Bitterfotze von Maria Sveland, 2009, KiWi1.) - 2.)

Bitterfotze.
Roman von Maria Sveland (2009, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung
Regine Elsässer).
Besprechung von
Qet in Neue Zürcher Zeitung vom 12.03.2009:

Bitte nicht bitter

Wie poetisch klingt das schwedische Wort «Bitterfittan» gegen das deutsche «Bitterfotze». Um Poesie allerdings ist es der jungen schwedischen Schriftstellerin Maria Sveland in einem Roman nicht gegangen, der sich nahtlos in die zwischen Sex und Zorn oszillierende Literatur der neuen Weiblichkeit einreiht. Auch auf Vorbilder wird im Buch hingewiesen. «Angst vorm Fliegen», dem vor sechsunddreissig Jahren erschienenen Roman von Erica Jong, wird hier die Reverenz erwiesen. In den Trockengebieten des Beziehungskampfs hat sich die Ich-Erzählerin aufgerieben, hat versucht, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, und macht jetzt einmal Ferien auf Teneriffa. Dort wird nachgedacht über sich selbst und die Welt. «Bitterfotze» ist ein Selbsterklärungsbuch, das mit seiner schnellen und einfachen Sprache zeigen will, wie kompliziert das Leben für eine alleinerziehende Frau ist. Man muss sich nehmen, was man kriegen kann, und das auch beim Sex. Der Titel des Romans allerdings soll kein Signal für Voyeure sein, sondern eine Warnung. Er ist die Chiffre für den monströsen Teufelskreis weiblicher Verbitterung: «Ich bin bitter, dass ich bitter bin. Ich will nicht bitter sein.»

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Bitterfotze von Maria Sveland, 2009, KiWi2.)

Bitterfotze.
Roman von Maria Sveland (2009, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung
Regine Elsässer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 12.3.2009:

Angst vorm Lieben
Charlotte Roche kämpfte für eine neue Körperlichkeit, Sarah Kuttner will die Seele befreien – und die schwedische Journalistin Maria Sveland gleich alle Frauen der Welt. Drei Nabelschauen, die an die 70er-Jahre erinnern.

Man könnte es Fräuleinwunder nennen, eigentlich aber handelt es sich um: Fräulein mit Wunden. Nachdem Charlotte Roche dem Hygienewahn der Neuzeit ihre eigene Körperlichkeit entgegen schrie, kümmert sich nun Sarah Kuttner um unsere Seele: mit einem Erstlingsroman zum Thema Depression.

»Ich bin keiner von diesen Trend-Psychos. Ich bin the real shit.«

Mit ihr selbst hat das natürlich fast nichts zu tun: Aus ihrem Freundeskreis, so Kuttner in Interviews, kenne sie derartige Therapie-Geschichten. Eine Panikattacke habe sie selbst nur einmal gehabt – aber nicht schlimm! Kuttners Heldin Karo ist 27 Jahre alt, extrem extrovertiert und Eventmanagerin, derzeit arbeitslos. (2006 verlor Kuttner ihre MTV-Show.) Kuttner vertut mit der Wiedergabe langer Psychiater-Gespräche die Chance, einem Volksleiden eine echte literarische Reflexion zu gönnen. Immerhin erheitert sie uns gewohnt wortwitzig: „Eine Depression ist ein fucking Event”, lautet ihr erster Satz und als Karo nix mehr kann außer bei Mama daheim auf dem Balkon sitzen, da heißt es: „Ich bin keiner von diesen Trend-Psychos. Ich bin the real shit.”

Selbstironisch nennt man das wohl. Gibt es etwas Selbstironischeres, als seinen Roman „Mängelexemplar” zu nennen wie Kuttner? Aber ja. Man könnte ihn „Bitterfotze” betiteln (und sich so selbst beleidigen, bevor andere es tun).

Schmuddelig erworbenes Geld in die Kassen gespült

Die schwedische Autorin Maria Sveland, 35 Jahre alt, Journalistin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, komplettiert die schreibenden Medien-Mädels aus Deutschland zu einem Trio, über das wir uns dann doch wundersame Gedanken machen müssen.

Nebenbei beschert sie dem KiWi-Verlag eine späte Genugtuung: Dieser hatte die „Feuchtgebiete” empört abgelehnt, bevor sie dem DuMont-Verlag schmuddelig erworbenes Geld in die Kassen spülten.

»Ich will auch lieben können, ohne mich schuldig zu fühlen.«

Svelands Roman ist ein Manifest: für Gleichberechtigung. Denn auch in Schweden, dem Geburtenratenstreber, ist die Welt nicht heil. Sara, Mitte 30, Journalistin, verheiratet, Mutter, flieht nach Teneriffa: Weil nichts „so bitterfotzig macht wie das Mutterwerden”. Ihre Klage, trotz Elternzeit-Mann Johan: „Ich will auch lieben können, ohne mich schuldig zu fühlen, genau wie die Männer. Ja, ich will den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig aufessen.” Heimlich träumt sie von einer Zeit, in der sie „jede Menge Männer, Zeit, Schlaf und Freiheit” genoss. Heimlich sehnt sie sich nach Männern, die Orangen schälen für ihre Kinder. Männern, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Die tanzen. „Warum trauen sich so wenige Männer zu tanzen?” Sich „zu öffnen”?

Süß, oder? So total – 70er. Tatsächlich liest Sara Erica Jongs „Angst vorm Fliegen”. Das waren noch Zeiten!

Hier nun findet das Fräuleinwunder seine Wurzeln: des Feminismus, des Psychotherapie-Booms, der ursprünglichen Körperlichkeit. Erica Jongs Skandalroman beinhaltete ja all dies. Auch die Verlockungen des Halbbiografischen reizte Jong bereits aus: Ich sagen, aber wir meinen. Die „Neue Subjektivität” (Marcel Reich-Ranicki) ist typisch für die Literatur der 70er: Schreiben als Selbsterfahrung, als Reise ins Innere – ein Inneres, welches das Äußere, die Gesellschaft, spiegelt und wütend zur Rede stellt.

Historischer Bezug also ist das, was wir schlicht für drögen Stil hielten. Aber warum sehnen sich Autorinnen nach der guten, alten Zeit? Sind wir nicht viel weiter heute?

Äußerlich vielleicht schon. Der Feind seelischer oder körperlicher Selbstbestimmung, der Feind, der Angst macht – er ist heute eine Feindin. Verborgen tief im Innern der jungen Frauen. Das Alles-Haben-Wollen, das Immer-Perfekt-Sein-Wollen, das sind hausgemachte Ängste armer Würstchen (im Glas).

Die Heldinnen bei Kuttner und Sveland haben keine Angst vorm Fliegen, sondern Angst vorm Lieben: Kuttners Heldin Karo ist beziehungsgestört, weil sie sich selbst kaum spürt, geschweige denn andere. Svelands Sara fürchtet ihre Familienliebe als Fußfessel.

So wütend sich Karo und Sara geben: Im Unterschied zu den 70ern wollen die modernern Heldinnen hoffen dürfen. So sind die Enden der Romane vage versöhnlich. Karo urlaubt dann doch auf Mallorca. Sara kehrt heim von Teneriffa. Und liegt, wie Isadora einst am Ende von „Angst vorm Fliegen”, in der Badewanne; und wie einst „Feuchtgebiets”-Heldin Helen ist sie stolz auf ihre Natürlichkeit: „Ich schaue auf mein krauses Dreieck, das wie eine Insel aus Seegras in der Badewanne schwimmt. Freue mich über das Leben, das wieder in mir wächst.” Na bitte: gar nicht mehr bitter.

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