Bleeding Edge.
Roman von Thomas Pynchon (
2014, Ullstein - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Sylvia Staude aus der Frankfurter Rundschau vom 26.9.2014:

Und die Frisur von Jennifer Aniston
Jetzt gibt es Thomas Pynchons jüngsten Roman „Bleeding Edge“ auch auf Deutsch, exzellent übersetzt von Dirk van Gunsteren.

Selbst der Übersetzer Dirk van Gunsteren, der nicht zum ersten Mal beträchtliche Lebenszeit investiert hat, um einen Roman von Thomas Pynchon ins Deutsche zu übertragen, muss sich vorstellen, wie der alte Herr (geboren 1937) heute aussehen mag. „Ich weiß nur“, hat er in einem Interview gesagt, „er hat vorstehende Zähne. So Hasenzähnchen...“. (Es gibt Pynchon-Jugendbilder mit in der Tat kurios prominenten Schneidezähnen.) Thomas Pynchon ist unter den zurückgezogenen Schriftstellern dieser Welt der zurückgezogenste. Ein Phantom, einerseits.

Andererseits haben jetzt – fast auf den Tag ein Jahr, nachdem das englische Original seines jüngsten Romans „Bleeding Edge“ erschien (vgl. FR vom 17. 9. 2013) – auch wieder seine deutschen Leser Gelegenheit festzustellen, dass er erstaunlich oft im Trubel der Welt unterwegs und fest in ihr verankert sein muss. Kein Eremit, sondern ein Flaneur in seiner Heimatstadt New York.

Der Popkultur-Aufsauger

Dazu ein exzessiver Mediennutzer, Popkultur-Aufsauger, ein grenzenlos und umfassend Neugieriger. Womöglich könnte eine Figurencharakterisierung aus seinem neuen Buch gut auf ihn selbst passen: „smarter urbaner Klugscheißer“. In einem Pynchon-Roman würde jemand jetzt noch zu Stings bekannter Melodie summen: „He’s a S-U-K in New York“. Denn allemal spielt die Stadt hier eine Hauptrolle. Und allemal kommt der amerikanische Autor gern vom Hölzchen aufs Stöckchen.

Dazu fliegen einem die (pop-)kulturellen Anspielungen nur so um die Ohren. Ob eine junge Frau genau die gleiche Frisur wie Jennifer Aniston haben will, ob Kinder begeistert die TV-Serie „Rugrats“ gucken oder eine Figur lässig den ersten anonymen, finnischen Remailer, penet.fi, erwähnt: Pynchon ist auf der Höhe der jeweiligen Romanzeit und, das betont Übersetzer van Gunsteren, er denkt sich viel weniger aus, als man aufgrund seiner wuchernden, detail- und wortreichen Romane vielleicht meinen möchte.

Ein Pynchon-Übersetzer muss also nach- im Sinne von hinterherrecherchieren, den Fakten wie dem oft ganz speziellen Vokabular – sei es Mathematik, Bergbau, Luftfahrt, Popmusik, Leibesertüchtigung (Krav Maga) oder, in „Bleeding Edge“, das World Wide Web und seine geheimnisvollen Hintertüren. „Bleeding Edge“ übrigens ist ein vor dem Platzen der Dotcom-Blase offenbar oft verwendeter Begriff für eine Entwicklung, die über „Cutting Edge“ hinausgeht und darum hochriskant ist. Vermutlich hat sich der Rowohlt-Verlag darum diesmal entschlossen, den assoziationsreichen englischen Titel beizubehalten: Es gibt keine deutsche Entsprechung.

Ausführliche Exegese

Aber nicht nur „Bleeding Edge“, alle Pynchon-Romane fordern zu einer ausführlichen Exegese heraus. Es ist kein Zufall, dass gerade zu diesem Autor ein von Fans hingebungsvoll, aber sachlich gepflegtes „Wiki“-Lexikon entstanden ist, das „pynchonwiki.com“ (es sei hier ausdrücklich empfohlen). Dort kann man, so man gut genug Englisch kann, manches fein erklärt bekommen.

Oder man stürzt sich nun, Dirk van Gunsteren sei Dank, mit gutem Mut in die exzellente Übersetzung von „Bleeding Edge“, die ihre Qualität vor allem in den umfangreichen Dialogen beweist: So sprunghaft sprechen die Leute, so ist ihnen auch in, zum Beispiel, Frankfurt der Schnabel gewachsen. Und wie im richtigen Leben, wenn man zum Beispiel zum Restaurant-Nebentisch hinlauscht, versteht man nicht jede Anspielung. Pynchon zu lesen, gilt darum als schwierig – was nicht stimmt, wenn man sich ein wenig locker macht.

Was bei diesem jüngsten seiner Romane leichter fallen sollte als bei den Vorgängern, denn er ist darin doch fast in der Gegenwart angekommen – jedenfalls bei 9/11 und noch ein Weniges darüber hinaus. In einer vertrauten Welt also.

Und war das Zufall?

Aber wie immer bei diesem Autor gibt es nicht wirklich eine Handlung zu erzählen. Hauptfigur Maxine Tarnow ist Detektivin und jüdische Mame zweier Jungs; sie wird in etwas hineingezogen, was eine üble Verschwörung sein kann – oder auch nicht. Denn wer verkaufte kurz vor 9/11 massenhaft Aktien von United Airlines und American Airlines? Und war das Zufall?

Von einem alten Bekannten und einem mysteriösen Video animiert, mäandert Maxine durch die Stadt (manchmal bringt sie aber auch nur ihre Jungs in die Schule). Dutzende Figuren tauchen auf und wieder ab. Einen Augenblick spürt man als Leser noch den soliden New Yorker Bürgersteig unter den Füßen, im nächsten lernt man eine Figur kennen, die Tatorte mittels eines übernatürlich feinen Geruchssinnes analysiert.

Jonathan Lethem, ein Schriftstellerkollege Pynchons, hat die vielleicht schönste „Bleeding Edge“-Kritik geschrieben, indem er zuletzt den Schwung und die Jugendhaftigkeit des Romans lobt und schreibt: „... der junge Pynchon ist ein grenzenlos vielversprechender Autor, sicher wird er uns eine lange Reihe hinreißender und charismatischer Romane schenken.“ Und Dirk van Gunsteren wird hoffentlich bereit sein, sie zu übersetzen.

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