Bluthochzeit.
Theaterstück von Federico García Lorca (2011, Theater Dortmund).
Besprechung von Nadine Albach in Westfälische Rundschau, 09.05.2011:

Lorcas „Bluthochzeit“ als brutales Todesmärchen
Regisseur Paolo Magelli findet am Theater Dortmund einen neuen Zugang zu Lorcas „Bluthochzeit“: reduziert in Sprache und Bildern, umso stärker in seiner Aussagekraft.

Theater kann erschüttern, belehren, eine neue Perspektive aufzeigen. Oder für kurze Zeit eine andere Realität auftun, deren Regeln und Bilder uns bisweilen fremd sind, die uns aber gefangen nimmt und verzaubert in ihrer Einzigartigkeit. Federico García Lorca hat mit seiner „Bluthochzeit“ ein solches Stück geschrieben, für das Regisseur Paolo Magelli auf der Dortmunder Bühne eine fordernde Übersetzung gefunden hat.

Magelli stürzt seine Zuschauer unmittelbar in Lorcas Welt, ohne Vorhang, ohne Vorbereitung. Eine Welt, deren erdrückende Konventionen und blutgetränkte Geschichte schon von Anfang an auf den Menschen lastet: Unter einem niedrigen Dach liegen und robben der freudige Sohn (Sebastian Graf), der kurz vor der Hochzeit steht, und die misstrauische Mutter (Friederike Tiefenbacher), die Mann und Kind durch eine Familienfehde verlor und den Sohn nun nicht ziehen lassen will.

Ihr Gefühl trügt sie nicht: Leonardo (Björn Gabriel), ehemaliger Verlobter der Braut (Caroline Hanke) und jetzt unglücklich verheiratet, gehört zur verfeindeten Sippe. Kurzerhand fliehen die beiden am Tag der Hochzeit – und der gehörnte Bräutigam sucht blutige Vergeltung. Deutlich ist in diesem Liebeschaos von sommernachtsträumerischem Ausmaß die Verehrung Lorcas für Shakespeare zu spüren.

Schon vorab hatten Magelli und sein Team erklärt, dass sie Lorcas Stück von Ballast, Schnörkel und Sentimentalitäten befreien wollten. Dieses Herausschälen des Wesentlichen durchdringt alle Aspekte: Die eigens neu angefertigte Übersetzung von Dramaturg Alexander Kerlin, die eine harte, einfache, bildmächtige Sprache offenbart. Die wunderbaren Kostüme von Leo Kulaš, die in dezenten Details gen Spanien entrücken, ohne folkloristisch zu werden. Und auch das extrem reduzierte Bühnenbild von Hans Georg Schäfer in Form eines fahrbaren Dachs an Stahlstreben, das erdrückt und befreit, Spalte zwischen Phantasie und Wirklichkeit sein kann.

Es ist eine Herausforderung, dass nicht alles erklärt wird, manches skurril wirkt – doch es lohnt, sich darauf einzulassen: Der Zuschauer wird hineingezogen in eine fremde und faszinierende Welt voll fantastisch schräger Klänge (mit Musik von Paul Wallfisch) und unbekannter, seltsam schöner Bilder, die Lorcas Nähe zum Surrealismus unterstreichen.

Das Ensemble schafft es in einer dichten, konzentrierten Gesamtleistung dieses brutale Todesmärchen zusammen zu spinnen. Es ist ein Abend, der nachwirkt, wie ein schräger, entrückter, packender Traum – der vom Publikum aber höchst unterschiedlich aufgenommen wurde.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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