Blaubarts Kinder von Renata Šerelyté, 2011, WieserBlaubarts Kinder.
Roman von Renata Šerelyté (
2011, Edition Zwei im Wieser-Verlag - Übertragung Cornelius Hell)
Besprechung von Helmut Schönauer, 19.08.2011:

Eine gute Geschichte hat einen logischen Ablauf, so dass man ihr leicht folgen kann. Eine wahre Geschichte hingegen ist oft so zertrümmert und amorph, dass man als Leser Mühe hat, sie zu begreifen.

Renata Serelyte erzählt im Roman „Blaubarts Kinder“ von einer Familie, die völlig zerrissen und versprengt zwischen Litauen und Russland hin und her pendelt. Gleichzeitig ist es aber auch die Geschichte der jungen Republik Litauen, die Jahrhunderte lang zwischen den Machtblöcken hin- und hergerissen und zertrümmert worden ist.

Familie und Land sind von einem Blaubart gequält, unter einem Blaubart versteht man oberflächlich einen sagenhaften Mann, der Frauen nach Gebrauch umbringt. „Alle Frauen müssen daran denken, dass die Hand, an die man sich hängt, wenn man vor Glück schwach wird, einem irgendwann an die Kehle geht.“ (91)

Der Roman „Blaubarts Kinder“ beginnt recht ungewöhnlich damit, dass die Mutter aufgebahrt in der Kulturhalle eines sowjetischen Dorfes liegt und ihr Leben reflektiert. Sie hat einst ihren versoffenen Mann in Litauen verlassen und ist nach Russland gegangen, wo der neue Lover nahtlos mit dem Quälen a la Blaubart fortgesetzt hat. Jetzt ist sie ertrunken und lässt die politische Lage Revue passieren. „Die Staatsmacht ist eine Strafe, und wenn man sie überleben will, muss man ihr gehorchen.“ (63)

In unzähligen Kapiteln, die wie der Walzerschritt eins zwei drei geordnet sind erzählen in der Folge Blaubarts Kinder ihr Leben. Sie sind in verschiedenen Dörfern groß geworden, haben studiert, und sind dann letztlich in einem neuen Staat aufgewacht. Jetzt müssen sie aus den versprengten Erlebnissen einen Lebenssinn entwickeln, wobei der Staat keine Hilfe ist, denn der hat selbst noch keinen richtigen Sinn gefunden.

In ständigem Perspektiven-Wechsel kommt allmählich etwas zu Tage, was vielleicht die Geschichte der jüngeren Gegenwart ist. Künstler-Helden der Sowjetunion nehmen mitten unter alten Mythen aus Litauen Aufstellung, eine Sage des Waldes steht neben der Erfolgsgeschichte einer Kolchose, aus entlegenen Dörfern strömen hungrige Studenten nach Vilnius, um ein intellektuelles Konzentrat zusammen zu kochen.

In mannigfaltigen Fußnoten hat der Übersetzer Cornelius Hell die Geschichte der Orte, die Biographien zitierter Personen und historische Kleinodien eingearbeitet. So gab es nach der Abschaffung des Rubels für zwei Jahre die Übergangswährung Talonas, ehe der Litas eingeführt wurde. Allein schon die Lektüre der Anmerkungen ergibt einen heftigen Querschnitt durch die Gegenwart Litauens.

Blaubarts Kinder sind ein scheinbar chaotisch strukturierter Versuch, über die brüchigen Schweißnähte der einzelnen historischen Versatzteile so etwas wie eine unversehrte Haut zu legen. Dabei bleibt alles verletzlich, brüchig, aber der Tastsinn dieser Überlebenshaut ist bereits voll ausgeprägt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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