Blóðhófnir/Bluthufe.
Gedichte von Gerdur Kristný (2011).
Besprechung von Aldo Keel in Neue Zürcher Zeitung vom 21.07.2011:

Der Vortrag des Polizisten
Ein Seitenblick auf Islands lyrische Tradition

Die alten Götter leben weiter. Im Gedichtband «Bluthufe», der kürzlich mit dem Isländischen Literaturpreis bedacht wurde, variiert Gerdur Kristný das Gedicht «Skírnirs Ritt» der «Edda»: Die Riesin Gerdur (eine Namensvetterin der Autorin) wird gezwungen, den Gott Freyr zu heiraten. Genauso ergehe es jungen Mädchen in Afrika noch heute, erklärte die Autorin, die bis vor kurzem in Uganda als Entwicklungshelferin arbeitete. Die «Edda» bietet eine Sammlung von Helden- und Götterliedern, überliefert im Codex regius des 13. Jahrhunderts, einem Pergament, das auch den Lesern von Arnaldur Indridasons gleichnamigem Krimi bestens bekannt ist.

Von der Prosa zum Vers

Eigentlich sind die Isländer dafür berühmt, dass sie im Mittelalter muttersprachliche Prosaromane, die Sagas, verfassten. Als sich im Spätmittelalter auch auf dem Kontinent der Prosaroman zaghaft zu regen begann, gingen die Isländer den entgegengesetzten Weg: Sie wechselten von der Prosa zum Vers. Ihre weit ausholenden, gesungenen Verserzählungen, die Rímur, beherrschten vom 15. bis zum 19. Jahrhundert das Feld. Am Abend wurden auf den besseren Höfen Rímur und Sagas vorgetragen, um so die Hausgemeinschaft, die Handarbeiten verrichtete, wachzuhalten. Der Nobelpreisträger Halldór Laxness rühmt die Abendwachen, die er als Kind noch miterlebt hatte, im Roman «Fischkonzert» als «Hochschule der Isländer»: «Und wenn sich ein Mann aus dem Skagafjord bei uns einquartiert hatte und anfing, die Úlfars-Rímur mit der Melodie aus dem Skagafjord vorzutragen, mit der dazugehörigen Einleitung über den König Kyrus, dann öffnete sich die Weite des Epos, von fremdartigen Blitzen erhellt, bis in den Orient.» Obwohl die Rímur-Dichtung im 19. Jahrhundert von den Vorkämpfern der Erlebnislyrik als «formale Spielerei», «Unnatur», ja «Unfug» verdammt wurde, konnte noch 1978 eine Biografie Walt Disneys in Rímur-Form erscheinen.

Ein traditionelles Stilmittel der gebundenen Sprache ist der Stabreim. Im Vorwort des Schullesebuchs von 1924 beschwor der Literaturprofessor Sigurdur Nordal die Dichter, den Stabreim keinesfalls zu opfern. Ein Gedicht ohne Stabreime wäre ein Zeichen des kulturellen Verfalls. Aus Nordals Sicht erscheint die Verskunst als tragendes Element des nationalen Selbstwertgefühls. Wen wundert es da, dass Laxness schon im folgenden Jahr das Publikum mit dem expressionistischen Gedicht «Der Jüngling im Walde» so sehr irritierte, dass das Parlament ein Stipendiengesuch des unverschämten Poeten abschmetterte.

Der Kieler Island-Forscher Hans Kuhn berichtet, wie er in den zwanziger Jahren als Student in der Ortschaft Akureyri durch den Vortrag eines Polizisten mit der Gebrauchs- und Stegreifdichtung Bekanntschaft schloss: «Da hörte ich nun von diesen Strophen mit ihrem strengen Bau, meistens Vierzeilern, mit Stabreim nach altem skaldischem Brauch, an denen der einfache Isländer hing und die zu Tausenden im Lande lebten, die weitaus meisten noch unaufgezeichnet und ungedruckt.» Eine Kluft zwischen Volkskultur und Hochkultur bestand damals nicht.

Discounter-Gedichte

Der Zweite Weltkrieg veränderte das Land und dessen Lyrik von Grund auf. Steinn Steinarr war der grosse Neuerer und Internationalist. Keck proklamierte er: «Die traditionelle Gedichtform ist nun endlich tot. Das ist wohl allen klar, selbst unseren .» Auf der ersten Seite seines Buchs «Die Zeit und das Wasser» prangte fast bedrohlich und in fremder Sprache das Motto: «A poem should not mean but be.» Jetzt stand plötzlich Laxness auf der restaurativen Seite. Er revanchierte sich, indem er das Schmähwort «Atomdichtung» erfand und im Roman «Atomstation» einen bizarren «Atomdichter» vorstellte, der das Mal des Todes auf der Stirn trägt. «Du solltest Rímur über Du Pont dichten, der die Atombombe besitzt», wird dieser Figur geraten.

Aus Laxness' Sicht vollzog die Avantgarde eine zu radikale Abkehr von der vermeintlich homogenen Literaturgesellschaft. Damals, vor sechzig Jahren, war die Literatur noch immer ein Leitmedium. Heute klagen Kulturpessimisten, die Lyrik sieche dahin. Statt Gedichte mit beglückenden Metaphern würden Songs in holprigem Englisch fabriziert. Eine neue Spielart der Gebrauchsdichtung stellte aber vor einigen Jahren Andri Snær Magnason vor. Er entdeckte den Supermarkt als Ort der Poesie und schrieb für den Billiganbieter Bonus einen Band «Bonusgedichte». Die Fülle der Auslagen präsentiert er in Anspielung auf Dantes «Göttliche Komödie» und geleitet den Leser vom Purgatorium (der Putzmittelabteilung) über den Garten Eden (die Früchteabteilung) bis zum Inferno der Tiefkühltruhen.

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