Bis der Schnee Gewicht hat von Elke Engelhardt, 2015, POPBis der Schnee Gewicht hat.
Märchenmotive von Elke Engelhardt (
2015, POP Verlag).
Besprechung von Hellmuth Opitz für LYRIKwelt.de, Februar 2016:

Eine neue Suche gewinnen
Elke Engelhardts lyrischer Debütband „Bis der Schnee Gewicht hat“

Um mal gleich kopfüber in die Rezension zu springen: Gäbe es ein Ranking für die schönsten Gedichtband-Titel eines Jahres, würde Elke Engelhardt zumindest mit ganz oben auf dem Treppchen stehen. „Bis der Schnee Gewicht hat“ entfaltet poetische Kräfte, die Zaubersprüchen in Märchen gleichkommen, lässt Sprachmelodien anklingen, die innere Saiten anrühren wie die klassischen Märchenformeln á la „Es war einmal“ oder „…und wenn sie nicht gestorben sind.“ Märchenmotive sind der inhaltliche rote Faden dieser lyrischen Konzentrate. Elke Engelhardt greift bekannte Szenen auf, knöpft sich das Personal noch einmal neu vor und unterzieht das Ganze einem abenteuerlichen Mix. Das Durcheinanderwürfeln eröffnet ganz neue Blickwinkel auf die scheinbar bis in jeden Winkel ausgeleuchteten Motive. In „Die Geschichte vom Wolf“ übersieht der Wolf nicht aus Versehen das siebte Geißlein im Uhrenkasten, die Motivation ist eine andere: „Ich bin der Wolf, der sechs Geißlein gefressen hat/ damit das siebente eine Geschichte erzählen kann.“ Er habe nicht gewusst, „dass Kummer verrückt macht,“ und das übrig gebliebene Geißlein eine völlig falsche Geschichte erzählt vom Jäger, aufgeschnittenen Bäuchen und Rumpeldipumpel-Steinen: „Dumme Geschichten/ in denen Wölfe sich nicht vor Brunnen hüten/ als hätten sie keine Märchen gelesen/…“ Der Wolf als Märchenfigur und Rezipient zugleich.

Elke Engelhardt begeht nicht den Fehler, die ohnehin poetischen Märchenmotive mit lyrischer Ornamentik und überbordender Metaphorik noch toppen zu wollen. Ihre durchweg prosaische Sprache verblüfft eher durch die dramaturgischen Einfälle. Da werden diverse Märchen in einem kreativen Mash-Up durcheinandergewürfelt wie etwa in „Eine alte Geschichte“, wo sich Motivstränge des „Froschkönig“ mit „Schneewittchen“ mischen, da trifft das Personal des einen Märchenklassikers das eines anderen. Rapunzel trifft auf Hans im Glück, in einem kleinen Dramolett treffen sich Schneewittchen und Rotkäppchen wie desillusionierte Teenies vor einem mehrstöckigen Haus im Ghetto und besaufen sich mit Fusel. Ein Märchenmix im Cocktail-Shaker mit durchaus berauschender Wirkung. Natürlich stand die amerikanische Dichterin Anne Sexton Pate bei der Idee, Märchenmotive lyrisch neu zu beleben. Mit ihren poetischen Umgestaltungen klassischer Hausmärchen gelang es ihr, aus dem Bewusstsein des 20. Jahrhunderts heraus, diese Märchen mit feministischen Sinndeutungen über kindliche Sehnsucht, väterliche Gewalt und mütterlichen Schutz auf verblüffende und zugleich verstörende Weise zu aktualisieren. Anklänge davon finden sich auch bei Elke Engelhardt wieder, wenn auch nicht mit der Extravaganz der Grande Dame der Confessional Poetry. Ganz klar benennt Elke Engelhardt die Schultern, auf denen sie mit ihrer prosaischen Lyrik steht: „Später dieselben Märchen, diesmal mit mir als Erzählerin und Anne Sexton, die mir beim Vorlesen über die Schulter sah, und nach und nach immer mehr neue Fäden in meine Gedanken und in die alten Geschichten spann,“ heißt es im Klappentext. Aber Anne Sexton taucht – wundersam verwandelt – auch in den Gedichten von Elke Engelhardt als Person auf: „Ich traf diesen Mann./ Er hieß Anne Sexton/ und nahm mir den Whisky aus der Hand./ Du wist schön weiterleben, sagte er./ Es gibt noch so viel zu schreiben,/ und deine Koffer habe ich längst gepackt./ Aber du willst sie nicht öffnen, sagte ich./ Da lachte er und verschwand.“//  Anne Sexton als männliche Inspirationsquelle? „Er hatte mich um den einfachen Weg gebracht“, heißt es im gleichen Gedicht wenig später. Es ist eine der Stärken von Elke Engelhardts Gedichten, manche Sätze auch im Rätsel verharren, im Geheimnis stehen zu lassen.

Trotz aller Eigenständigkeit von Elke Engelhardt: Es lohnt sich, ihre Texte und die von Anne Sexton parallel zu lesen. Im Gedicht „Rapunzel“ von Anne Sexton heißt es:

Eine Frau,

die eine Frau liebt,

bleibt ewig jung.

Die Lehrerin

und die Schülerin

nähren sich eine von der andern.

So manches Mädchen

hat eine alte Tante gehabt,

die sie im Arbeitszimmer einschloß,

um die Jungen fernzuhalten.

Sie haben Rommé gespielt

Oder auf der Couch gelegen

und sich angefaßt, angefaßt

Alte Brust an junge Brust gedrückt…

Im Text „Rapunzel und Hans im Glück“ von Engelhardt treten die beiden Märchenfiguren in einen Dialog. Zum Schluss lässt sie ihn sagen: „Wie das Leben vorbeischlendert. Nichtsnutzig. Unbeschwert./Ungerührt./ Sie hatte Rapunzel für ihr Eigentum gehalten. Ich hielt sie für mein/ Glück. Als wir aufeinander trafen, trat das Leben ein Stück zurück./ Die Alte verlor alles. Ich verlor nur die Sicht. Und gewann eine neue Suche.“// Das Gedicht klingt wie eine Antwort, wie ein fernes Echo auf das Gedicht von Anne Sexton. „Eine neue Suche gewinnen“, genau das ist das Versprechen, dass Elke Engelhardts Debütband gekonnt einlöst. Wer sich als Leser darauf einlässt, wird lohnende Entdeckungen machen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0216 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Hellmuth Opitz