bluestage von Markus Dehm, 2015, Früher Vogelbluestage.
Roman von Markus Dehm (
2014, Verlag Früher Vogel).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Oktober 2015:

 „Wer die Freiheit liebt, darf die Einsamkeit nicht scheuen.“
Vielleicht ist es manchmal Zufall, dass man das Buch eines Autors bestellt, dessen Literatur man bis dato nicht kannte, vielleicht aber auch nicht, wer kann das schon genau wissen? Jedenfalls machten mich Titel „bluestage“ und Cover aufmerksam, ein abstraktes Bild, das in meinen Augen gut mit der Titelgebung harmonierte und, wer weiß welche, wehmütigen Jugenderinnerungen in mir wachrief.

Das Buch, ein Roman, erzählt die Lebensgeschichte einer amerikanischen Musikerin, Lucy Murray, und beruht, wie dem Klappentext zu entnehmen ist, in weiten Teilen auf wahren Begebenheiten.

Den Roman verfasst hat Markus Dehm, geboren 1966 in Karlsruhe, der als Journalist für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, hauptsächlich als Musikjournalist tätig ist und einige Jahre als Redakteur für die Musikzeitschrift „Folker“ arbeitete.

Der Roman, in zwei Teile gegliedert, wobei im ersten Teil die Autobiografie von Lucy Murray erzählt wird und im zweiten die Episode eines gemeinsam verbrachten Aufenthaltes der Musikerin mit ihrem Autobiografen in Schottland, der sie behutsam zu ihrem Leben und Empfinden befragt. Als Leser gerät man unversehens in den Sog dieser aufschlussreichen, fast möchte ich meinen, intimen Gespräche, die eine großartige Frau und Musikerin und ihre verletzte Seele offenbaren, die in ihrem Leben nichts anderes wirklich wollte, „als unabhängige Musikerin durch die Welt (zu) ziehen“.

Man merkt dem Frager, der wie der Autor des Romans Journalist ist, an, dass es nicht nur berufliches Interesse ist, das er für Lucy Murray hegt, obwohl es am Ende heißt: „Wir waren Freunde geworden, wir hatten, wie die Stachelschweine im Gleichnis, die richtige Distanz gefunden.“

Im ersten Teil des Romans werden die Erlebnisse der Musikerin Lucy Murray mitfühlend und spannend erzählt, dass es schwer fällt, die Lektüre zu unterbrechen oder das Buch aus der Hand zu legen.

Fast atemlos reihen sich die Lebensstationen der Protagonistin aneinander, die einer schwierigen Kindheit und Schulzeit, demütigend und demotivierend, das Leben in Hippiekommunen, der Abbruch des Studiums, die Versuche, als unbekannte Musikerin Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, die Zeiten des Gelingens und Misslingens, die der Einsamkeit, die des Zusammenlebens mit unterschiedlichsten Partnern, Zeiten von Krankheit, von Missbrauch, von Erfolg und Misserfolg, von Belogen- und Hintergangen werden.

Als Musikerin erreicht Lucy Murray, wovon alle ihre Kollegen träumen, sie bekommt einen Manager, einen Vertrag mit einem großen Plattenlabel und kann ihre eigenen Platten produzieren. Das ist die lichte Seite, die, wie sie am eigenen Leib erfährt, schon bald von den Schattenseiten überblendet wird. Künstlerische Freiheit und Kreativität werden kaum oder gar nicht gewollt, bzw. berücksichtigt, Honorare werden gekürzt oder nicht gezahlt und was es an Versprechungen gab, wird nicht eingehalten. Ihr Manager ist zwar eitel, aber ein Totalausfall, ihr einstiger Förderer beim Plattenlabel entscheidet sich gegen sie und lässt sie unnachsichtig fallen. Lucy steht wie am Anfang ihrer Karriere vor dem Nichts und versucht wie  damals ihr eigenes, selbstbestimmtes Ding zu machen.

Großartig ist dieser Roman, bis in die Nuancen kundig und gut geschrieben. Er enttarnt die Musikbranche, die in der Öffentlichkeit stets als brillant und glamourös wahrgenommen wird, als das, was sie auch ist, ein knallhartes Geschäft, in dem mit allen Tricks und Kniffen gearbeitet wird. Er huldigt aber auch jenen Künstlern, die hochtalentiert und genial, im Verborgenen leben und arbeiten, wo sie nur von Wenigen wahrgenommen und bewundert werden, weil sie sich entweder weigern, für den „Kunstzirkus“ ihre Eigenständigkeit aufzugeben oder nicht die notwendige Förderung erfahren, einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Wie auch andere Künstler werden sie womöglich erst posthum entdeckt.

Sei’s drum. Vor allem anderen erzählt dieser Roman von der Leidenschaft und einem Leben für die Musik. Er erzählt nicht nur von Enttäuschungen und offenkundigen Verletzungen, sondern auch von Liebe und Freundschaften, die die Zeiten überdauern. Er sei zum Lesen unbedingt empfohlen, denn gerade im „Zustand heiterer Melancholie“ ist er ganz groß.

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