legende von Harry und Soja
Kräftig, derb, todtraurig: Katja Lange-Müllers
Westberlin- und Liebesroman "Böse Schafe"
"Was ist? Wollen wir einen Kakao trinken
gehen?"
Jahre später erzählt Soja ihrem Harry - und uns - die Geschichte ihrer
Beziehung. Harry ist tot. Er stirbt Anfang 1990, kurz nach der Öffnung der
Mauer. Er hatte sie als Erbin eingesetzt, aber nicht viel hinterlassen, unter
anderem ein Schulheft mit Aufzeichnungen, 89 Sätze. Soja ist mit keinem Wort
erwähnt. "Warum bin ich abwesend, als wären wir einander nie
begegnet?" Sie vermutet, "dass ich dir so gleichgültig war wie alles
auf der großen weiten Welt, außer deinem Lebenselixier und der Angst davor,
wieder im Knast zu landen."
Deshalb lässt sie wie einen Film ihrer beider (Liebes-)Geschichte noch einmal
ablaufen. Sie spricht ihn direkt an: "Du". Das führt gelegentlich zu
Problemen, wenn etwa Informationen, die der Leser zum Verständnis braucht, im
Dialog nachgeliefert werden müssen. Aber es ist vielleicht die einzige Form, in
der diese Quadratur des Kreises angepackt werden kann.
Zwei richtig kaputte Typen treffen einander. Der Psycho-Mief, der solche Wracks
wie Harry umgibt, wird fast aufdringlich spürbar. Und doch - rätselhaft, wie
sie das schafft - wird Diskretion gewahrt. Die Figuren entblößen sich, aber
sie werden nie bloßgestellt. Soja bekennt: "gerade Männer haben meist auf
Anhieb erkannt, dass mir Sex reichen und so etwas kompliziertes wie Liebe mich
dabei nur stören würde. Wenn ich doch einmal verliebt war, litt ich unter
diversen Komplexen, fühlte mich hässlich, doof, krank."
In allen Einzelheiten beschreibt Soja, wie Harry sie auf seine "Palme"
hebt und wie sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie ahnt. Sie befürchtet.
Schließlich erfährt sie es: Harry, ein Junkie, hat zehn Jahre Gefängnis
hinter sich. Zudem ist er aidskrank. Er wird per Haftbefehl gesucht, weil er
sich einer gerichtlich angeordneten Therapie entzogen hat.
Dem Glück so nah
Katja Lange-Müller versteht es, durch die
Sprachlosigkeit der Figuren hindurch deren Nähe und Distanz zu beschreiben, die
wenigen Augenblicke, in denen sie (vor allem Soja) sich dem Glück nahe fühlen
und doch wissen, wie unendlich fern es für Leute wie sie bleibt.
Der Lange-Müller-Ton ist kräftig, derb und doch so differenziert, dass die
Anflüge von Zärtlichkeit wie Signale aufleuchten. Die Gefahr, bei einem
solchen Unternehmen abzugleiten, ist riesengroß. Doch auch die Kindheits- und
Jugenderinnerungen, allemal Leidensgeschichten, vermeiden den lauwarmen
Sozialarbeiter-Klang. Harry erzählt von einem Bouletten-Attentat, vom Gefängnis,
und Soja, die ihm meist nur zugehört hatte, holt jetzt nach, was sie damals,
als er noch lebte, schon gerne erzählt hätte.
Von einem Bade-Urlaub, von einer Pilzsuche im Oktober 1963. Sie war auf dem Rückweg
in einer Bahnhofskneipe gelandet, in der entlassene Strafgefangene ihre
Begnadigung feierten. Ein unglaubliches Besäufnis, unglaubliche Szenen, rücksichtslos
genaue, ekelhaft großartige Beschreibungen. "Schließlich zog auch Wilhelm
sein Ringelnicki aus, öffnete Gürtel und Reißverschluss, bugsierte mich auf
die Sofakante, drückte mir mit den Knien die Beine auseinander, und doof, aber
zielstrebig" - kommt die Sache zu ihrem Abschluss.
Das Elend des jungen Mädchens wird nebenbei sichtbar. Am deutlichsten, wenig später,
am Bahnsteig. Soja wartet auf den ersten morgendlichen Zug, sucht nach
Zigaretten. Da sieht sie eine ganze Schachtel auf den Gleisen liegen, springt
hinunter und wird dabei von Polizisten beobachtet, die an einen
Selbstmordversuch glauben (mussten). Ihr Versuch, die Wahrheit zu erzählen,
geht vollends daneben. Die Polizisten fühlen sich verarscht. Da hilft Soja nur
noch die Berufung ihrer Mutter. Und die hilft tatsächlich, schlagartig.
Die Reminiszenz an den realen Sozialismus reicht aber noch tiefer. Jeder
westliche Leser mag Sojas Namen für einen Scherz halten und die Frage
"Bohne oder Soße?" für den dazu gehörigen Kalauer. Doch an diesem
Beispiel zeigt sich die Arbeitsweise der Autorin.
Kein Detail wird dem Zufall überlassen. Soja Kosmodemjanskaja war das
"Idol" ihrer Mutter. 1923 geboren, 1941 von den Deutschen gehängt,
galt sie als heldenhafte Kämpferin gegen die faschistischen Invasoren. Soviel
wird im Buch gesagt.
Dahinter aber steht eine Legende. Tatsächlich gehörte das junge Mädchen zu
einer Sondertruppe, die auf geheimen Befehl Stalins russische Dörfer zerstörte,
um den Hass auf die Deutschen und deren Politik der verbrannten Erde zu schüren.
Konnte nicht gut gehen
Es gibt viele solcher Kleinigkeiten in diesem
Roman, die sich zu einem dichten Netz von Verweisen und Bezügen verknüpfen.
Ohne Kenntnis dieser Legende erscheint die Mutter als kalte Karrieristin. Weiß
man aber darum, wird auch die Scham begründet, sich auf diese Mutter zu
berufen.
Die Geschichte von Soja und Harry hatte gut angefangen. Gut ausgehen konnte sie
nicht. Dafür ist sie - als Literatur - gut geworden, ganz ausgezeichnet sogar.
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2.)
Böse
Schafe.
Roman von Katja
Lange-Müller (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Sieglinde Geisel in Neue
Zürcher Zeitung vom 4.11.2007:
Intim und in die
Ferne gerückt
Eine Liebes- und Aidsgeschichte ist eines der meistdiskutierten Bücher
dieses Herbstes
Es ist 1987, die Mauer steht noch, und
Aids ist ein Todesurteil. Kaum ein Jahr ist Soja in Westberlin. Harry ist eine Zufallsbekanntschaft, doch sie will ihn
um jeden Preis haben – das Wort «Junkie» hatte sie in der DDR nie gehört.
Was ihr von dieser Liebe in der Erinnerung bleibt, ist ein «betörend undramatisches
Glück», ein Standbild von zwei Menschen, die nebeneinander auf der Matratze liegen. Mehr ist es nicht, denn
kennengelernt hat sie Harry in den knapp drei Jahren eigentlich kaum. Er entzieht
sich, verschwindet, ist gleichgültig und egozentrisch, hat Geheimnisse. Er sei einer der «guten Bösen», so liest Soja es
nach seinem Tod in seinem Notizbuch.
Die guten Bösen unterscheiden sich von den bösen Bösen darin, dass sie nicht mehr einander Gewalt antun, sondern
nur noch sich selbst. Der HIV-positive Harry schützt Soja vor Ansteckung, indem er sie beim Sex jeweils rechtzeitig
«von der Palme holt», wie er es ausdrückt.
Eine Amour fou, die nicht gut ausgeht und von deren Glück sich Soja nicht mehr erholt. Doch Lange-Müller
schreibt keine traurigen Bücher. Harrys gekerbtes Kinn sieht aus «wie ein stoppliger
Babypopo», Sojas toupierte Frisur
«wie ein gefrorener Ameisenhaufen».
Nicht immer haut der Sprachwitz hin. «Ich ging jedoch nicht rauchen, sondern im Zimmer umher», solche Manierismen
häufen sich. Hinreissend sind dagegen die Sexszenen. Der Sex selbst mag schiefgehen, doch Katja Lange-Müller
macht daraus ein sprachliches Kleinod an Zärtlichkeit und Komik.
Was einen beim Lesen gefangen nimmt, ist nicht nur diese seltsame Liebe, sondern die sprachliche Form.
Denn Soja erzählt ihre Geschichte nicht uns, sondern dem toten Harry, und zwar tut sie dies in strengem Imperfekt
und über weite Strecken in der zweiten Person. «Du warst [. . .] permanent müde, döstest vor dich
hin, lasest keine Fantasy-Romane, hörtest nicht The Doors, sprachst kaum.»
Eine seltene Verbform, die den Text auf sanfte Weise verfremdet. Die Intimität der Zwiesprache
wird vom erhabenen Imperfekt sogleich in die Ferne gerückt – diese paradoxe Wirkung
trägt den ganzen Roman.
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