Blutige Steine von Donna Leon, 2006, Diogenes1.) - 2.)

Blutige Steine.
Roman von Donna Leon (2006, Diogenes -
Übertragung Christa E. Seibicke).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 20.05.2006:

Venedigs Herz ist kalt
"Blutige Steine": Der neue Kriminalroman von Donna Leon

Weihnachten in Venedig - Winter im Herzen. Es ist kalt in der Serenissima. Die Menschen mummen sich fest ein im Kampf gegen Wind, Feuchtigkeit und schleichenden Nebel. Donna Leon entführt in ihrem neuen Krimi, "Blutige Steine. Commissario Brunettis vierzehnter Fall", in eine höchst ungewohnte Lagunenstadt. Mag man sie noch im Karneval besuchen wollen - aber im Dezember . . .

Dennoch sind auch da Touristen unterwegs. Es gibt zwar keinen Christkindlmarkt wie bei uns, Angebote an besonderen Standln sind jedoch zu ergattern. Obwohl, wie Kennerin Leon bemerkt, mancher Venezianer später feststellt, dass das herzhafte Schmankerl vom Land wesentlich billiger im Kramerladen um die Ecke zu haben gewesen wäre. Das ist also wie bei uns.

Was wir nicht kennen, sind die fliegenden Händler aus Afrika, die auf ausgebreiteten Decken nachgemachte Marken-Taschen feil bieten. Die Italiener haben ihnen den Spitznamen "vucumprà`" gegeben, weil die Französisch-Sprachler die italienische Kauf-Frage "Vuoi comprare?" so verstümmeln. Wie auf einer Bühne inszeniert die Autorin deren Auftritt in einer eisigen Wintergasse, umschwärmt von einer US-amerikanischen Reisegruppe. Führt aber auch zwei Männer ein, unauffällige Männer. Bevor noch irgendwelche Geschäfte getätigt worden sind, fallen Schüsse, und ein junger Senegalese liegt tot am Boden. Allem Anschein nach das Werk von Profis.

Arme Kerle, teure Killer

Hatte Donna Leon im vorigen Roman die Ausbeutung von Osteuropäerinnen aufgegriffen, ist es nun die von Afrikanern. Die Not treibt sie in den Norden, wo sie kein Staat will und sie deswegen schutzlos krimineller Willkür ausgeliefert sind. Aber wer würde auf so arme Kerle teure Killer ansetzen? Diese Frage beschäftigt Brunetti und sein eingeschworenes Team, den so verlässlichen wie umweltbewussten Vianello und die so bezaubernde wie Computer-versierte Signorina Elettra.

Die Schüsse sind noch nicht verklungen, da sind die vucumprà` wie vom Erdboden verschwunden. Nicht nur, dass man sie nicht befragen kann, man weiß nicht einmal, wo sie wohnen. Die Kälte des Winters spiegelt die Kälte der Gleichgültigkeit. Und wenn der Commissario ermittelt, dann beginnt er, - auch für sich selbst - diese zur durchbrechen. Er sammelt mühselig Wissenswertes über Menschen, von denen niemand etwas wissen will. Nicht umsonst fügt Leon eine kleine Episode um einen Ex-Pfarrer ein: Vom Bischof ermahnt, Afrikanern nicht zu helfen, weil manche von ihnen Steine anbeten würden, trennte sich Don Alvise von der Kirche. Er erklärte seinem vorgesetzten Mann Gottes, "dass er im Übrigen die Gesellschaft von Menschen, die zu Steinen beteten, jenen vorzöge, die sie anstelle eines Herzens in der Brust trügen".

So einen Stein entdeckt Brunettis Frau Paola, die temperamentvolle Professorin, bei ihrer Tochter. Nachdem Chiara herausgerutscht war, dass "bloß ein vucumprà`" ermordet worden sei, ist die Stimmung bei Brunettis daheim katastrophal. Rassismus lässt die Mutter nicht durchgehen. Da schmeckt auch der geschmorte Radicchio mit viel zerlaufenem Käse nicht mehr. Vielleicht ist es ja dieser Alltags-Rassismus, der die Ausplünderung des Kontinents Afrika und seiner Bewohner, ja ihre massenweise Tötung erst möglich macht.
In diesem Teufelskreis aus Gewalt und Verzweiflung, Gier und Hilflosigkeit stand auch der erschossene Senegalese. Er hat in seiner armseligen Speicherkammer Millionen versteckt: Diamanten - Blutdiamanten, mit denen er Waffen für einen Aufstand in seiner Heimat kaufen wollte.

Je mehr Brunetti seine Gleichgültigkeit abwirft und die Verwicklungen durchschaut, umso mehr Hindernisse werden ihm in den Weg gelegt. Die bietet nicht mehr der depperte Vice-Questore Patta auf, der leicht auszuhebeln ist, da kommen plötzlich diffuse Mächte ins Spiel: Innen- und Außenministerium. Am Ende weiß der Commissario, wie alles zusammenhängt, welche Interessen gesiegt haben, tun kann er nichts. Wieder ist es politische Trauer und Resignation, die Donna Leon bewegen, auch wenn sie ihre Leser am Ende in einen nebelfreien, klaren Tag entlässt. Und der regt Brunetti immerhin an, von einigen Steinen das Blut abzuwaschen.

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Blutige Steine von Donna Leon, 2006, Diogenes2.)

Blutige Steine.
Roman von Donna Leon (2006, Diogenes -
Übertragung Christa E. Seibicke).
Besprechung von
Jens Dirksen aus der NRZ vom 26.06.2006:

Commissario Brunetti löst den 14. Fall - und führt wie immer die Bestseller-Liste an.

Das Spannende an Guido Brunetti? Er ist gar nicht spannend, er ist normal, fast einer wie wir. Gut, Commissario ist kein Durchschnittsberuf und Venedig kein Allerweltswohnort. Aber Donna Leon macht ja keinen Bohei um die beiden Markenzeichen ihres Ermittlers; ohne sie wäre er ein mitteleuropäischer Mittelschichtbürger mit Sympathie für mediterranes Kochen und globale Gerechtigkeit - einer wie wir. Der sich Sorgen macht um sein Kind, wenn aus ihm eine kleine Vorurteilswelt herausplappert. Der Prinzipien hat, Werte und Ideale. Und der sein Handeln danach ausrichtet - ohne sich böse, wenn er dabei an seine Genzen stößt. Kurzum: Einer, der sich jedes Jahr aufs Neue vornimmt, die Weihnachtsgeschenke nicht wie diesmal wieder auf den letzten Drücker einzukaufen. Ja, es ist Winter im Venedig der "Blutigen Steine", um die Commissario Brunettis neuster Fall kreist. Alle frieren. Besonders aber die "Vucumprá", arme Burschen aus Afrika, illegal eingewandert, versteht sich: fliegende, manchmal auch fliehende Händler mit Gucci-Taschen und anderen Markenartikel-Fälschungen, wie sie nicht nur in Venedig zum vertrauten Straßenbild gehören. Warum einer von ihnen in aller Öffentlichkeit von zwei Profi-Killern erschossen wird? Wieso gleich zwei Ministerien Interesse an dem Fall entwickeln? Ob es sich beim Radicchio mit "Stengeln" nicht doch um einen Übersetzungsfehler handelt? Und warum diesmal Brunettis Schwiegervater, der hochwohlmögende Conte Orazio Falier für den Durchblick nötig ist? Kann man mühelos nachlesen, Donna Leon schaukelt uns wie immer gondelnd voran. Und dass Commissario Brunetti 14. Fall nur eine Woche nach Erscheinen auf Platz 2 der Bestseller-Liste geschossen ist? Völlig normal... 

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