Bleibtreu von Martna Zöllner, 2003, DuMontBleibtreu.
Roman von Martina Zöllner (2003, DuMont).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Der alte Mann und das Mädchen
Verheimlichungsdesaster: Martina Zöllners Roman "Bleibtreu" wird zu Unrecht als Schlüsselroman gelesen

Es ist, denkt man, hätte man gedacht, als hätte eine der vielen Geliebten aus den Walser-Romanen Halbzeit oder Das Einhorn, natürlich die hellste, die scharfsinnigste unter ihnen, plötzlich zu sprechen begonnen, um sich ihre eigene Legitimität zu erstreiten - und das mit einer Zeitverschiebung von vierzig Jahren. Nichts hat sich geändert. Draußen der Ehemann, ob er nun Schriftsteller ist oder Philosoph oder Werbeagent, rastlos auf der Suche nach Zuwendung, daheim die Ehefrau, bangend und abhängig. Es geht um die Legitimierung einer außerehelichen Liebe, nicht um die Frage nach Treue oder Untreue. Denn der Ehemann ist treu und untreu zugleich: Er geht - und er kommt zurück. Darauf ist Verlass, das bringt die Geliebte zur Verzweiflung. Sie hat nur dann eine Chance, wenn sie den Legitimitätszweifeln des Geliebten eine eigene Position, eine eigene Leidenschaft, eine eigene Ecriture entgegensetzt.

Das hätte man, den Roman Bleibtreu von Martina Zöllner unvoreingenommen lesend, womöglich gedacht. Vielleicht auch nicht. Inzwischen haben die Dechiffrierungsagenten des Literaturbetriebs ganze Arbeit geleistet und niemandem einen Gefallen getan. Die Schnellgerichte aus der Gerüchteküche sind aufgetaut, und man lässt uns wissen, hinter dem Philosophen Christian Bleibtreu in Zöllners Roman "verberge" sich der Schriftsteller Martin Walser, hinter der Fernseh-Producerin Antonia Armbruster natürlich - das versteht sich ja fast schon von selbst - die Autorin persönlich. Das Ergebnis sei demnach ein "Schlüsselroman". Wie schon vor Jahresfrist der Tod eines Kritikers. Hatten wir, hätten wir's nicht geahnt? Dechiffrierung muss offenbar sein: Sie passt in die Debatten um Biller, Herbst, Bohlen. Ohne Unterschied wird in jedem einzelnen Fall unterstellt, die Dechiffrierung passe auch den Autoren ins Konzept. Gar nichts anderes hätten sie gewollt.

Zöllners Roman ist großartig. Ohne Einschränkung. Eins plus. Er ist intelligent konstruiert als work in progress, er ist witzig, selbstironisch, er ist sprachmächtig und sprachgenau, er ist süffig zu lesen. Wie ein Walser-Roman. Es ist ein Roman über die Liebe - "Wir lieben uns, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt haben", später tauft die Erzählerin diesen Superlativ in den "Nie-zuvor-Award" um - und über die dunkle Kehrseite des Begehrens, die Eifersucht. Der Titel und der Name der männlichen Hauptfigur ist natürlich mit Bedacht gewählt: Er enthält eine Anklage; doch die Eifersucht wirkt durchaus in beide Richtungen, Bleibtreu ist mindestens ebenso eifersüchtig auf die wesentlich jüngere Geliebte (er ist über sechzig, sie eine Enddreißigerin). Er nennt es nur "die Zahlen", sie sind ein "zahlenschiefes Paar".

Eifersucht hat immer etwas Irrationales, Hysterisches, und damit für den Unbeteiligten etwas Komisches. "Hysterie und Legitimität", so hätte der Philosoph Bleibtreu eine Abhandlung zum Thema nennen können, wenn er nicht gerade an der "Wahrheitsillusion" arbeitete. Seiner Frau daheim in Harlaching gegenüber verhält er sich "Mahatma-Ghandi-mäßig", freundlich und duldsam. Antonia nennt es auch schon mal das "Prinzip geprügelter Hund". Strafe kassieren, weiter wildern, wiederkommen. Das heißt: Antonias und Christians "Näheprojekt" ist aussichtslos, wenn man unter einer Aussicht die Verwandlung des Projekts in die verwirklichte Nähe im Alltag versteht. Oder gar die Aussicht auf ein gemeinsames Kind. Mit einem Wort: Zukunft. Bleibtreus Alibi dabei: Er habe ja ohnehin keine Zukunft zu bieten.

Man liebt sich derweil in Hotelzimmern, in denen Antonia meist auf Bleibtreu wartet. Ihre Liebe entpuppt sich als illusionär, vielleicht als wahrheitsillusionär. Der Legitimierung kommt man dabei keinen Schritt näher, jedenfalls nicht zu zweit. Und nicht in der Praxis. Wohl aber: im Schreiben. Deshalb ist auch das Schreiben des "sogenannten Romans", wie die Erzählerin ihn nennt, gleichzeitig sein Thema. Dem wird Martina Zöllners konstruktivistisches Verfahren in beeindruckender Weise gerecht.

Doch dieser großartige und scharfsinnige Roman lässt sich nun nicht mehr arglos rezensieren. Denn dank des Imperiums McAufklärung dechiffriert man beim Lesen ständig mit, ob man will oder nicht. Bleibtreu wäre eine wunderbare (und übrigens liebenswerte) Figur, dächte man nicht fast 400 Seiten lang: So so, der Herr Walser, ts ts. Auf diese Weise handelt sich der Rezensent ebenfalls ein Legitimitätsproblem ein: Er sieht sich in eine Intimität verstrickt, die ihn überhaupt nichts angeht, auf die er sich aber gleichwohl beziehen muss.

Mit einem Schlüsselroman hat das nichts zu tun, wohl aber mit einer von der Autorin keineswegs intendierten Schlüssellochperspektive; ihr erzählerisches Niveau ist von Klatschromanen um Welten entfernt. Der Terminus Schlüsselroman macht, wenn überhaupt, nur dann einen Sinn, wenn die Verschlüsselung einen politischen Anlass hat; Klaus Manns Mephisto ist dafür immer noch das beste Beispiel. Der Autor wollte das reale Vorbild seines Protagonisten nicht ausdrücklich bloßstellen, sondern dessen Verhalten als exemplarisch kennzeichnen; dabei hatte er gegen die (leicht zu bewerkstelligende) Entschlüsselung offensichtlich nichts einzuwenden. Mephisto war ein politisches Programm, für das eine ästhetische Lösung gefunden werden musste.

Im Fall Bleibtreu dagegen ist die Verschlüsselung weder das Problem noch dessen Lösung; das Problem liegt eher in der Entschlüsselung, die aus einer exemplarischen Geschichte einen Einzelfall und damit erst einen Skandal macht. Dabei wird ja nichts Skandalöses erzählt, sondern etwas durchaus Alltägliches. Skandalisierbar ist der Fall deswegen, weil der männliche Hauptbeteiligte in der Klartextfassung ein Prominenter ist, der schon einschlägig vorbestraft war. An Walser bleiben die gängigen Klischees (DKP, Wildbad Kreuth, Paulskirche, Kritikertod usw.) ja notorisch kleben wie Kaugummi, obwohl vielleicht kein anderer Schriftsteller in seinen Büchern so viel zur Klischeezersetzung beigetragen hat wie er. Das interessiert die Damen und Herren Rezensenten aber nicht. Was sie (manche von ihnen) hingegen sehr interessiert, ist, zum Zweck der fortgesetzten Walser-Dekonstruktion einen Roman zu benutzen, dessen Qualitäten sie unter diesen Prämissen nicht mehr erkennen oder jedenfalls zugeben können.

Martina Zöllner ist allem Anschein nach an dieser Art und Weise der Rezeption unschuldig. Ihr Roman trivialisiert nicht, sondern differenziert. Er camoufliert, so gut es nur geht. Aber, und das ist nicht Zöllners Absicht und Schuld, sondern Ergebnis eines Mimikry-Prozesses aus Empathie und Liebe: Bleibtreu ist eben auch ein Walser-Roman.

Die Camouflage scheitert da am offensichtlichsten, wo sie scheinbar am leichtesten zu bewerkstelligen wäre: im Sprachlichen. Es gibt in diesem Buch - und das hätte man mit Sicherheit auch ohne die Kreationen der Gerüchteküche entdeckt - eine Fülle von sprachlichen Indizien, die auf die Wahlverwandtschaft der Autorin mit Martin Walser verweisen: der fließende Sprachduktus syntaktischer Konstruktionen, die dann häufig in stakkatohafte Kurzsätze münden; die jubelnd-zugreifenden Komposita-Neologismen ("Verheimlichungsdesaster", "Entschlossenheitscowboy", "Gegenwartschristian"); die Konditional-Kausalketten ("Wenn man Christian glauben konnte. Antonia glaubte ihm. Weil sie ihm glauben wollte."); die "nichts-als"-Beschwörungen; die Präzisierungen mittels Hilfsverben ("Du hättest doch auch mit uns essen können, hatte Renate Armbruster bemerken müssen") und manches mehr. Gelernt ist eben gelernt.

Doch das hat nichts mit Epigonalität oder Manier zu tun. Im Gegenteil. Manier produziert immer das gleiche, stilistisch und thematisch; der Bleibtreu-Roman hingegen entwickelt sich im Zug seiner Entstehung, aufgrund seiner Erfahrungsdichte, ständig in neue Qualitäten hinein. Deshalb liest man ihn auch, trotz erheblicher Redundanzen, die in der Natur der Sache liegen, unbedingt zu Ende: Man erlebt als Leser hautnah mit, wie diese Geliebte sich eben nicht in der "Geliebtenexistenz" einrichtet und es sich darin leidend bequem macht, sondern wie sie sich, nach der ersten Verliebtheits- und Bewunderungsphase, das "Näheprojekt", das Bleibtreu emphatisch und nicht ohne Selbstmitleid beschwört, entschlossen aneignet - und zwar als literarisches Projekt.

Aus dem "sogenannten Roman" wird, schneller als man gedacht hätte, ein Roman. Anselm Kristlein Bleibtreu Pygmalion, im Manuskript blätternd und schimpfend, wenn ihm irgendeine "Selbsterkundung" nicht "schonungslos" genug erscheint, wird in Wahrheit nicht schlecht staunen. Da ist jemand nicht einfach zu einem seiner Geschöpfe geworden, sondern zu einer Schriftstellerin kraft ureigener Legitimität.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau