Blätter von Franciso Tanzer, Grupello-VerlagBlätter
Gedichte von Francisco Tanzer (2001, Grupello).
Besprechung von Alexander von Bormann aus Rezensionen-online *LuK*:

"Das Leben plätschert sacht dahin/Ich frag nicht mehr nach seinem Sinn."
Gedichte von Francisco Tanzer

Francisco Tanzer ist einer der meistvertonten Dichter der Gegenwart. Der Österreicher Herbert Lauermann, aber auch so berühmte russische Komponisten wie Edison Denisov, Alfred Schnittke oder Sofia Gubaidulina haben Texte von ihm vertont. Das muß nicht immer ein Qualitätskriterium für Lyrik sein, wie wir seit der schönen Müllerin oder der Winterreise wissen. Aber es deutet doch auf das Melos der Verse, die vor allem durch Jamben und Daktylen bestimmt sind ("Blätter die singen/ tanzen und fallen/ an irgendeinem/ beliebigen Ort"). Der Moderne zollt Tanzer Tribut, indem immer wieder interessante rhetorische Figuren eingesetzt werden. Tanzer ist selbst einer der wenigen Dichter, die noch den Ablautreim kennen, und seine Poetik vergleichsweise einfach: "Ein stilles Wunder/ mit wenigen Worten/ das Schwierige zu verstehen" - so möchte er auch seine Gedichte gelesen haben, und das glückt, wenn auch nicht immer. Es ist auch gar nicht sicher, ob man dem Willen des Dichters, Welt und Gedicht so einfach zu sehen, daß sie wieder miteinander sprechen können, immer nachgeben muß. So verknüpft er in vier Zeilen den Chiasmus und den Ablautreim (verlieren/verloren) mit einem doppelten Intertext (Rilke "Rose, oh reiner Widerspruch"; Celan "Nachmittag mit Zirkus und Zitadelle", darin die Zeile: "Verloren war Unverloren"): / Dorn: Oh Rose / Rose: Oh Dorn / Verlieren / ist / nicht verloren

"Natürlich" läßt sich das kleine Gedicht auch als eine lakonische Variation auf Goethes Heidenröslein lesen. Jedenfalls lassen sich in dieser Lyrik immer wieder Funde machen, mit denen sich wuchern läßt (man entschuldige den Kalauer), und das ist zu betonen, weil es halt nicht durchweg gilt. Ein Sirenen-Gedicht ("Begleitung ") wird dem romantisch bedeutsamen Motiv nicht gerecht. Es läßt im Mittelteil die Sirene in kostbaren Jamben sprechen, eine junge Frau (etwa Mignon), die sich, "ein müdes Kind", eine Heimkehr ersehnt. Der Leser wird frustriert, wenn die jambisch tönende Sehnsucht als ordinäre Anmache denunziert wird, und das Ich des Gedichtes in der Schlußzeile stolz vermelden kann: "doch ich entkam". Bravo, soll man dem "Helden" zurufen, aber poetisch konsequenter (und geschichtsphilosophisch tiefer) geht dann doch Eichendorff mit dem Motiv um, wenn er seine Lorelei (in "Waldgespräch") den Mann verwünschen läßt: "Kommst nimmermehr aus diesem Wald." Eine erhebliche Zahl von Gedichten ist in Ein-Wort-Zeilen gedruckt, das ist immer ein Schummel und glückt auch hier nicht besonders (vgl. "Dresden", "Mutter"). Immerhin kann man den Druck in der Lektüre oft vernachlässigen, der Rhythmus übergreift die Zeilen, und dann klingt"s doch(vgl. "Fragen"). Sehr besonders: Tanzer gibt manche Gedichte in mehrsprachiger Version, deutsch-englisch, deutsch-französisch, und die Übersetzungen sind nicht nur virtuos, sondern gehen taktvoll auch auf die Besonderheiten der anderen Sprache ein (vgl. "Last song"). - Eine Textreihe zum schuldhaften Tod eines Pferdes pusselt eine Weile am (anrührenden) Material herum, doch schließlich wird der Leser mit einem Gedicht belohnt, das Aphorismen reiht, die dem Thema abgewonnen sind und eine Textform konstituieren, die leider einzig bleibt ("Gedanken zu ›Montys Tod‹"). Die Liebesgedichte sind nicht die Stärke dieses Bandes: "und wir/ stürzten/ in das All", das taten schon allzu viele bewegte Dichter. Lyrisch ergiebiger sind die "Alptraumsequenzen", auch wieder in Ein-Wort-Zeilen, doch das Gehetzte im Thema trägt ausnahmsweise diese Form. Die aphoristischen Gedichte und die "Parolen zur Umwelt" hat man schon besser gehört (z. B. von Erich Fried). Geistreich aufs Altern bezogen immerhin: "Sterben/ ist der Preis/ den wir/ dafür bezahlen/ müssen/ tot/ zu sein." Was fehlt, ist eine zusätzliche Strukturierung. Manche Großgedichte haben die z. B. in der Kreuzform, darin die Strophen einander zugeordnet sind.

Ein Zweifel meldet sich regelmäßig bei den Reimen. Sie sind halt oft banal. Vielleicht beziehen sie sich ja auch parodistisch auf die Reimtradition, wären also mit einem Augenzwinkern eingesetzt: "Das Leben plätschert sacht dahin/ Ich frag nicht mehr nach seinem Sinn." Immerhin tun das diese Gedichte auf unterschiedlichste Weise immer wieder, was den Band des 1921 in Wien geborenen, in Düsseldorf lebenden Autors zu einer durchaus ansprechenden Lektüre macht.

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