Bis jetzt von Antonio Fian, 2004, DroschlBis jetzt.
Erzählungen von Antonio Fian (2004, Droschl).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse, Wien vom 5.6.2004:

Einer, der aufräumt
Wenn seiner die Kontrolle über sich und die anderen verliert, dann steht Antonio Fian bereit, um den Absturz mitzuschreiben. Sein Erzählband "Bis jetzt" eine Sammlung der Stolpersteine des Lebens.

Als Österreich noch etwas zählte in der Welt, entstanden aus den großen Dramen der Geschichte die großen Dramen der Literatur. Bei Franz Grillparzer scheitern die Mächtigen mit Anstand, die Geschichte überrollt ihre Akteure und macht aus ihnen traurige Helden des Untergangs. Dem geschichtsskeptischen Grillparzer tritt Nestroy zur Seite, ihm wird Geschichte zur Farce, später wird Karl Kraus zum zynischen Ankläger seiner Zeit.

Trümmer, so weit das Auge reicht, und nirgends ist ein Sinn der Geschichte auszumachen. So schlägt die Stunde des Antonio Fian. Er, der wütende Österreich-Chronist des Wahns und der Eitelkeit, der, Jahrgang 1956, für seine Gegenwart Spott und Hohn aufbringt und Österreich ins Hämische verzwergt, liebt in Wahrheit dieses sein Land. Nirgends sonst fände er die Großmeister der Mickrigkeit, die seinem Schreiben ständig frische Nahrung zuführen. So kennen wir Fian, so lieben wir ihn, er ist der Bösewicht, der stets verneint, wo alle anderen sich schon abgefunden haben mit der schläfrigen Durchschnittlichkeit eines mäßig aufregenden und von künstlichen Skandalen aufgeregten Landes. Seine kurzen Arbeiten schallen als schlecht gestimmte Fanfarenstöße über die Berge und durch die Wälder, und so mancher duckt sich kleinmütig, weil hier einer aufräumt mit der Unverbindlichkeit und unseriöserweise bekannte Namen dem Gelächter aussetzt. "Bartsch, Kernstock, Gruber, Grogger, Nabl, Rosegger, vor allem Rosegger", so meldet sich bei Fian ein ehemaliger "Dozent für österreichische Literatur", "spezialisiert auf die großen Steirer", zu Wort, auf dass er heimlich der Kleingeisterei bezichtigt werden darf.

Ein neuer Erzählband von Antonio Fian liegt vor. Ein neuer Erzählband? Nicht ganz, denn drei Bücher aus den Jahren 1987 bis 1990 sind hier zu einer kompakten Einheit zusammengefasst und um etliche verstreut publizierte und einige neue Erzählungen erweitert worden. Das bietet den Vorteil, dass man einen Autor, der seit Jahrzehnten als Hoffnung für die österreichische Literatur gehandelt wird, bei seinen vielen Versuchen beobachten kann, Eindruck zu machen. So hat der Band etwas von einem, der sich seiner Sache nicht recht gewiss ist und deshalb ständig neue Stimmlagen und Tonhöhen ausprobiert, als Clown vor sich hin kasperlt und dann als großer Tragöde auf Ernst macht. Er bedient sich der Satire, versteht sich auf das Handwerk der Ironie, er tritt als Stimmenimitator auf und erwartet Applaus für seine schrägen Einfälle. Einmal ist er
ein dunkler Fantast, dann ein Romantiker des Unheimlichen, einmal tritt er erdenschwer auf mit dem Gewicht der Welt beladen, dann gibt er uns zu verstehen, dass so tiefsinnig auch wieder nicht alles gemeint ist. Die Erzählungen sehen aus wie Dokumente aus dem Inneren eines Bewusstseins, das um jeden Preis Literatur schaffen will. Das zeigt diese ausgestellte Ernsthaftigkeit mancher Geschichten, die den Leser zum Grübeln verleiten wollen. Vor allem in den früheren Jahren ist Fian getrieben von der Absicht, in der skurrilen, ausgesucht abwegigen Episode das schrecklich Ernüchternde, das tragisch Verkorkste in Menschenleben hervorzuholen. Er überbietet sich an Einfällen, entwickelt auf kleinem Raum die Dramen des Unheils, und über allem lastet die Ausweglosigkeit, aber eine, die auf dem Programm steht. Sie gehört selbstverständlich dazu, weil sie zum Kalkül einer vorab ausgemachten Düsternis gehört.

Die Erzählungen sind auf Moll gestimmt, ihnen ist vorherbestimmt, Figuren, denen nichts Böses schwant, ins Unheil zu stürzen. Wie soll eine Geschichte, die mit dem ersten Satz das Drama des verlorenen Kindes beschwört, anders denn in der Katastrophe enden: "Als wir einzogen und keuchend Hausrat trugen in den dritten Stock, stand das Kind vor der Tür der Elternwohnung stumm und starrte uns an, die Augen hinter dicken Brillengläsern aufgebläht zu kleinen Schneekugeln, als kämen wir, schien uns, große Verwirrung zu bringen und Gefahr." Die Sprache spielt mit bei Fian in diesen Höllendramen auf Erdengrund. Deshalb trifft man auf lauter gefeilte Sätze, herauspoliert, dass sie im Licht glänzen, dass man geblendet von ihnen ihre Eleganz, ihre Schönheit erkennt. Verführerisch sehen diese Sätze aus in ihrer ausgedehnten Mitteilungsleidenschaft. Sie sind Präzisionsinstrumente, stoßen vor in die Mikrolandschaft einer Geschichte, bergen Detail um Detail, stauben liebevoll Einzelheiten ab, um sie adrett dem erstaunten Leser zur Ansicht freizugeben.

Darüber kann es schon geschehen, dass dem Autor der Überblick über das Ganze verloren geht, insbesondere in den jüngeren Arbeiten, in diesen langen Monologen, in diesen ins verkrampft Heitere sich flüchtenden Geschichten, wenn das ausgefuchst Schiefwinklige einer im Käfig ihrer monomanischen Haltung gefangenen Persönlichkeit zum Vorschein gebracht werden soll. Dann ist das Präzisionsinstrument Sprache, auf welches Fian so große Stücke hält, fehl am Platz. Es beißt sich fest an Einzelheiten, die keinen Rückhalt in der Welt haben, verloren im Raum stehen als Sprechblasen eines geschändeten, verwundeten, sich heillos in seine pathologische Stückwelt zurückziehenden Individuums. Fian braucht dringend als Widerpart zu den Denkfluchten die Welt, an denen sich dieses Denken bricht. Schickt er das mäandernde Denken auf den Weg, um es sich selber zu überlassen, verzettelt er sich ins Ungefähre, lauert er auf kleine Späße am Wegesrand.

In der Summe der Erzählungen finden wir einen Antonio Fian für jedermann und für alle Fälle: Einmal ist er der Jungautor auf dem Sprung zu einem Schriftsteller, der wuchtige Themen stemmt, dann der seine Fertigkeiten siegessicher ausspielende Verklausulierer alltäglicher Absonderlichkeiten, ein anderes Mal der unseriöse Liebhaber der Sprache, der die Wörter hart hernimmt, damit sie mehr verraten, als ihnen eigentlich auferlegt ist.

Was aber hält diese so unterschiedlich gebauten Erzählungen zusammen? Fian kümmert sich um jene Angelegenheiten, in denen der Wurm drinsteckt. Wenn das Räderwerk des Alltags knirscht, einer die Kontrolle über sich und die anderen verliert, wenn Verzweiflung und Hoffnung einander den Krieg erklären und von einem Tag auf den anderen das Leben auf eine abschüssige Bahn gerät, dann steht Fian bereit, um den Absturz mitzuschreiben. Er ist der Sammler der Stolpersteine des Lebens, und als solcher unverzichtbar. Eine schöne Steinesammlung ist im Lauf der Jahre zusammengekommen, und hinter der verschlossenen Vitrine ist sie schön anzuschauen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diePresse.com]

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