Bis ich dich finde von John Irving, 2006, Diogenes1.) - 3.)

Bis ich dich finde.
Roman von John Irving (2006, Diogenes - Übertragung Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 24.01.2006:

Jack und wie ihn die Welt sieht
"Bis ich dich finde": der neue John Irving ist dick, fast sogar ein Dickens.

I m letzten Teil dieses aus- ufernden Romans tritt die Therapeutin auf, die uns und dem durch Kontinente und Betten irrenden Helden erklärt, was nicht stimmt mit diesem Leben. Dr. Elena García ist die gute Fee. Und sie darf es auch deswegen sein, weil sie keinerlei erotisches Interesse am immer bereiten Körper des Jack Burns hat. "Sie sind zwar ein gewissenhafter Geschichtenerzähler", stellt sie fest, "aber ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass ich sie kenne." Dieses Gefühl teilt sie mit dem Leser. Jack ist die amerikanische Variante eines Mannes ohne Eigenschaften. Virtuos leidet er an dem, was wir seit Klaus Manns "Mephisto" als Hendrik- Höfgen- Syndrom kennen: nur Schauspieler sein. In diesem Falle einer aus Hollywood. Jack ist brillant in Transvestitenrollen, schwach im Rechnen und stark darin, jedermanns Liebling zu sein. Er gewinnt jedes Blickduell, besucht Fitness- Studios, isst kontrolliert und hat Sex, wenn er Entspannung braucht. Er braucht sie oft, denn "natürlich haben Penisse immer etwas vor". Fast 1200 oder besser zweimal sexhundert Seiten lang dominiert der kleine Er das große Ich. Oder verhindert es. Bis er in den analytischen Sitzungen bei Dr. Garcia beruhigt wird. Freud sei Dank, darf er sich alles von der Seele reden. "Ihre Therapie scheint ja geradezu Buchlänge zu haben", konstatiert denn auch eine andere Ärztin. Nie war John Irving so ausführlich wie diesmal. Jack Burns bekam nicht zufällig die Initialen von John Blunt, Irvings Geburtsnamen. Auch ihm fehlt der Vater, auch ihn prägte früher Sex mit älteren Frauen. Fast rührend widmete der 64- jährige Irving das Buch seinem Sohn Everett in der Hoffnung auf "die beste nur denkbare Kindheit".

Komik bis zum Umfallen

Das alles schadet dem Roman nicht, der sich nicht nur wegen seiner Dicke auf Dickens beruft. Im Gegenteil: Er ist genau von der Art, die Irving zum Synonym werden ließ für überbordendes Erzählen, für Komik bis zum Umfallen, für eine skurrile Personage, die seltsame Dinge tut wie wir alle, für dieses amerikanische Tempoerzählen also, das so schön überzeichnen kann und an dessen besten Enden wir Typen wie Owen Meany oder Garp einigermaßen gefestigt ins Leben entlassen, wobei wir auf dem Weg dorthin eine Menge erfahren haben über absonderliche Randgebiete.

Man frisst ihm aus der Hand

Man frisst Irving aus der Hand, wenn er diesmal quer durch Europas Kirchen Orgelmusik verordnet oder in Tätowierstudios führt. Und auch dorthin, wo man schon mit ihm war, folgt man ihm gern ein weiteres Mal: in die Rotlichtbezirke Amsterdams, ins Filmgeschäft, an variantenreich geformte Brüste, nach New Hampshire, in problematische Internatsschulen oder auf Ringkampfmatten.

Weil er noch nach der schönsten Abschweifung präzise und auch bei solchem Umfang frappierend ökonomisch zum Kern kommt, bleiben wir bei der Stange. Und auch weil noch jeder, der auftritt, so besondere Kennzeichen hat, dass wir ihn Hunderte Seiten später wiedererkennen. Wir behalten die mit Kuriositäten vollgestellte Kulissenwelt des Jack Burns in bester Erinnerung: Wie der Kinderpenis im Reißverschluss klemmte vorm Mädchenklo, wie Anne Frank zu Janis Joplin wurde und die Nutten nach Mitternacht andächtig in der Kirche standen, wie Bob Dylan den Soundtrack nölte. Und wie das lange erwartete große Finale noch größer geriet, weil einer wie John Irving nach wie vor die Register ziehen kann wie kein anderer.

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Leseprobe I Buchbestellung 0106 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Bis ich dich finde von John Irving, 2006, Diogenes2.)

Bis ich dich finde.
Roman von John Irving (2006, Diogenes - Übertragung Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl).
Besprechung von Matthias Altenburg in Die Zeit vom 30.3.2006:

Alles, was ihm einfällt
Bestenliste I: »Bis ich dich finde« von John Irving bietet unendlich ermüdendes Geplapper

Oh puh, ist das dick. Ich mein, was glaubt der Autor denn, was man sonst noch zu tun hat? Und wenn einer schon auf der ersten Seite mit Fremdwörtern nervt: »Signifikanter aber war, wie die Testergebnisse bewiesen, seine konsekutive Gedächtnisleistung…« Ja, wo sind wir denn?

Wir sind in John Irvings neuem Buch, das in Toronto beginnt und nicht aufhören will.

Es geht um den kleinen Jack und sein Leben. Die Mutter eine Tätowiererin, der Vater ein tintensüchtiger Organist, er selbst ein Erinnerungswunderkind. Jack wächst unter Frauen auf, wird missbraucht, zieht Frauenkleider an, lässt sich den Penis halten, wird ein berühmter Schauspieler… Ein nicht enden wollendes Geplapper ergießt sich da über den ungeduldiger werdenden Leser, ein so trostloser wie leichtfertiger Sermon. Es wird alles erzählt, was dem Autor gerade einfällt, aber nie das, was die Geschichte verlangen würde. Fahrig, unstrukturiert, als habe jemand sein Diktafon angestellt und hinterher die Abschrift nicht noch einmal angesehen. Aber ein Autor, der sich für seinen Text keine Zeit nimmt, stiehlt sie seinen Lesern.

Mein Gott, ja, Geschichten über Geschichten. Figuren über Figuren. Fette Huren, einbeinige Tätowierer, Pornodarsteller, saufende Rocker, mannstolle Lesben, geldgeile Nymphen, ein Kuriositätenkabinett. Wenn aber das Außergewöhnliche zum Normalfall wird, verliert es seine Kraft, und als Leser wundert man sich über gar nichts mehr. Etwas Schlimmeres kann einem Autor nicht passieren. Nicht, wenn er sooo dicke Bücher schreibt. Es ist, als würde man ein misslungenes Gericht mit Trockenpetersilie bestreuen – mit dem traurigen Effekt, dass das Elend nur noch deutlicher zutage tritt. So viele Worte, so wenig Welt.

»Wie von Emma prophezeit, war Jack Schriftsteller geworden, wenn auch einer, der an melancholischer Logorrhö litt.« Wenigstens diesen Satz, das hätte Irving wissen müssen, hätte er nicht schreiben dürfen. Nicht in diesem Buch. Ein Kritiker, der sich ein solches Zitat entgehen ließe, hätte seinen Beruf verfehlt.

Tausendeinhundertvierzig Seiten und eine volle Arbeitswoche später: Niemals habe ich mich bei einem so dicken Buches so gelangweilt. Niemals war ich so oft versucht, die Lektüre abzubrechen. Und nie habe ich so sehr bereut, es nicht getan zu haben. Ich habe durchgehalten, Wort für Wort, Seite für Seite. Jetzt warte ich auf die Verfilmung, um mir wenigstens diese zu ersparen.

Gut, höre ich, vielleicht keine große Literatur, aber autobiografisch sei das Ganze, eine Selberlebensgeschichte des armen, missbrauchten Menschen John Irving. Ja, Himmel, wen aber geht das Ganze dann etwas an, außer den Autor und seinen Therapeuten? Hätte Irving sich Zeit zum Kürzen genommen, wäre vielleicht eine nette Hundert-Seiten-Erzählung entstanden; so aber ist es nur ein dickes Nichts geworden. Keine Literatur, keine Unterhaltung, keine Autobiografie. Ein Sedativ im Gewand eines Entwicklungsromans.

Glauben Sie mir, die Leiden eines Kritikers können immens sein. Aber immer gibt es andere, denen es noch schlechter geht. Den Übersetzern, den Lektoren, den Korrektoren, all jenen, die von Berufs wegen verpflichtet waren, dieses Werk gleich mehrmals zu lesen, soll hier unser Mitgefühl gelten.

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Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt © Die Zeit/M.A.

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Bis ich dich finde von John Irving, 2006, Diogenes3.)

Bis ich dich finde.
Roman von John Irving (2006, Diogenes - Übertragung Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl).
Besprechung von Malve Gradinger aus dem Münchner Merkur, 20.6.2006:

Turbulenzen auf der Haut
John Irvings Familien-/Sex-Roman

Tätowierung! Es muss auf unserem Globus eine überdimensional große Anhängerschaft dieser eingebrannten, eingeritzten oder eingeschnittenen Körper-Musterung geben. Denn wie sonst, fragt man sich Haare raufend, hätte diese Schwarte "Bis ich dich finde" von Autor John Irving ein US-Bestseller werden können? Wer diesem epidermalen Dekor so gar nichts abgewinnen kann, muss sich regelrecht durch den Tätowierungs-Kompaktkurs des Start-Kapitels von immerhin 172 Seiten (hätten locker gereicht, für das, was das gesamte Opus zu sagen hat) durchknüppeln.

Langatmige Hollywood-Satire

Und auch bis zur bitteren letzten Seite 1140 (!) kommt die Kunst der Nadel, ihre diversen Techniken und unzähligen Motive aus Pflanzen-, Tier- und erotischen Fantasiewelten, mit Vorliebe an Bikinislipgrenzen und Kaiserschnittnarben - und noch weiter unten -, ausgiebig zur Sprache in diesem fetten Konglomerat, das sich als Familien- und Entwicklungs-Roman verstehen will, nebenbei auch noch als Satire auf das Hollywoodsche Filmgewerbe.

Alice, die Mutter des Helden Jack Burns - das Ich im Titel, hinter dem sich, nach eigener Aussage, zum Teil Irving selbst verbirgt -, ist nämlich Tätowiererin. Und weil sie von Jacks Vater, William Burns, einem mit Partituren schon fast totaltätowierten Kirchenorganisten, verlassen wird, reist sie ihm mit dem vierjährigen Kind hinterher. Die Route geht von Kanada nach Europa durch sämtliche Ost- und Nordseehäfen, wo Alice den Flüchtigen zum einen bei den Meistertätowierern zu finden meint, zum anderen in alten Gotteshäusern mit seltenen Orgeln.

Ganze Scharen von Tätowierern, Organisten, Orgelschülern, Prostituierten, Lesben, von Alice vernaschten Halbwüchsigen säumen diese Reise. Der Vierjährige lernt mehr, als ihm zuträglich ist. Zurück in Kanada steckt ihn die resolute Mama in eine Mädchenschule, wo Teenies den mädchenhaft hübschen Knaben als Studierobjekt ihrer erwachenden Begierde benutzen. Später wird er von seiner Sportlehrerin missbraucht.

Emma, eine ältere, sich zu seinem Schutze berufen fühlende Mitschülerin, hält immer nur seinen Penis (deutsche Übersetzung), auch später noch, als sie in Los Angeles in geschwisterlicher Partnerschaft zusammenleben; Emma inzwischen Drehbuchautorin und Jack Hollywoodstar in Transvestitenrollen. Dafür schläft sich Jack quer durch alle Betten. Unter dem Wiederholungsmusterzwang seiner ersten Sexerfahrungen bevorzugt er ältere Jahrgänge, von der hässlichen Tellerwäscherin bis zu Emmas Mutter Leslie. Obwohl diese, nach gescheiterter Ehe, die Geliebte seiner Mutter geworden war. Mannomann, so geht das Seite um Seite, Kapitel um Kapitel.

Das Hundsgemeine an diesem Wortdurchfall von abstrusen Sex-Aktivitäten und Beziehungen: Da ist nie ein Gefühl nirgends. Da ist nicht mal was schlüpfrig, nicht mal provozierend. Und jede Tele-Novela ist spannender als Irvings Gelaber über Hollywood. Vielleicht ist die Satire ja beim Übersetzen abhanden gekommen. Am Ende findet Moviestar Jack doch noch seinen alten Vater in einer Schweizer Klinik - nervlich und psychisch geschädigt von zu vielen Tätowierungen und Schicksalsschlägen. Der zentrale Schlag war der Verlust seines Sohnes, den ihm Alice aus Rache entzog: Sie war es, die vor William floh und nicht umgekehrt, erfahren wir endlich auf den allerletzten Seiten. Eine Entwicklung allerdings ist bei Jack nicht auszumachen. Aber vielleicht hat John Irving sich ja mit diesem seinem elften Roman eine Selbsttherapie verabreicht. Und die soll jetzt der Leser bezahlen?

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