bitterleichte lyrik von Volker Maaßen, 2014, elbaol verlagbitterleichte lyrik II von Volker Maaßen, 2014, elbaol verlagbitterleichte lyrik und bitterleichte lyrik II.
Gedichte und mehrere Gedichte von Volker Maaßen (2013/14, elbaol verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, März 2015:

Bin ich jetzt Mensch im Möwentraum?
Die Gedichte des in Hamburg ansässigen Arztes und Dichters Volker Maaßen sind subtil, subversiv, skurril und allesamt Treffer. „Bitterleichte Lyrik“ tituliert er seine Bücher und diese Selbsteinschätzung seiner Texte ist womöglich Programm.

Sie erinnern mich an Kästner, Tucholsky, Ringelnatz, Morgenstern und nicht zuletzt an einen Gründer der „Frankfurter Schule“, Robert Gernhardt, denen er unverhohlen Respekt zollt mit völlig eigener Tonlage und unverwechselbaren Stimme. Der Arzt Volker Maaßen kennt das Leben von der Geburt bis zum Tod. Man kann sicher behaupten von allen Seiten, von den hellen ebenso wie von den finsteren und dunklen, von innen und außen und findet eigenwillige Interpretationen.

Wer so schreibt, denke ich, muss die Menschen lieben, „am Boden liegen Trauerkränze/ für Opfer an der Armutsgrenze“.

Der Dichter Volker Maaßen versteht sein Handwerk als Dichter ebenso wie das chirurgische als Mediziner. Er beherrscht das Instrumentarium der Satire und weiß behutsam mit dem der Lyrik umzugehen. Seine vorsichtig gesetzten Worte und Verse erinnern an Selbstversuche und Therapien, mit Hilfe der Dichtung Erfahrungen und Empfindungen in Sprache zu bringen, um alles, was ihm dazu, bei weitem nicht nur am Schreibtisch, einfällt, auf diese Weise zu verarbeiten, Ratlosigkeit, Zweifel, Widersprüchlichkeiten, Trauer, Tristesse.

Dabei entstehen dann Verse wie die: „Alt werden/ ist die beste Strategie/ fürs Überleben“ oder „der Kluge lernt nur Kluges kennen/ wenn wir ihn von den Dummen trennen“. Dabei ist mir beim Lesen seiner Gedichte aufgefallen, dass sie von außen mitunter disziplinierter wirken als sie es in ihrem Innersten sind, dass sie sich dort zu reimen beginnen, wo der ordnende Reim durchbrochen wird oder der raffinierte Rhythmus, geplant oder ungeplant, aus den Fugen gerät.

Genauso, kommt es mir in den Sinn, spielt sich das wirkliche Leben ab, denn „Auch Adam kam aus Afrika“ oder „Und wer nicht singt/ kriegt Schweigegeld“.

Selbst die Gedichte, die mir wie eine Art Nonsens sinnentleert vorkommen, merke ich berührt, machen kopfschüttelnd Sinn, weil sie ein Lächeln provozieren, ein Lachen „Kunterbunt“.

Und damit komme ich auf eine hoch geschätzte Stärke des Dichters und Denkers Volker Maaßen, seinen unverwechselbaren Humor, der manchmal schwarz und bitterböse, fast grimmig, daher kommt, manchmal nachsichtig weise. Er mag eine große Stütze sein für die Anforderungen des täglichen Lebens, die auch jemand braucht, der Ja zum Leben sagt, der mit seinen Worten kräftige Ohrfeigen austeilen kann, dieselben aber auch einzustecken versteht.

„Ich komme mir/ heut‘ wie ein Fremder vor, / der hier nicht her gehört, / weil er die Tränen stört.“

Oder: „Was bleibt/ wenn ich/ mit meinem Kopf/ einfach geh - / Kopfweh.“

Den Dichter Volker Maaßen empfinde ich persönlich als einen modernen Eulenspiegel, politisch nach dem Motto „Überall ist Menschenhand“, komisch mit Gedichten wie „Hai-watching“ oder „Freier Wille“. Er ist naturverbunden und religiös kritisch nach Art frommer Heiden.

Er ist moralisch: „Egal/ warum, / egal / an welchem Ort, / Mord bleibt/ M O R D.“

Er ist technikkritisch: „Ein letzter Bleistift/ auf dem leeren Schreibtisch/ einsamer Pelikan// Und Briefpapier/ alles späte Zeichen/ die den Bits und Pixeln weichen// Idee vom Lieben/ mit der Hand geschrieben.“

Der Gesellschaft ist er skeptisch gegenüber: „Dann formen alle eine Polonaise/ und sind bereit zur Bouillabaisse“.

Und sich selber gegenüber auch: „ich weiß es/ doch ich glaub es nicht“.

Bitterleicht mögen seine Gedichte sein und dennoch spürt man die große Ernsthaftigkeit und Verletzbarkeit ihres Schöpfers, des Mannes, der mit Wortwitz und gekonnter Sprachspielerei dahintersteckt, ohne sich dem Zugriff „brutaler“ Wirklichkeit zu entziehen, „heimspielstarke(n) Gonokokken“ und der dennoch formulieren kann: „Es ist was es ist/ sagt die Liebe// Ich bin was ich bin/ sagt das Wort.“

Der von sich sagt: „Ich/ bin der große/ Zeiger einer Uhr// auf Sternengrund/ und du/ zeigst dich nur wenig“. Und der Liebesgedichte schreibt, deren Schönheit  man zitierend bejubeln möchte:

Für dich// Ich würd‘ für dich/ den Regenbogen gerade biegen/ und mit dir über Wolken Fliegen./ Ich würde mich für dich zum Nordstern strecken, / zur Not auch einfach bücken/
und die Anemonen pflücken. / Ich kann nicht beten/ und nicht glauben, / ich würde dennoch in die Kirche gehen/ und Ablassgelder für dich rauben. / Für dich würd‘ ich am Himmelstor/ vor Petrus lügen, / oder einfach/ den Regenbogen gerade biegen.“

Alles steckt in diesem Gedicht, was den Arzt und Dichter Volker Maaßen u. a. ausmacht, Mitgefühl und Verständnis, Menschenliebe und Gerechtigkeitssinn und der suggestive Zauber seiner Worte. Und trotz aller Komik und bitterer Wahrheiten, denke ich, bringt er uns Leser von Pointe zu Pointe dorthin, wo sich Schmerz auf Herz wieder reimen darf, eigenwillig, vielleicht auch verstört, aber wunderschön: „ich wünsch‘ mir/ jeden Augenblick/ zurück/ gleich diesem Ton/ der sanft/ in meiner neuen Welt/ wie roter Mohn/ aus deinen Lippen fällt“.

Wie dem auch sei. Abschließend halte ich, die Lektüre seiner Gedichte unbedingt empfehlend, an folgender Erkenntnis des Dichters fest: „So hat jeder etwas/ oder nichts, / und wer nichts hat, / hat viele Träume.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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