Boarding home von Guillermo Rosales, 2004, SuhrkampBoarding home.
Roman von Guillermo Rosales (2004, Suhrkamp - Übertragung Christian Hansen)
Besprechung von as in Neue Zürcher Zeitung vom 18.12.2004:

Endstation

as. Er werde es gut haben hier, bescheidet man William Figueras, dem Ich-Erzähler von Guillermo Rosales' kurzem Roman «Boarding Home», als er in der titelgebenden Institution deponiert wird. Gut haben in verdreckter Bettwäsche, bei dürftiger Kost und in Gesellschaft eines Trüppchens Betagter und Geistesgestörter, deren einziger Daseinszweck darin zu bestehen scheint, das ramponierte Interieur mittels Körperausscheidungen und gelegentlicher Tobsuchtsanfälle noch weiter zu verschandeln. Wie Figueras selbst, der an den verratenen Idealen von Castros Revolution psychisch zerbrochen ist, sind auch seine Mitbewohner mehrheitlich kubanisches Strandgut - Menschen, die nach dem Verlust ihrer materiellen oder geistigen Existenzgrundlagen in den USA ein neues Auskommen suchten und stattdessen endgültig auf Grund liefen. Ihre Sozialhilfechecks mästen nun primär den zynischen Pensionsinhaber; was ihnen an begehrenswerten Habseligkeiten oder körperlicher Integrität geblieben ist, ist den Übergriffen von dessen brutalem Stellvertreter Arsenio ausgeliefert. Unter den Insassen erwächst freilich keine Solidarität aus dem geteilten Leid; und Figueras, der das seinige gern in den Versen englischer romantischer Dichter spiegelt, zögert bald nicht mehr, gegenüber den greisen und debilen Mitpatienten auch einmal das Recht des Stärkeren zu demonstrieren. Auf diesen seelischen Korruptionsprozess beginnt sich das Interesse des Lesers gerade zu konzentrieren, als eine Wende zum Besseren (der man zu Recht nicht trauen mag) die Handlung aus dem Gleis und an ihr rasches Ende trägt. Geschlossenheit kann der Roman wohl eher aufgrund der infernalischen Enge und Aussichtslosigkeit beanspruchen, die er schildert, als hinsichtlich des Lebens- und Charakterbildes des Protagonisten. Liest man jedoch im Nachwort, dass das Buch aus Splittern von Rosales' eigener trostloser Biografie gefügt ist, wird man auch seine Leerstellen und Sprünge eher akzeptieren.

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