Bitterfelder Bogen von Monika Maron, 2009, S. FischerBitterfelder Bogen.
Ein Bericht von Monika Maron (2009, S. Fischer, mit Fotos von Jonas Maron).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 30.6.2009:

Monika Maron und das schöne, neue Bitterfeld
Die Schriftstellerin Monika Maron besucht nach 30 jahren den Schauplatz ihres Debüt-Romans "Flugasche" noch einmal und ist begeistert. "Die schmutzigste Stadt Europas" ist heute ein moderner Chemiestandort

„B. ist die schmutzigste Stadt Europas“, hielt Monika Maron 1981 in ihrem Romandebüt „Flugasche“ fest: Eine Reporterin will über Gift und Dreck im Bitterfeld der 70er Jahre schreiben, die Wahrheit aber hat es schwer. Im Osten wurde der Roman verboten, im Westen gefeiert – womöglich, mutmaßt Maron heute, hat mancher Westler „B.“ mit Brokdorf verwechselt und das Braunkohle- mit dem Atomkraftwerk.

Maron, damals noch angestellt bei der „Wochenpost“ in Berlin, war selbst als Reporterin in den 70ern mehrfach im „B.“ des Ostens. Nun kehrt die Schriftstellerin zurück nach Bitterfeld. Und zur Reportage.

Die Berlinerin weiß Erstaunliches zu berichten. Von einer Gruppe linker Kreuzberger, die an Solarenergie glaubt, sich mit spitzen Fingern und tumben Vorurteilen einen Ex-McKinsey-Berater ins Boot holt, mit 40 Angestellten und viel Idealismus in Thalheim bei Bitterfeld beginnt und – einmal Luft holen! – heute ein börsennotiertes Unternehmen leitet, das 3000 Menschen Lohn und Brot gibt. Irre.

Windräder verschandeln die Landschaft

Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schriftstellerin Windenergie hasst, weil Windräder die Landschaft verschandelte, und auch Biogasanlagen nicht mag. Die Firma Q-Cells aber begeistert sie bis zu einem Punkt, an dem das Wort „verliebt” fällt. Dabei sind es weniger die ebenfalls ausführlich behandelten technischen Details der Produktion von Solaranlagen oder die wirtschaftspolitischen Feinheiten der Firmengründung, die Marons Bericht Strahlkraft verleihen, sondern die Begegnungen mit den damals handelnden Personen.

Der Thalheimer Bürgermeister Manfred Kressin berichtet, wie die Stadtoberen eine Viertelstunde hinter verschlossenen Türen ausharrten, bis sie alle Forderungen der Q-Cells-Gründer erfüllten: „Damit die nicht denken, wir hätten nicht gründlich überlegt.“ Dabei war man ja froh um jeden, der sich überhaupt ansiedeln mochte. Der damals arbeitslose Anlagenbauer (Ost) Uwe Schmorl erzählt von einem vermeintlich „vergeigten” Vorstellungsgespräch, in dem die Firmengründer (West) nur von sich selbst sprachen. Das kannte er noch nicht. Heute ist „Schmorli“ Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und Millionär. „Im autoritärpädagogischen Gefüge der DDR“, so Maron, blieben seine Führungsqualitäten „offenbar unerweckt.“

Gleichnis vom Untergang der DDR

Viele, viele dieser Menschlichkeiten fügen sich zu einem Bild, das 20 Jahre nach dem Mauerfall ein neues, schöneres Bitterfeld ergibt, eins mit blauem Himmel. Das Gewitter der Finanzkrise hat aber auch die einst so sonnigen Aussichten der Solaranlagenbauer erheblich getrübt; da ist Marons Reportage, deren Recherche im Februar 2009 endete, jetzt bereits Zeitgeschichte. Auch Q-Cells hat Kurzarbeit angemeldet.

Das Zeitgeschichtliche aber wird zeitlos, wenn man Marons Buch als Gleichnis vom Untergang der DDR und der Wiedervereinigung liest. Allerdings bejubelt sie diese so optimistisch, dass es in einer Zeit allgemeiner Miesepetrigkeit kaum zu glauben ist. Denn zumindest in seinen Vorurteilen ist Deutschland sich ja inzwischen einig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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