Bocksten von Fabio Pusterla, 2011, LimmatBocksten.
Gedichte, 2sprachig von Fabio Pusterla (20
11, Limmat-Verlag - Übertragung Jacqueline Aerne).
Besprechung von Maike Albath in Neue Zürcher Zeitung vom 27.10.2011:

Der Bilder-Sammler
Die Gedichtbände «Bocksten» und «Corpo stellare» von Fabio Pusterla

Die Lyrik des Tessiners Fabio Pusterla widmet sich düsteren Sphären der Existenz. Von reicher Metaphorik und suggestiver Klangfarbe, sucht sie aber immer auch nach Hoffnungszeichen.

Bocksten – dieses geheimnisvolle Wort besitzt lautmalerische Qualitäten und weckt eine ganze Reihe von Phantasien. Unwillkürlich denkt man an etwas Widerständiges, etwas, das sich den Zeitläuften entzieht. Und obwohl es mit dem Begriff eine ganz konkrete Bewandtnis hat, sind diese Assoziationen nicht falsch. Der Lyriker Fabio Pusterla spielt bereits im Titel seines Gedichtbandes «Bocksten» mit dem imaginativen Potenzial des Ausdrucks und deutet damit eine Bewegung an, die viele seiner Texte kennzeichnet. Das Buch ist im Original 1989 erschienen, seit kurzem liegt es auf Deutsch vor.

Der Mann aus dem Moor

«Bockstenmannen», Gegenstand einer ganzen Abteilung der Sammlung, ist die Bezeichnung einer Leiche, die 1936 im Bocksten-Moor in Schweden gefunden wurde und aus dem 14. Jahrhundert stammt. Drei Pfähle in der Brust des Mannes deuteten auf einen rituellen Tod hin. Da der Tote durch den Sauerstoffabschluss des Moores konserviert worden war, glaubte der Finder, einen gerade erst getöteten Menschen vor sich zu haben. Dass sich ein Körper dem Verfliessen der Zeit entzieht und zum Inbegriff des Stillstandes wird, ist ein faszinierender Gedanke. Inmitten der Bildbereiche von Matsch, Verrottung und Verwesung taucht bei Pusterla der Bockstenmann auf, «Zufall, stummer Protest, Anklage, verbolztes / Leben im Schlamm». Durch das Enjambement, ein typisches Stilmittel des Dichters, wird der Gegensatz zwischen den unaufhaltsamen organischen Prozessen von Werden und Vergehen und der Zeitblase im sauren Moorboden noch betont.

Schon im nächsten Text sind lyrisches Ich und Bockstenmann identisch: «Da bin ich, im Torf», lässt er verlauten und beginnt, seine Geschichte zu erzählen. «Hinkend gingen die Zeiten / über diese Saumpfade, / unter dem Gewicht der Jahre», heisst es in der einfühlsamen Übersetzung von Jacqueline Aerne. Im Motiv des Bockstenmannes verschmelzen Anfang und Ende, Leben und Tod, was zu der thematischen Linie des gesamten Bandes passt.

«Könnte ich Ort, Zeit und Geste bestimmen, / dann wäre die Zeit ein Abend gläserner Luft», lautet ein Vergleich am Anfang der Sammlung. Die Sehnsucht nach einem Innehalten treibt den lyrischen Ich-Erzähler zu seinen mühseligen Tiefenbohrungen an. In seiner Suche nach den Bestandteilen des Lebens ähnelt er nämlich einem Geologen. «Und da war nichts als Wasser, und Erdfelder: / (. . .) Ich grabe und grabe, weiss auch nicht warum», erklärt er. Immer wieder kommen Moose, Torf, Sümpfe, Gesteinsschichten, Mauern und Dämme vor, überwölbt von einem grauen Himmel, von Wetterleuchten oder Gewittern. Pusterla lädt konkrete Bildfelder metaphorisch auf und bewahrt gleichzeitig auf der lexikalischen Ebene eine kristalline Prägnanz. Wie Andrea Zanzotto ist die Menschheitsgeschichte in die Natur eingeschrieben und muss schichtweise blossgelegt werden.

Mehr als einmal fühlt man sich an das schweizerisch getönte Motivrepertoire Giorgio Orellis erinnert, eines alten Freundes von Pusterla, dessen Felsspalten, Gesteinsformationen und zerklüftete Landschaften dieser neu anordnet. Der Echoraum ist die dichterische Tradition. Der Einfluss der sogenannten «linea lombarda», zu der auch Orelli gerechnet wird, zeigt sich in erzählerischen Sequenzen, die an Vittorio Sereni gemahnen. Auf Torquato Tasso und den Zauberwald aus der «Gerusalemme liberata» verweist Pusterla mit der Überschrift seiner ersten Abteilung, «Nacht, Gewölk», und der Rheinaal am Schluss lässt an Eugenio Montales berühmten Aal denken. «Bocksten» endet trotz den düsteren Klangfarben – auch der Verlust des Vaters wird betrauert – mit einem hoffnungsvollen Motiv: In einem Bach schwimmt ein Säckchen mit Konfetti. Das «Klümpchen Heiterkeit im Dahinfliessen des Wassers» scheint dem Zyklus des Lebens einen Sinn zu entreissen.

1957 in Mendrisio geboren, heute in Norditalien zu Hause und im Brotberuf Lehrer an einem Luganer Gymnasium, tritt Pusterla nebenbei als Übersetzer von Philippe Jaccottet in Erscheinung, dessen Spuren sich in seinen Gedichten ebenfalls zeigen. Aber so fest Fabio Pusterla seit seinem Debüt 1985 in der lyrischen Tradition verankert ist, so sehr besitzt seine Stimme eine ganz eigene Färbung.

Unterwegs mit dem Gürteltier

Das zeigt sich eindrucksvoll in dem neuen, erst auf Italienisch erschienenen Band «Corpo stellare». Wieder nimmt der Dichter, die Prähistorie durchquerend, geologische und kulturgeschichtliche Hinterlassenschaften in den Blick. Schlünde, Abgründe, Stollen, unterirdische Gänge sind ein fester Bestandteil seines motivischen Repertoires. Bevölkert werden die Texte aber auch von zahlreichen Tieren. Neben Hunden tauchen Wölfe, Hirsche, Ziegen, Murmeltiere, Pumas, Jaguare und Eichhörnchen auf, ausserdem der ausgestorbene, flugunfähige Vogel Dodo und Schweine auf dem Weg zum Schlachthof. Ein heiterer Zyklus ist dem Gürteltier gewidmet, das gen Norden wandert und Cervantes liest. Aber was ist ein Gürteltier? Eine Spezies, eine Kategorie? Sein schillernder Charakter entspricht den «gegenläufigen Phantastereien» des lyrischen Ichs und treibt sie voran.

So schockierend die Evolutionsgeschichte sein mag, so amüsante Schnippchen kann sie schlagen, vor allem, wenn die Wissenschaft sich bemüht, ihr auf die Schliche zu kommen. Eine Serie kreist nämlich um den Fund des Hobbyarchäologen Charles Dawson (1864–1916), dessen «Piltdown-Mensch» oder «Mensch der Morgenröte» seine Kollegen zu Rückschlüssen auf die Stammesgeschichte verführte – dabei war man auf eine Fälschung hereingefallen. Ähnlich wie in der Bocksten-Reihe ergreift der vermeintlich fünfhunderttausendjährige Mann selbst das Wort. Das Gedicht zeigt sich der Empirie eben doch überlegen und erfasst jene Sphären, für die es nicht einmal Wörter gibt, wie es mit einer Metapher aus der Welt der Technik in einem anderen Text heisst: «Jenseits der Wörter, oberhalb der Zeichen / ziehen Flüge vorüber, erscheinen in düsterem Schimmer / die Dinge, die uns leise berühren / so wie grosse Flugzeuge, die den Himmel ausfüllen / und anderswohin unterwegs sind.» «Auch Sie sind also Jäger?», lautet eine Frage; die Antwort: «Ja, von Bildern.»

Hoffnung, trotzdem

Syntaktisch fein gewoben, sind die Texte von bezwingender Klarheit, bergen auf semantischer Ebene, den oft beschworenen Gesteinsformationen ähnlich, eine grosse Dichte. Wer innehält, entwickelt ein Auge und ein Ohr für behutsame Schwingungen. Mitunter tauchen konkrete Orte auf wie das Castello di Roccolo oder das wegen eines Staudamms aufgegebene Dorf Marmorera. Im Eingangsgedicht von «Corpo stellare» ist die Silhouette der piemontesischen Hauptstadt Turin erkennbar: «Auf dem Po, unterhalb der Superga, / schien alles Nacht zu sein, der Fluss und die Zeit / glitten stumm vorbei.» Als der Blick zum Po hinab gleitet, flitzen auf einmal zwei Kanus vorbei. Ähnlich wie das bunte Konfetti in «Bocksten» blitzt plötzlich etwas auf, «sprudelt die Heiterkeit / berührt dich aus Zufall». Diese Empfindungsfähigkeit macht den Menschen aus.

Der Schlusstext, «Thou Shalt Not Die», der als Hommage an die japanische Dichterin Yosano Akiko auf die Folgen der Atombomben anspielt, endet mit den Versen: «ancora un po' di memoria, / ancora un po' di speranza, d'amore» – ein bisschen Erinnerung noch, ein bisschen Hoffnung, Liebe. So ist auch das Gedicht ein blitzschnell vorbeiziehendes Boot, eine Tanzbewegung, die das Ich inmitten alltäglicher Verrichtungen erfasst, oder eine unversehrte Zeitblase im Bockstenmoor.

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