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Bildnis
eines Unsichtbaren.
Roman von Hans
Pleschinski (2002, Hanser).
Besprechung von Stephan
Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(NZZ):
Die Maske des schleichenden Todes
Hans Pleschinski verbindet Totenklage und
Bildungsroman: Bildnis eines Unsichtbaren
Das
Leben sollte ein Fest werden. Barocke Fülle sollte regieren. Versaille,
Hofkonzerte, Goldstickereien. Champagner,
Gemälde, Causerien. Im Spiegelsaal wogte die Festgesellschaft unter Lüstern.
Jeder sollte als Sonnenkönig im strahlenden Zentrum seiner eigenen Existenz
regieren. Pracht, Überfluß und Sinnlichkeit sollten herrschen. Vor allem
Sinnlichkeit. Doch dann kam Aids. Nun galt es, Contenance zu bewahren.
Hans
Pleschinskis Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ ist ein autobiographischer
Text. Der Ich-Erzähler „H. P.“ verfaßt die Totenklage auf seinen langjährigen
Lebensgefährten Volker. Der Münchner Galerist Volker Kinnius und sein jüngerer
Schriftsteller-Freund haben bis zum Ausbruch des Virus ein erfülltes
westdeutsches Bohème-Leben geführt. Nach Volkers Tod erzählt Hans die
Geschichte des Paares, läßt eine ganze Epoche wiederauferstehen und bezeugt
zugleich den langsamen Zerfall seines Freundes. Als junger Mann war Hans nach
Paris gereist, wo er mit einem französischen Liebhaber Versaille besichtigte.
Hans hat die opulente Königsresidenz zur Utopie seines Lebens erhöht. Der
regelmäßige Besuch im Schloß des Sonnenkönigs wird sein biographisches
Leitmotiv. Er berauscht sich an den Spiegelsälen, Boudoirs und Salons, durch
die ehemals die königliche Gesellschaft flanierte. Hier porträtierte der
Herzog Saint-Simon den gesamten Hofstaat: „Wer in Frankreich Marcel
Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ zuende gelesen hat und sich
wieder in einem Labyrinth verlieren möchte, greift oftmals später zu den
Erinnerungen des buckligen Herrn. Es existiert wohl kein Gefühl, keine
Tollheit, keine Art von Kummer oder Euphorie, die Saint-Simon nicht in seine
Zeilen gebannt hätte.“
Der
französische Herzog ist der heimliche Pate dieser Totenklage, dieser Suche nach
der verlorenen Zeit. Pleschinski erweist sich als vorzüglicher Chronist der
schwulen Bohème. Es ist eine Freude, dem stilvollen und gebildeten Erzähler zu
folgen. Mit preziöser, hin und wieder leicht gespreizter Feder, mit viel Witz
und Charme skizziert er eine Fülle von originellen Charakteren, die alle der
unbedingte Drang nach existentieller Freiheit kennzeichnet. Pleschinski verfügt
über ein großes Geschichtsbewußtsein. Er entwirft plastische Biographien von
zahllosen Nebenfiguren, die er sorgfältig in die anekdotenreiche Freske einer
Epoche einbettet, in der er viele poetische Atome kreisen läßt: „Unter der
Alarmanlage hatten sich die Staubpartikel gedreht.“ Durch einen mysteriösen
Magnetismus zieht der Erzähler immer wieder interessante Menschen an. All diese
Libertins verspüren einen fast unstillbaren Kulturhunger, der schnell auf den
Leser überspringt. Ligeti hören, Barockdichter lesen, Präraphaeliten
studieren, Madame Pompadours Briefe übersetzen!
Fasziniert
liest man ein unvergleichliches Panorama einer kultivierten Gesellschaft, die
antike Skulpturen über den Atlantik verschickt, mit der Lupe Händels
Notensystem entschlüsselt und morgens um halb vier in einer Dachwohnung mit
herrlichem Blick auf München Rotwein über ein frisch ausgedrucktes
Essay-Manuskript kippt. Ihre Bildungslücken interessieren diese Menschen mehr
als ihre Versorgungslücken. Pleschinskis Totenklage verflicht sich mit einem
Entwicklungsroman. Manchmal schimmert vielleicht ein etwas emphatischer
Kulturbegriff durch die spirituellen Abenteuer all der sympathischen
Freigeister. Wehklagen über ewige Musikberieselung, MTV-Formate und generell
aufziehende Geistesverkommenheit sind nicht sehr originell. Doch Pleschinskis
feine Ironie weiß den drohenden Bildungspathos schnell wieder abzufedern: „Ingeborg
Bachmann will Dein Leben kaputtmachen?“ Nur seine gelegentlichen Ausflüge
in die groß angelegte bundesrepublikanische Gesellschaftsanalyse geraten dem
Autor ziemlich oberflächlich, und die Kurzinterpretationen von Bildern,
Skulpturen und Theateraufführungen übersteigen leider selten das Niveau von
eilig hingehuschten Katalogtexten.
Doch
dem Erzähler geht es nicht um das fein Ziselierte. Der Text gewinnt seinen Reiz
durch eine fast schon trotzig zur Schau gestellte Authentizität. Angesichts des
Virus, der seinen Partner und die schillernde homosexuelle Szene zerstört, möchte
der Erzähler auf alle Schnörkel verzichten: „Nach dem Kunstfertigen steht
mir nicht der Sinn. Ich habe keine Wahl. Leben und Tod muß ich verbinden.“
Und eben darin liegt die außerordentliche Kraft dieses Romans. Ohne Larmoyanz
verfaßt der Erzähler eine bewegende Hommage an seinen verstorbenen Freund, der
wie die Inkarnation einer befreiten Epoche erscheint. Man spürt deutlich, wie
gerne der barocke Geist Pleschinski manieristischer Portraitmaler im prächtigen
Sonnenstaat einer glücklichen Bohème geworden wäre. Doch der tödliche Virus
hat ihn zu einem seltenen und würdigen Zeitzeugen einer untergegangenen
Gegenkultur gemacht. Die Spiegel in Versaille sind zerbrochen. Über die
Festgesellschaft hat sich die Maske des schleichenden Todes gelegt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1102 LYRIKwelt © Stephan Maus
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2.)
Bildnis
eines Unsichtbaren.
Roman von Hans
Pleschinski (2002, Hanser).
Besprechung von Markus
Bundi in der Literaturzeitschrift
Eiswasser:
Aufmerksamkeit ist das Gebet der Seele
Hans Pleschinskis eindrücklicher
Roman über das Verhältnis der Lebenden zu den Toten
Dreh- und Angelpunkt dieses Buchs ist der Tod des geliebten Freundes Volker, mit dem Hans, Figur, Ich-Erzähler und Autor in einem, 23 Jahre lang zusammen war. Eine Geschichte, die in den Siebzigerjahren ihren Anfang nimmt, die zur Hauptsache in München spielt, mit Aufenthalten in Paris an den jeweiligen Enden, dabei die Künste, alle Künste, breit ausfächert, zueinander in Beziehung setzt mit einer Leichtigkeit, die an das universelle Weltverständnis des 19. Jahrhunderts gemahnt.
Liebe und Tod, die beiden Grundmotive, ohne die kaum ein Roman auskommt, rücken in Pleschinskis "Bildnis eines Unsichtbaren" nahe zusammen - näher geht es kaum: "Ein Kuss glich dem Zuklappen des eigenen Sargdeckels. Jede Hingabe - falls sie die Psyche und der Körper noch zuwege brachten - hatte etwas von Selbstmord. Wen man liebte, den fürchtete man zugleich. Liebe war Tod, der echte, kein Bild, nichts Fernes, nichts, das jemand andern meinte." Gemeint ist die Zeit der großen Ungewissheit, als unter den Schwulen der Tod zu grassieren begann: Aids. Die Krankheit, von der man bald einmal den Namen kannte, die Symptome, nicht aber die Art der Übertragung, nicht die Größe des Ausmaßes. Von diesem anhaltenden Schrecken erzählt - unter anderem - dieses Buch: "Überall war es ähnlich, in London, San Francisco, München. Von der Silvesterfeier 1984 in Berlin - auf der alle 25 Gäste als Telefon verkleidet erscheinen mussten - lebt, bis auf mich, niemand mehr."
Weder Autor noch Buch setzen dabei auf Mitleid, eine Lebenswirklichkeit wird erzählt, einschneidend und unberechenbar, beide Hauptfiguren, Volker und Hans, betreffend, wenn auch nicht gleichermaßen. Volker, der um Jahre älter ist als Hans, sich lange als Kunsthändler betätigt hat und in seiner letzten Lebensphase Ausstellungen verwirklicht und Romane schreibt, ist infiziert, an Aids erkrankt, schluckt Medikamentencocktails und muss Operationen über sich ergehen lassen. Hans, mit der ständigen Unsicherheit im Nacken, hat es sich mit der Angst eingerichtet und 14 Jahre lang jeden Arztbesuch vermieden - "und das war nicht nur bei mir so". Als ein Bluttest unumgänglich wird, wird Hans unverhofft zum Hans im Glück, derweil sein Lebenspartner nur noch auf einem Schaumstoffring sitzend Auto fahren kann.
"Leben und Tod muss ich verbinden", lautet einer der wenigen Sätze, mit denen sich Pleschinski kommentierend als Autor zum Buch in den Roman einbringt. Der Satz bezeichnet das eigentliche Programm des Romans, einen Prozess, der Erinnern und Schreiben erzwingt. Eine Aufgabe, die angesichts des gesellschaftlichen Verhaltens gegenüber dem Tod fast unlösbar ist. Was meint Betroffenheit? Wie fühlt sie sich an? Wie lässt sich damit umgehen, leben? Dem Verschwinden des liebsten Menschen stellt der Betroffene Unauslöschlichkeit der Erinnerungen entgegen und findet diese im neuesten Telefonbuch bestätigt: "Volkers Name ist noch einmal hineingerutscht. Der Anschluss eines Geists: 29 52 41."
Die Verbindung - oder eine erste Annäherung - zum Tod gelingt dem Ich-Erzähler in Dialogen mit dem Verstorbenen. Für die Zeit des Übergangs erwecken Erinnerung und Fantasie Volker noch einmal zum Leben: "- ‹Ich glaube, hier entsteht etwas Unmögliches. Gespenstergespräche.› - ‹Würde ich nicht so sagen.› - ‹Ich hatte gehofft, das Leben würde, wenn man sich darum bemüht, ein Versailles, ein möglichst schönes Fest.› - ‹Einige Seiten hast du ja schon. Weiter!›" Das Aufklaren des Verhältnisses des (Über-)Lebenden gegenüber dem Toten, insbesondere aber gegenüber dem Tod schlechthin, macht den Zauber dieses Buches aus. "Aufmerksamkeit ist das Gebet der Seele." - Dieser Satz, einem französischen Moralisten entlehnt, findet sich mehrmals in Pleschinskis Roman, er ist gleichsam Schlüssel zum Programm, welches das Leben meint.
Damit ist der Hauptstrang von Hans Pleschinski eindrücklichem Roman skizziert; der Reichtum liegt, wie bei jedem herausragenden Buch, in der Lektüre. Die Aufzählung der verschiedenen Nebenfiguren, der Themen und der einzelnen Ereignisse hilft nicht weiter, würde das "Bildnis eines Unsichtbaren" nur verschleiern. So viel sei hinzugefügt: Dieses Buch atmet gerade wegen der Vielzahl von Nebensächlichkeiten, wie sie den Alltag markieren oder auch ein Jahrzehnt. Hier wirkt nichts gekünstelt, alles ist echt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.eiswasser.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Eiswasser.de