1.)
- 2.)
Bodenlos
oder ein gelbes Mädchen läuft rückwärts.
Roman von Thomas Lang
(2010, Beck).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 31.1.2010:
Dumpfer Begleiter der Pubertät ist das Gefühl, festzustecken, festgehalten, am Aufbruch gehindert zu werden. Daher trifft Thomas Lang im Roman einer Jugend den Kern, unabsichtlich: Mit ermüdenden literarischen Finessen und entschleunigender Altklugheit macht Lang, Bachmannpreisträger ‘05, seine Leser zu Gefangenen seines Werks.
Schon dem Anfang wohnt ein Zaudern inne. Der 18-jährige Jan Bodenlos steht an der Kante, am Abgrund: des Zehn-Meter-Bretts. Es drängt ihn zum Sprung ein Satz seines Freundes Thomas: „Stell dir einfach vor, dass der Boden von Millionen Raketen nach oben getrieben wird, während alles, was fällt, in Ruhe ist.” Die Umkehrung physikalischer Gesetze versucht auch der Autor nachzuahmen, indem er in den ersten Szenen die Zeitfolge umdreht.
Wie kompliziert sie sein kann, so eine dörfliche Jugend in den 80ern! Jedenfalls, wenn man all dies hineinwirft in das Drama des Erwachsens und Erwachens: die Angst vor Atomraketen und Aids, eine neue Mitschülerin, eine Mutter mit Brustkrebs, einen Architektenvater mit Frustbauten im Innern. Schließlich: Selbstmorde, tödliche Unfälle.
Die Welt zerfällt. Jans Schwester An stirbt, den (aus dem Holzhammer geschnitzten) Vornamen zufolge trägt er sie weiter in sich, im Herzen. An machte eine Ausbildung zur Fotografin; die Metaphern – zerstörte Filmspulen, das Negativ des Lebens, der suchende Sucher – sind zahlreich und gipfeln im Satz: „Es klingt unwahrscheinlich, und doch müssen wir es glauben, wenn wir überhaupt etwas von dieser Geschichte glauben wollen, dass Jan kein Foto von seiner Schwester besaß”. Dieser leider häufige Wechsel des Erzählstils hin zum Altklugen nimmt dem Roman den letzten Schwung. So wirkt Langs ehrgeizige, überfrachtete Jugendstudie einfach nur – alt.
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2.)
Bodenlos
oder ein gelbes Mädchen läuft rückwärts.
Roman von Thomas Lang
(2010, Beck).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 26.02.2010:
Thomas Langs Roman "Bodenlos"
Ich gehöre zu niemandem
Was nicht vorkommt: Der Zauberwürfel, Falco, der Atari, Yps-Heftchen und all die anderen Zutaten, auf die in nostalgisch angehauchten 80er-Jahre-Revues traditionellerweise zurückgegriffen wird. Denn darum geht es Thomas Lang nicht. "Bodenlos" ist kein Bilderbogen aus einem vergangenen Jahrzehnt - es ist der ambitionierte und absolut ernst zu nehmende Versuch, die Gestimmtheit einer Epoche aufzufangen und in Literatur zu übersetzen. Wie Thomas Lang das macht, ist höchst bemerkenswert: mit vollem Risiko, ungeschützt, ohne Scheu vor der Peinlichkeit.
Zu Beginn steht Jan Bodenlos auf dem Zehnmeterbrett des Schwimmbads von Füchten, einer Kleinstadt bei Köln; ein Ort, an dem die Langeweile ebenso zum Bild des Alltags gehört wie die misslungenen urbanen Belebungsversuche des vorangegangenen Jahrzehnts. Etwa 15 Monate lang bleibt der Roman dicht an Jans Seite, von Sommer 1981 bis zum Spätherbst 1982, durch das letzte Schuljahr hindurch bis in die Bundeswehrzeit hinein.Draußen fahren die Menschen nach Bonn, um gegen die Aufrüstung zu demonstrieren; in Jans Innerem geht alles durcheinander; Spätpubertät nennt man das wohl; Zeit des Erwachens. Jan ist schüchtern; kein Lautsprecher wie sein Punker-Freund Torsten, der mit kruden existenzphilosophischen Theorien herumdröhnt; eher einer, der alles mit sich selbst ausmacht. Künstlerische Ambitionen hat er auch; im Gartenhaus des elterlichen Grundstückes sitzt er und schreibt in sein Heft oder später auf der Schreibmaschine.
Die Fortführung dieser Schreibversuche dürfte der Roman selbst sein - so eng ist die Erzählperspektive an Jan gebunden, dass sie von der Ich-Form kaum noch zu unterscheiden ist. Und das erzeugt den so eigentümlichen Effekt: Thomas Lang kennt nicht nur Redewendungen und Milieusprache aus der Zeit seines Helden; er hat sich vielmehr hineingebohrt und -gefräst in Semantik und Denkstruktur jener hoch angespannten und vom Einsamkeitspathos des unverstandenen Protagonisten befeuerten Zeit: "Und Jan gehörte keineswegs zu ihnen. Er gehörte zu niemandem." Das sind Zeilen, die auch Morrissey und seine Band The Smiths, das große Role Model der verletzten Unverstandenheit, hätten singen können.[...diese und weitere Besprechungen
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