Blindlings von Claudio Magris, 2007, HanserBlindlings.
Roman von Claudio Magris (
2007, Hanser - Übertragung Maria Gschwend).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 10.01.2008:

Ich spreche, also bin ich

Was waren das für glückliche Zeiten, als ein David Copperfield oder Grüner Heinrich ihre Leben erzählten. Und zwar im Rückblick zielgerichtet-optimistisch, weil aus den unreifen, jungen Burschen Erfahrung um Erfahrung gesellschaftlich verantwortliche, altersweise Erzähler werden konnten. Die Greuel des 20. Jahrhunderts, die Kriege, Völkermorde, Vertreibungen, Todeslager, haben diese optimistische Weltsicht und die Erzählweisen des 19. gründlich zerstört: "Die Erde ist der Ort der Höllen", heißt es lapidar in Claudio Magris' Roman.

Phantasie oder Strafkolonie

Derjenige, der dies sagt, scheint Salvatore Cippico zu sein, ein über 80-jähriger Insasse einer psychiatrischen Anstalt in Triest. Als Kommunist hat er sein Leben lang Parteiaufträge ausgeführt und dafür unter Faschisten wie den Genossen, in Dachau oder Titos Goli Otok, Entsetzliches erlitten. Ist es freilich zweifelsfrei er, der spricht? Oder ist es ein Tonband? Das er besprochen hat? Freiwillig oder nach dem Diktat der Ärzte? Und ist es nur schizophrene Phantasie, dass er sich im Australien der Strafkoloniezeit wähnt? Und zwar in der historisch verbürgten Gestalt des Jorgen Jorgensen, eines Dänen, der drei Wochen als König von Island regierte, ins Londoner Gefängnis Newgate geworfen wurde und 1803 Hobart in Tasmanien gründete. Wobei beide, Cippico und Jorgensen, fiktive und historische Gestalt, noch einen mythischen Avatar in Jason haben, und ihr Lebensweg dessen Reise auf der Argo zum Goldenen Vlies gleicht.

Die Zweifel entstehen, weil ein Ich spricht, das keinen festen Kern und Status hat, das seinen Namen immer wieder wechselt. Und das im unentwegten Reden die Welt und sich selbst erschafft. Eine Welt des Grauens, in der nur der nicht den Verstand verliert, der keinen zu verlieren hat. Eine Welt, die nur aus Gefängnis und Meer besteht. Das eine ist ein Ort der Höllenqualen, von Hunger, Gestank und Verwesung. Das andere ist eine Naturkraft, von betörender Schönheit und einer Gewalt, deren Wirken Schrecken und Schauder erregt, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Und der der Mensch nichts entgegen zu setzen hat als seine Sprache. So ist der ganze Roman ein einziger Monolog, ein ungeheurer Redefluss, der seine Themen, Revolution und Utopie, Gewalt und Schuld, die Dialektik von Opfer und Täter, umkreist und in berückenden und bedrückenden Bildern poetisiert. In diesem Mahlstrom des Sprechens ist es, als ob die Sprache selbst zu sprechen beginnt. So dass sie die menschlichen Ungeheuerlichkeiten benennt, formt und vielleicht sogar bannt - eine letzte humane Kraft in einer Zeit, in der Goldenes Vlies und Rote Fahne unrettbar besudelt sind, Lumpen ihrer Utopien. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung