blinde bienen von Kathrin Schmidt, 2010, KiWiblinde bienen.
Roman von Kathrin Schmidt (2010, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 24.02.2010:

Kathrin Schmidts Gedichtband
Vom Sensenfräulein

In den Zeilen der Dichter trifft man fast unausweichlich auf ein paar übliche Verdächtige: den Mond, die Zeit, das Herz, den Schmerz, die Liebe, die Tiere, das Ich und das Du. Nicht nur Kathrin Schmidt, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009, weiß, dass diese Tatsache nichts gegen die Originalität eines Lyrikers sagt.

Im Gegenteil, gerade die alten Hasen und Häsinnen im Versland suchen den Kontakt zur und die Konkurrenz mit der Tradition, die ja viel mehr bietet als eine unendliche Spielwiese. Schmidt findet dort bei Heine, Jandl, Claudius, wie in der geformten Sprache überhaupt, Trost und - ein zumindest zeitweise wirksames - Antidot gegen den Tod.

Auch deshalb durchziehen durch den Wortspielwolf gedrehte Redensarten ihren neuen Gedichtband "blinde bienen": Das "heutige haus schlägt drei fensterkreuze", man erkennt zuweilen "verlorene lippenmüh" und in "schnabeltasse" heißt es: "du fasst den tassenschnabel am wunden punkt".

Mit Tod und Krankheit kokettiert Schmidt an einigen Stellen fast schon, doch nicht aus Gefallsucht. Vielmehr führt die Faszination ihr die Feder, dass so viele Vers-Freiheiten wieder und weiter möglich sind. Wenn Stammeln und Stocken in den Gedichten an die Wortfindungsstörungen von Aphasikern erinnern, dann auch deshalb, weil Dichter ihnen insofern verwandt sind, als sie ein seltsames Verhältnis zur Sprache haben. Wie sagte Georg Christoph Lichtenberg einmal: "Er konnte die Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen nicht ungestört lassen."

Eine wilde Mischung mutet Schmidt dem Leser zu, keine Frage. Umgangssprache ("riss mir den Arsch auf") trifft auf Fachsprachen, zum Beispiel der Guss-Technik ("brammenbrei"), nicht immer überzeugende Kalauer ("botschaften / ins boot schafften") auf Altertümelndes und sinnschwere Erwägungen voller Genitivmetaphern. Als isolierte Reihe betrachtet, wirkten die komisch, ja überambitioniert: "sprachenbrache des erinnerns", "premienblau der gealterten zeit", "geschichte der unbrauchbarkeiten", "pfahl des verzeihens", "fallbeil der nacht". Innerhalb der Gedichte selbst treiben sie aber dank der Schmidt´schen Kombinatorik oft genug ganz unpeinliche Bedeutungsblüten. Das hängt natürlich mit ihrer Klang-, Reim- und Neologismenfreude zusammen, die fröhliche Urständ feiert mit "eisschweiß", "apfelbolero", "untergedöns" "funkenluder", "häftlingin" und "sensenfräulein".

Eine übermütige Lust am Überfluss prägt den Band, besonders Gedichte wie "spiegelgedoppelt": "das zündeln mit haarriss / und hassriss braucht zunder und schwamm / du zeigtest ein feuerzeugnis, die paraffinierte / fintentinte sprach liebe im augenblick / zwischen den tiden des irrens."

So ist Schmidt unterwegs mit dem "fliegenden zeug" und dem "traumzeug", durch Wörterwelt, Natur, Eigenleben, Kindheit, Liebesverwicklungen und Stasi-Geschlagenheit. Ihr Humor blitzt nicht nur auf, er wetterleuchtet fast ständig und selbst durch düsterdumpfe Melancholiewolken. Am schönsten vielleicht in den Gedichten, deren Titel schon lächeln lassen: "vokalise geht einkaufen" und "effendi im effektenfieber". Vor allem die Extrapolationen des Körperlichen, das Fremdgehen der Gefühle und des Leibes berühren in ihrer kuriosen Präsentation, die wild wechselt zwischen Witz, hohem Ton, erzählerischer Lakonie und beunruhigenden Verunsicherungen.

Farbenreich und musikalisch breitet sich in "blinde bienen" ein Motiv- und Klangteppich aus, dessen Beziehungsreichtum ebenso oft erfreut wie verwirrt. Viele Gedichte weisen einen Rahmen auf oder verweisen aufeinander, manche nähern sich in ihrer Wiederholungs- und Verschiebungsfreude der Minimal Music an.

Das ganze Sprachfahnden erinnert zwar an Schmidts erfolgreichen Roman, ist aber alles andere als bloß eine lyrische Variante von "Du stirbst nicht". Ganz ohne biografische Kenntnisse lässt sich in den Versschwärmen ein guter Fischzug tun, ob man sich mehr für die existenziellen Lotungen oder die sprachlustigen Wortflugfische interessiert. Am besten natürlich für beides. Dann kann man sich auch einfach an kühnen Bildern freuen: "wenn die bienen in ihrer / blindheit / am himmel baumeln wie faules gezänk."

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