bildgebendes verfahren von Christl Greller, 2009, Resistenz1.) - 2.)

Bildgebendes Verfahren.
Gedichte von Christl Greller (2009, Resistenz Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer aus Rezensionen-online:

Christl Greller zieht den Leser mit dem Titel "bildgebendes verfahren" in eine Zone, wo eigene Gesetze herrschen. Schon im ersten Gedicht tönt dieser fröhliche Trotz hervor, wenn eine Lyrikerin in der Großstadt schwer lenkbar durch die Motive und Gedanken huscht, ehe sie schmunzelnd ein Motto für sich selbst ausgibt: "muss ich meine buchstabensuppe / alleine auslöffeln..." (7)

Dieses lyrische Ich wird an manchen Tagen gebeutelt von Kälte, Frost und fernen Frostbeulen, die man auf den ersten Blick einer Stadt und in ihr erträumten Gegenden gar nicht zumutet.

Mit dem Gedicht "Vivisektion" (24) lässt sich vielleicht die Vorgangsweise verstehen, mit der die Autorin Zeilen aufsetzt, aber sie im gleichen Augenblick von innen her aufsprengt, wie es gefrorenes Wasser in Felsklüften tut.

In Vivisektion ergeben die Schatten der Bürokratie ähnlich einer Struktur am Röntgenschirm einen Umriss, der auf Anhieb nichts mit einem Individuum zu tun hat. Andererseits jedoch "durch-scannt" diese lyrische Figur den Scanner der Allgemeinheit, ohne deshalb etwas aus dem Reich der Geheimnisse zu verlieren. In der Lyrik sind viele per Du, aber die meisten nagen am Ich, könnte man salopp formulieren.

So sind auch viele Gedichte knapp an einer Tagesnotiz angesiedelt, die sich wie zufällige Funde der Beobachtungslust geben. Donners Groll, Gespenster, Vorweihnachtsabend, Abhören, Fremdhören sind solche Beispiele, wo scheinbar zufällig ein Bild entsteht, aber schon längst Rhizom-artig es die Dinge miteinander zu tun kriegen.

Und zwischendurch lugt das lyrische Ich aus den Ritzen des Beobachteten, befasst sich mit der eigenen Lage und lässt sich dann behutsam von den Ereignissen zudecken.

"zu wenig// in den spalten und rillen, wo / die zeit ein wenig, ein / kleinwenig einreißt / in ihren winzigen / sprüngen und rissen suche / ich mich und mein zuhause. / so wenig nur für mich / so wenig bleibt. mit den fingerspitzen / das mauerwerk der zeit abtasten, / verzweifelt hastig, / die lücken, die ritzen wenigstens, / spüren aufspüren, / die rückzugsspalten, so wenige nur. zu wenig zum / leben." (26)

Vielleicht sind Lyrikerinnen immer Vertreterinnen einer Mangelwelt, es gibt zu wenig von ihnen, sie leben oft in prekären Verhältnissen, sie sind umgeben von diesem Zuwenig, das sie manchmal vom stolzen Bewusstsein ausschließt. Aber andererseits liegt gerade in diesem Zuwenig dieses Geheimnis, das uns Leser so mit-zittern und für die Geheimnisträgerinnen hoffen lässt.

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bildgebendes verfahren von Christl Greller, 2009, Resistenz2.)

Bildgebendes Verfahren.
Gedichte von Christl Greller (2009, Resistenz Verlag).
Besprechung von Markus Jäger aus Rezensionen-online *bn*:

Von Selbstmitleid und warmherziger Naturlyrik getragener Gedichtband.

Die Autorin beginnt mit dem wenig lyrischen Text "literarische szene wien", in welchem sie davon spricht, dass sie ihre "buchstabensuppe" selbst auslöffeln muss. Dieses "muss" schimmert in vielen Texten durch - sie scheint sich zum Dichten zwingen zu müssen. Sie wühlt "fingerkuppenblutend" durch "Spracherde" und das Lesen resultiert wiederholt in einem Schuldkomplex: Als müsse man sich bei der Autorin entschuldigen für die Qual, die sie für ihre Leserschaft erdulden musste.

Die Hass-Liebe im Gedicht "wien" mag nicht von all ihren LeserInnen geteilt werden, aber eine Stadt auf diese leidenschaftliche Weise zum Körper umzufunktionieren, zeugt von einem fantasievollen Blick auf die Welt. Auch Grellers poetische Landschaftsbeschreibungen vermögen zu überzeugen; ihre Naturverbundenheit scheint ein maßgeblicher Faktor zur Sprachfindung zu sein.

Eindeutig eine Enttäuschung an dieser ambivalent zu betrachtenden Publikation ist die offensichtlich billigst mögliche Aufmachung dieses Buches. Gerade unter der Fangemeinde lyrischer Texte finden sich vor allem LeserInnen mit einer besonderen Hingabe zu liebevoll gestalteten Gedichtbänden. Dies findet beim vorliegenden Band keine Erfüllung.

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