Bildnis der Mutter als junge Frau.
Erzählung von Friedrich Christian Delius (2006, Rowohlt).
Besprechung von Michael Opitz in freitag 16 vom 20.4.2007:

Glück im Unglück
In Friedrich Christian Delius´ Band "Bildnis der Mutter als junge Frau" stört ein Fremdkörper das Bild

Zwei Ratschläge gehen der jungen Frau nicht aus dem Kopf, die F. C. Delius auf ihrem Spaziergang im Januar 1943 durch Rom begleitet. In gebrochenem Deutsch empfiehlt ihr ein italienischer Arzt: "Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen laufen, der Kind sich freut, wenn Sie laufen". Der Satz stimmt zwar grammatisch nicht, doch die 21-Jährige, die im achten Monat schwanger ist, kann beherzigen, was ihr der Arzt empfiehlt. Sehr viel schwieriger lässt sich dagegen der Rat ihres Ehemanns umsetzen: "Nimm nur all das Schöne in Dich auf." Während dieser Satz grammatisch stimmt, fällt es der jungen Frau schwer, sich auf die Schönheiten Roms einzulassen. Diese beiden Empfehlungen werden von einem sich über 127 Seiten erstreckenden Satz zusammengehalten. Aus einem Endlossatz besteht Bildnis der Mutter als junge Frau, in dem ein ganzes Panorama von Beobachtungen, Ideen, Gefühlen und Erinnerungen aufgehoben ist. Während sich die junge Frau auf den Weg in die in der Via Siciliana gelegene Kirche macht, erinnert sie sich auch immer wieder an die beiden Ratschläge.

Delius begleitet nicht einfach eine literarische Figur auf einer Promenade und blickt dabei seiner Figur über die Schulter, sondern er wählt eine Perspektive, die es ihm ermöglicht, aus nächster Nähe ein Bild der jungen Frau und der Zeitverhältnisse zu entwerfen. Der 1943 in Rom geborene Autor, der in Berlin und Rom lebt, zeichnet das Bild einer jungen Frau, indem er sich zugleich ein Bild seiner Mutter erschreibt. Doch trotz aller Nähe, die die Erzählung zur eigenen Lebensgeschichte aufweist, wahrt der Autor in diesem Wechselspiel - der Titel macht es deutlich - eine gewisse Distanz. In der von ihm hergestellten Erzählsituation ist der Autor zugleich auch Adressat der Erzählung. Was er über seine Mutter weiß, findet Verwendung für das Bildnis der jungen Frau und was er über die Schicksale junger Frauen dieser Generation in Erfahrung gebracht hat, verwendet er auch für das Bildnis der Mutter.

In einer an Glück unendlich armen Zeit hat sich die junge Frau eine bescheidene Welt geschaffen, in der das abwesende Glück nur noch durch Zitate erinnert werden kann. Bei dieser Erinnerungsarbeit erweist es sich als vorteilhaft, dass sie die Fähigkeit besitzt, in die reale Wirklichkeit ein Bild aus der Vergangenheit zu projizieren. Als wäre sie neben ihrer Ausbildung als Kindergärtnerin auch von den großen Flaneuren in Erinnerungstechnik unterrichtet worden, beherrscht sie die Technik des Memorierens im Schlendern. Aber die von der jungen Frau entworfenen Bilder sind so fragil, dass ihnen durch den Glauben an einen gerechten Gott zu mehr Festigkeit verholfen werden muss. Und weil das auch noch zu wenig erscheint, muss sich zum Glauben noch die Hoffnung gesellen, damit die junge Frau nicht Gefahr läuft, an der Wirklichkeit zu verzweifeln. Denn ihr Glück ist nicht nur unvollkommen, es ist auch bedroht.

Sicher ist es Glück gewesen, dass ihr Mann nicht nach Russland, sondern nach Afrika abkommandiert wurde. Aber wie bescheiden und noch dazu aufs äußerste gefährdet ist dieses Glück. Es ist Glück im Unglück, weshalb Zweifel an dieser Art von verordnetem Glück berechtigt wären. Wie diese Frau allmählich anfängt, daran zu zweifeln, woran zu zweifeln verboten war, veranschaulicht Delius äußerst überzeugend. Dabei bedient er sich einer Sprache, die ähnlich sanft wie die Gehende dahingleitet. Er passt sich in der Sprache ihrem Rhythmus an, er führt sie durch Rom und wird zugleich von ihr mitgenommen auf eine Reise in eine Stadt, die er erst durch sie sehen lernt.

Zunächst kann sich die junge Frau in ihrer Naivität und vertrauend auf den Führer nicht so recht vorstellen, wie Deutschland aussehen würde, ginge der Krieg verloren: "Was sollte aus dem schönen Deutschland werden ohne Siege" ist eine Frage, die sie ebenso bewegt wie die, warum das Brot immer knapper wird, wo die deutschen Truppen doch immer mehr Land erobern. Allmählich bekommt ihr Deutschlandbild eine Schieflage, denn sie wagt es, hinter die Fassaden zu blicken. Rom, diese bemerkenswerte Lehrmeisterin, unterrichtet sie auch in dieser Technik des Sehens. Denn 1943 erweckt die von Bombardierungen verschonte Stadt einen geradezu friedlichen Eindruck, so, als hätte sie der Krieg noch gar nicht erreicht. Doch dieser Eindruck täuscht, denn was die junge Frau im Stadtbild sieht, widerspricht dem, was sie sehen soll.

Die durch den Krieg verursachten Leiden sind nicht zu übersehen. "Römische Freuden" können sich so nicht einstellen, auch deshalb nicht, weil in dem von ihr entworfenen Rombild ein Bein zu sehen ist, das da nicht hinzugehören scheint. Es ist das Bein ihres Mannes, und es weist eine Wunde auf, die nicht heilen will. Dieses Wundmal kann die junge Frau trotz erstaunlicher Fähigkeiten, über die sie sonst in Fragen der Memotechnik verfügt, nicht retouchieren. Aus welcher Perspektive sie auch auf die Stadt schaut - den Eindruck von Schönheit und Glanz stört das verwundete Bein, das sich wie ein Fremdkörper im Bild behauptet.

Delius hat eine emotional ergreifende Erzählung mit biographischen Anklängen geschrieben, die sich über den subjektiven Rahmen hinausbewegt, der durch die Lebensgeschichte des Autors vorgegeben ist. Das Bild der jungen Frau weist die Züge von Delius´ Mutter auf. Zugleich wird aber auch die Zeit sichtbar, die an diesem Lebensbild mitgezeichnet hat. Eine große, eine großartige Erzählung, die an Größe gewinnt, weil es Delius gelingt, in diesem Einzelschicksal die Lebenswege von Frauen einer Generation zu spiegeln. Die Frau, die auf dem Bildnis zu sehen ist, ist von überzeugender Unschuld - daran lässt Delius keinen Zweifel aufkommen -, aber unschuldig spricht er sie nicht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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