Blut im Schuh von Christoph Meckel, Zu KlampenBlut im Schuh.
Gedichte von Christoph Meckel (2001, Edition Postskriptum/zu Klampen Verlag).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 29.8.2001:

Blut im Schuh, nicht von meinem Fuß
Winkelleben und Weltflucht sind seine Sache nicht: Neue Gedichte von Christoph Meckel

Christoph Meckels berühmte Schutzengel bleiben nicht nur verwundet, verstört und geraubt. Sie sind im Verschwinden begriffen. Schon lange schläft der Engel nicht mehr in des Dichters "linken Tanzschuh", es gibt nur noch ein "Gefieder des letzten Engels, der barfuß verschwand." Einst hat Meckel den Verwundeten Engel des finnischen Malers Hugo Simberg entdeckt: "ein vereinzeltes Wesen, nicht zugehörig, ein erschöpftes Übrigsein, kann sein ohne Sinn, doch besitzt es Würde und Schönheit in sich selbst." Aber Würde und Schönheit sind antastbar.

Ein Dichter schöpft aus seiner Realität - bis zu dem Grade, an dem er sein Werk nicht mehr aushält. Dann gehört wieder das Unerhörte in den Vers. In Christoph Meckels neuem Gedichtband Blut im Schuh wird der Engel gesteinigt. "Seine Schwingen und Gebeine / brüchig, verludert wie Packpapier / und von der Steinigung meine Steine / liegen dazwischen, hell und hier." Mit hohem Empfindungsreiz, ja feinnerviger Verletzbarkeit, wo andere wenig bemerken, verabschiedet sich der Dichter von den Metaphern eines Weltvertrauens. Meckel weiß um die Wölfe hinter den Wörtern, er weicht ihnen nicht aus. Seine Sprache hält stand, sie erneuert sich. Auch nach Jahrzehnten der Wortwerkstatt tritt sie unverbraucht vor das Publikum. Es gibt ein Besinnen auf Ursprung und Ausgangspunkt, auf das Einfache und die Klarheit. "Am Weg / steht ein Baum / er ist alt / der Weg ist älter / ich stand unterm Baum / er bleibt dort / ich ging weiter."

Meckels Gedichte wechseln in Form und Intention. Nicht auf die Regel kommt es an, wohl aber auf Rhythmus, Gliederung und Wortwahl. Gebundener Vers oder regeloffene Intonation, gedankliche Strenge und spielerische Weite stellen "Altvernommenes und Niegehörtes" nebeneinander. Dabei bleibt der eigene Bilder- und Chiffrenfundus gewaltig. Der Dichter betrachtet die Welt aber nicht nur auf der Ebene pointierter Details. Kein Bild herrscht ohne Kausalität, aber der Ton hält sich außermoralisch. "Straße (mit einer Drehorgel)" kann eine Wahrnehmung heißen: "Überall, wo Leute leben / find ich einen, der bloß steht / ohne Nehmen, ohne Geben / wenn dort wer vorübergeht." Und immer gilt: Diese "Gedichte werden ohne Absicht gemacht." Das Poetische verbirgt sich im Konkreten, aber es werden keine Verse "über" etwas geschrieben. Das Erlebte zählt. Auch im Erinnern an die Verlustwelt der Dinge, der Sprache, der Sinne. "Unbekannt wurde das Heu / der Heumond, die Sichel / unbekannt die Sense, der Stein, der sie dengelt // . . . / Das Heuschiff, die Heufuhre, Heu / Heuschlitten, Heu / Heuzeit, Heulicht / Staub und Seide, Silber, Heu."

In Sachen Ästhetik, wie in denen der Lebenswahrheit ist Meckel sehr empfindlich, einer der wenigen, die die Welt wörtlich nehmen. Stein, Leiter, Schlüssel, Rad oder Hungertuch heißen die poetischen Requisiten. Aus der Einfachheit entfalten sie ihre Strahlung für die Geräumigkeit, die Mehrdeutigkeit der Verse. Das einzelne Wort ist immer verantwortet und genau. Der Dichter richtet sich nicht ein in der Behaglichkeit des Räsonierens, ein Leiden an sich selbst wird nicht gezeigt. Jeder gelungene Vers löst aus der Destruktion einer beschleunigten Gegenwart, erhebt über den Verfall, nicht selten bewundernswert. Auch rechnet Christoph Meckel noch damit, verstanden zu werden. "Die Zeit geht weg wie Mehl, wenn gebacken wird, / das Brot wird gegessen, das Backhaus ist kalt." Aber so einfach bleibt auf Dauer nichts. Gedichte sind für Meckel immer auch "Streugut" aus Lebensstoff. Himmel und Hölle der Liebe gehören dazu. Gänsehäutige Erinnerung, tränentrockener Abschied, Trennung ohne Eklat. "Morgen bin ich fort und fertig / ist der Zauber Krims und Kram. / Künftig bin ich gegenwärtig / wo sich Gott das Leben nahm."

Das Leben zieht durch diese Verse, bis auch die Welt des Willens von ihren Enden her gesehen werden muss. Eine Vorahnung gibt das Sterben des Dichters Gogol. "Die Leiter, schnell, die Leiter / der Boden bricht / die Wände hoch und weiter / ins volle Licht." Dem Leitwort "Tod" kann sich im Jahrhundert der "Aschenmühle" ein Dichter wie Christoph Meckel nicht entziehen. "Blut im Schuh, / nicht von seinem Fuß. // Es ist der Weg durch den Blutsumpf." Aber der Dichter ist kein Anatom. Das Konditionale von Leben und Tod wird bei Meckel nicht auseinandergerissen. "Wär ich dein Tod, ich zöge dich hinab / in einen Grund aus Dolde und aus Duft." Auf diesen Konjunktiv folgt im selben Gedicht unter dem zurückhaltenden Titel "Thema und Variation (1959 - 1999)" die andere Möglichkeit: "Nacht im Hotel, dieser einzige Abend / aus Eisblumenlicht und geschlossenen Augen. / Wer erzählt die Legende vom Glück." Leben tut weh, Schmerz und Tod sind mächtig. Leicht hockt sich der fremde Schmerz auf das eigene "Gotterbarm". "Da draußen hinkt ein Schmerz und schreit / und hofft auf einen Gotterbarm / der nimmt das Elend in den Arm / und schleppt es ab und lebt mit ihm zu zweit."

Immer findet Christoph Meckel ins "Welthaus" zurück, auch wenn die Sehnsucht einen Umweg über das einfache Leben nimmt. "Peccato. Ein Weinbauer wär ich gewesen / im Piemonte vor hundert Jahren, / der den Barbanera mit Fingern entziffert / und von Lyrik nichts weiß außer Dantes Namen." Aber auch wenn Meckel "einzeln, ein Mensch sein" will, sind Winkelleben und Weltflucht, Bitternis in Einsamkeit seine Sache nicht. Entgeisterung macht dieser Dichter mit sich selber aus. Gelebtes Leben spricht aus diesen Gedichten. Sprache und Form scheinen sich hier immer wieder selbst zu erneuern. Nichts in Weltsicht und Habitus wirkt verhärtet. Es ist, als blickt aus jedem Gedicht das offene Gesicht des Christoph Meckel. Diesem Blick kann man sich nicht entziehen. Eine seltene Begegnung mit einem Dichter. Mit diesen gut dreißig Gedichten hält man sich gern länger auf und kehrt wohl auch zu ihnen zurück.

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