Bis
zum Ende B-Seite.
Roman von Jamal Tuschick (2003,
Suhrkamp)
Besprechung von Frank Kaufmann aus dem titel-magazin,
13.03.2004:
Kalter Blick eines Singles
Mit seinem unaufgeregten Szene-Jargon
erweist sich Jamal Tuschick in seinem dritten
Roman nach Keine große Geschichte (2000) und
Kattenbeat (2002) als ein zuverlässiger Chronist
seiner Generation.
Zu Anfang vermittelt Tuschik den Geschmack
der frühen siebziger Jahre: Beobachtungen der
Wirren einer Pubertät. Ort des Geschehens:
Plattenbausiedlung „Waldau“ mit dem
unvermeidlichen Einkaufszentrum, nordhessische
Provinzmetropole Kassel. Der „Lord“, einer der
„übrigen Siedlungsstrizzis, die ihre Haare so
trugen wie Marc Bolan oder die Musiker von Slade“,
war das große Vorbild: „Mit vierzehn war der
Lord ein Mann“, während der Ich-Erzähler „noch
voll am Arsch der Kindheit“ war, ein
„Konfuskopf“, dem der Lord den ersten Zungenkuss
arrangiert und der bald „auf Trebe“ geht:
Hannover, Frankfurt, wo die Szene größer war,
gar zu einem Lehrer zieht der jugendliche
Ausreißer zwischenzeitlich. Der Siedlungsbeat
der Siebziger steht neben ersten sexuellen
Erfahrungen: Peggy Sue, die es mit ihrem Freund
bis zur körperlichen Verwundung auf dem
Bastteppich treibt, Samira, deren Freund ein
Szenefürst war. Yvonne. „Ich stimulierte
Brustwarzen auf Klassenfahrten.“ Erfahrungen mit
Arbeiter- und Bürgerstöchtern folgen. Frühe
Prägungen. „Im Verlauf der folgenden Jahre
stellte sich heraus, daß mein Verhältnis zu
Mädchen stark von den Jungen abhing, mit denen
sie zusammen waren“, und die sich außerdem
„keinen Beitrag zur Verbesserung ihrer
Verhältnisse erwarten konnten“. All das führt
früh zu dem ewigen Stellvertreter, später dann
zum Single- und Szene-Gänger, der die Liebe nur
chaotisch und katastrophal beschreiben kann.
Siedlungsbeat und sexuelles Erwachen
Kaiman, der Zwillingsbruder, wächst bei
den vermögenden Großeltern in Herrenalb auf,
entwickelt sich in entsprechend großbürgerlichem
Milieu, das keine Selbstzweifel kennt. „Kaiman
hatte den Habitus eines
süddeutsch-kleinstädtischen Herrensöhnchens,
meine Manieren gehörten in eine nordhessische
Plattenbausiedlung.“ Der Kontrast der Herkunft
und die Gleichheit der Gene können größer nicht
sein. Doch eine Gemeinsamkeit haben sie: „Für
meinen Bruder und mich bedeutet eine neue Frau
zugleich ein neues Leben.“ „Mit 18 fiel er L. in
die Hände“, erfahren wir. Und das zur gleichen
Zeit, als Shauna, die kulturell beflissene
Bürgerstochter, den Ich-Erzähler zum Mann macht.
Später beginnt er ein Verhältnis mit L. „Obwohl
ich Kaiman hinterging, sah ich den Verrat nur
bei L. Ich glaubte, beanspruchen zu können, was
ihm gehört.“ Als Kaiman dann mit Viera geht und
schließlich S. kennen lernt, ist es aus mit L.
und auch der Ich-Erzähler wird nicht mehr
gebraucht. Auch spätere Beziehungen scheitern.
Der Porsche des Bruders steht vor einer Kasseler
Szene-Kneipe: „S. kommt mit Kaiman ins Chacal.
Sie ist so angezogen, daß eine Beschreibung ohne
das Wort Reisebekleidung nicht hinhaut. »Kaiman
hat Viera aufgegeben«, sagt S., als wollte sie
sagen, du kannst die Frau haben. Mein Kontakt zu
ihr genügt, um Kaiman zu entspannen. Ich bin
sein ewiger Stellvertreter.“ Die Überlegenheit
seines Bruders ist nicht zu übersehen: „Ihm
gehört alles.“
Distanzierte Erinnerungsprosa
Jamal Tuschick erzählt unaufgeregt im Szene-Jargon der Anti-Bürgerlichkeit, in einer Art Jugendsprache der Siebziger: etwas schnoddrig, cool und unangepasst kommt seine Erzählstimme daher. Heraus kommt eine distanzierte Erinnerungsprosa mit Lokalfärbung, die gleichzeitig vertraut und dennoch fremd wirkt. Der kalte Blick ist ihr wesentlich. Der Stil wechselt zwischen anschaulichem Bericht und stark verdichteten Passagen poetischer Bildlichkeit. Statt seelischer Abgründe erleben wir gesellschaftliche. Tuschick erweist sich wiederholt als zuverlässiger Chronist seiner Generation. Unter Verwendung einer Dramaturgie der Erinnerung gewinnt diese großstädtische Provinzprosa ihre Spannungsmomente aus der detailreichen, teils abstrakten Aneinanderreihung verinnerlichter Wirklichkeitsfetzen. Ein feines Gespür für soziale Unterschiede und Milieus, in dem der Erzähler die längst in tausend Stücke zerbrochene Wirklichkeit seiner Jugend wieder zusammenpuzzelt und mit Bedeutung auflädt, ist ihm eigen. „»Man kann das Personal seines Lebens nicht austauschen«, sage ich. »So oder so gehört jeder dazu, den man einmal an sich heran gelassen hat.«“
[...diese und weitere
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