Blaue Wildnis von Nico Feiden, 2016, ElifBlaue Wildnis.
Gedichte von Nico Feiden (
2016, Elif Verlag, mit Illustrationen von Giacomo).
Besprechung von Matthias Engels für LYRIKwelt.de, März 2016:

Blaue Wildnis

Vor vielen vielen Monden einmal schickte ich meine ersten mühselig dem Stammeln abgerungenen Gedichte einem älteren, anerkannten Dichter. Er war sehr freundlich und hinterließ mir einen schönen Satz, den ich damals nicht zur Gänze verstand und deshalb nie zitierte. Er sagte: “Deine Gedichte erinnern mich an etwas. Ich weiß nicht an was- aber ich würde es sehr gerne wieder lesen.”

Ich hörte damals nur den ersten Teil des Satzes und glaubte, er hielt meine Texte für epigonal, nicht eigenständig und unverwechselbar. Im Laufe der Zeit bekam ich aber eine Ahnung, wie der Ausspruch gemeint gewesen sein konnte.
Bei Nico Feidens erstem Band, der gerade eben erschienen ist und Blaue Wildnis heißt, kam mir das Statement des älteren Dichters wieder in den Sinn…
“Ja, nun bin ich der Großvater…”, lautet es in einer früher einmal viel gesendeten Werbung, die ich aber nun nicht zur Gänze zitieren möchte- aber als sich selbst seit über 20 Jahren an der Lyrik abarbeitender und (du meine Güte!) beinahe doppelt so alter Autor blicke ich auf Nicos Gedichte und seine Präsenz in genau dieser Weise.

Das Gedicht ist an sich, dank der Re- und Evolutionen der vergangenen 100 Jahre, ein Ort der FREIHEIT.
Es darf alles. Inhaltlich und strukturell. Meine eigene und manch andere Lyrikproduktion dagegen scheint mir geprägt von Einschränkungen, von außen oder selbst auferlegt: Dies verbot die Moderne:
Reim war out, allzu “große” Hauptworte, die meist auf –ung oder –nis endeten, waren tabu. Pathos no go.
Anderes forderte sie dagegen dringend: knapp sollte man sein, ironisch, analytisch distanziert. So aber rückt das Schreiben letztendlich dem Verstummen näher als dem Erzählen.

Es ist schlimm, dass es alles negativ besetzte Begriffe sind, aber: Missachtung, Ignoranz oder gar Unkenntnis der formalen Neuerungen der modernen Lyrik, totale Wurschtigkeit gegenüber den Ansprüchen der Avantgarde und spontanes Drauflos-schreiben mit Hang zum Großen…denn auch das stellt die ursprüngliche Möglichkeit der kurzen und offenen Form Gedicht dar.

Nicos Gedichte sind um Längen besser als meine es waren, als ich so alt war wie er- das sei einmal festgehalten, aber ich erinnere mich bei der Lektüre eben gut daran, wie berauschend es war, ein Stück kompakte Sprache produziert zu haben, das nicht und niemand Anderem verpflichtet war als mir. Ob es nun Gedicht genannt werden konnte, ob es gar als modern zu bezeichnen war…egal.

Der Verlag, Elif in Nettetal, rückt in seinem Programm Nicos Verse in Richtung der Beat-Generation. Ja, Kerouacs spontane Prosa kommt in den Sinn, auch Ginsberg-Gedichte in ihren nur scheinbar unkomponierten großen Bögen. Und dieses hobo-hafte, am Rande der Gesellschaft stehende, die Sympathie für Randfiguren und Außenseiter ist in vielen Texten des Bandes vorhanden. Ich fühle mich aber auch sehr an Walt Whitman erinnert, der ebenfalls -sorry- einen Dreck auf Metrum, Reim und Komposition gab. Einer, dessen langen Atem, dessen Begeisterung für das große, manchmal fast psalmenhafte Sprechen Nico teilt. Dann ist das Ganze ein wenig subkulturell und -da spüre ich mein Alter, Autsch!- wie heute üblich absolut unbestimmbar, nicht Punk, nicht Beat, nicht Grunge….sondern sich überall bedienend. Da ist Jazz und Joint, da ist aber auch Landschaft und sehr viel Unendlichkeit..wie in meinem wohl Lieblingstext des Bandes:
Entschleunigung

Halt dich fest mein Freund,
wir sind unsterblich
und all die blinden Fenster
führen uns den Weg zum Leben
und all die Lippen durch den Tod
geschlossen

Im Zyklus der Gezeiten
ziehen Planeten ihre Kreise
und wir bleiben stehen,
weil alles andere sich bewegt.

Und jedes Mal, wenn ich diesen -übrigens sehr schön illustrierten Band- aufschlage, lande ich automatisch beim Gedicht Heimat,  dessen Thema mich nun schon seit Längerem ganz besonders beschäftigt. Und da zeigt sich ein ganz anderer Dichter -einer, der sehr wohl zu bauen und zu reimen weiß. 3 Vierzeiler mit durchgängigem Kreuzreim, die da enden:


es verbleicht die Heimat
wie ein Bild im falschen Buch.

Nico ist viel herumgekommen und hat viele Menschen getroffen- davon zeugt dieser Band. Für mich verkörpert er eine Erscheinung von Dichterschaft, wie sie ursprünglicher, kompromissloser und authentischer kaum sein könnte. Frei, räumlich wie geistig; etwas wild und ungeschliffen, aber von einem klaren Blick und fähig zum Gefühl.
Mich erinnern seine Gedichte an etwas, das ich nie wieder werde “lesen” können- an etwas, auf das der Blick von den Jahren, den Lektüren, dem Leben verstellt ist:  an die von Regeln unbelastete, ungezügelte Freiheit von Gedichten.

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