Bilder von Ingmar Bergman, 1991, KiWiBilder.
Memoiren von Ingmar Bergman (
1991, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Jörg Scherzer).
Besprechung von
Eckhard Weise in Kindlers Neues Literatur Lexikon, Band 21, Supplement A-K, München 1998:

LATERNA MAGICA. – BILDER
(schwed.; Ü: „Mein Leben“. – „Bilder“). Memoiren in zwei Teilen von Ingmar Bergman, erschienen 1987 und 1990.

Mit seinem Alterswerk, dem Film „Fanny och Alexander“, 1981/82 („Fanny und Alexander“), dem 1983 eine Drehbucherzählung gleichen Titels folgte, hatte Bergman in seiner einzigartigen Laufbahn als Drehbuchautor, Filmschöpfer, Theaterregisseur und Schriftsteller zwar die beschwerliche Kinoarbeit beendet, aber das Filmszenarium bildete erst den Anfang einer Reihe von Lebenserinnerungen, fortgesetzt zunächst von dem Band „Laterna magica“. Einem mit hochentwickelten Sensorium und minutiösem Gedächtnis ausgestatteten Autobiographen gelingt es hier, die Spuren seines Lebens bis in die früheste Kindheit zurückzuverfolgen, ihre Gerüche, Klänge, Lichtquellen nachzuempfinden, das intensiv erlebte Gefühl zu beschreiben von »Geborgenheit und Magie« in Großmutters Winter- und Sommerheimen. Manche der Kindheitsschilderungen – insbesondere die Reminiszenzen an Feste und Spiele – gleichen den Bildern aus „Fanny och Alexander“ bis ins Detail; der Leser wird verstehen, warum Bergman die Kindheit als Werkstatt seiner Kinoarbeit bezeichnet. In der Aufzeichnung seines bisherigen Lebens jedoch verblassen die Lichtgestalten seiner Jugend angesichts der Überzahl der Quälgeister aus dem Reich der Finsternis, mit denen Bergman seit der Pubertät leben muß. Er ist umgeben von Machtmenschen, die ihn zutiefst verletzten: tyrannische Lehrer, ein sadistischer Bruder, der mit Schlägen strafende Vater, die mit Liebesentzug drohende Mutter. In dem Bestreben, die Willensstärke ihrer Kinder zu lähmen, erhielten die »alles überschattenden« Eltern Beistand von einem Erziehungssystem, das auf Ausbildung eines beständig wirkenden schlechten Gewissens setzt. Bergman erinnert sich an seine Dämonen, die er mit zwanghaftem Eifer zu bändigen sucht: die Angst vor Gott und allen ihm nachgeordneten Instanzen, vor Versagen, Erniedrigung und Eifersucht, die Abscheu vor der eigenen Gestalt.

Bergman befreit sich aus dem »eisernen Korsett« Schule und entflieht auch der Hochschule in die verlockende Welt von Bühne und Filmstudio. Doch auch dort lauern unbarmherzige »Erzieher«, die es darauf abgesehen haben, einen unsicheren Künstler zu demütigen. Manchen seiner Peiniger glaubt Bergman zu entkommen, indem er mit ihnen bricht. Den Eltern verweigert er über Jahrzehnte den Kontakt; und nach dem Vorwurf des Steuerbetrugs verläßt er im Jahre 1976 sein Land, um als »Exilant« neun Jahre in Deutschland zu leben. Schließlich ist es das schlechte Gewissen, das Versöhnungen anbahnen soll: dem Vaterland kann er rasch verzeihen, dem Vater erst sehr spät, und dann wird ihn der Zweifel martern, ob der Vater dem Sohne vergeben konnte. Der Frage nach Vergebung der Sünden weist Bergman eine zentrale Bedeutung zu. Den Eigenanteil am Bruch mit den Eltern behandelt er zögerlich, unerbittlich erscheint dagegen die Betrachtung seiner gescheiterten Ehen. Reumütig gesteht er sein Fehlverhalten ein, und wenn ein betrogener Betrüger schildert, wie er bis zur Selbstverleugnung schuften muß, um drei Frauen mit sechs Kindern zu ernähren, so klingt nur verhalten Selbstmitleid an. Heute erkenne er den Mann von damals nicht, schreibt Bergman, jenes Wesen, das ohne Liebe in »einem geschlossenen Raum« gelebt habe, der ihn zu ständiger Untreue zwang. Wiederholt habe ein überforderter Familienmensch die Einsamkeit des Künstlerlebens gesucht, so wie sich der vereinsamte Künstler nach der Geborgenheit im Ensemble sehnte. Solch »stark erotisches Handwerk« wie die Arbeit mit der Kamera hätte dazu beigetragen, Ehen zu zerstören und den verlassenen Partnern doch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – nämlich im idealisierten Bild der Ehefrau auf Zelluloid.

„Fanny och Alexander“ endete mit einem Happy-End: Alexander überwindet das Reich des Bösen und kehrt zurück ins Elysium wahrer Sinnesfreuden und Künste. Der Autobiograph notiert, was aus der realen Welt eines erwachsenen Alexander geworden ist: Sinnesfreuden hat er erahnt »im Suff oder im Orgasmus«, und die Kunst erfährt er als harten Broterwerb mit beträchtlichen Fehlschlägen. Bereits zu Beginn beschreibt Bergman die zunehmenden Beschwernisse des Alters während der Neuinszenierung von Strindbergs „Traumspiel“. Sein Abgang werde in Schritten erfolgen, aber er sei neugierig darauf, was ihn weiterhin erwarte. Es ist diese Art der Neugier auf Unbekanntes, worin sich die Gemeinsamkeit zeigt, die noch der Siebzigjährige mit seinem Filmhelden teilt. Bis ins hohe Alter gelingt es Bergman, sich wie Alexander »aufzuspalten«, um in verschiedenen Wirklichkeiten zu existieren, und er vermag die Worte fremder Sprachen zu deuten, weil er ein Ohr hat für Zwischentöne. Die Form von „Laterna magica“ selbst ist Ausdruck dieser Fähigkeiten.

Mit der Abkehr von den Grundregeln unseres Raum-Zeit-Gefüges gibt er zu erkennen, daß ihm weniger gelegen ist an dem Resümee eines Weltstarlebens als vielmehr an einem weiteren Versuch des Künstlers, sich als Reisender in Neuland zu begeben. Mit dramaturgischem Geschick erkundet er Innenräume vornehmlich mit solchen Mitteln der Sprache, die seiner Kinematographie gleichen; er lotet sie aus mit Hilfe von Ellipsen und Assoziationsmontagen, modelliert aus Sinneseindrücken und Erinnerungsfragmenten Szenerien voller Leuchtkraft. Momentaufnahmen, rätselhafte Skizzen wie glasklare Miniaturen von Trauerarbeit fügen sich zum mosaikartigen Abbild eines Menschen unserer hochindividualisierten Epoche, der die Wahrheit seiner selbst, das Geheimnis ergründen will des Einsamen, der mit der Insel Fårö einst sein »wirkliches Zuhause« fand, gleichwohl weiter sucht nach Wegen zu den entfernten Mitmenschen und zum Kind in ihm, das allzu früh das Weinen verlernt hatte.

Erscheint dieser erwachsen gewordene Alexander im Rückblick noch so erbarmungswürdig, ist er doch dem selbstvergessenen Tagträumer des berühmten Leinwandepos in einem wesentlichen Punkt überlegen: Er vermag mehr als bloß in imaginierten Welten zu wandeln, denn es gelingt ihm, seine Wandlungserfahrung zu vermitteln in einer Sprache, die »von Seele zu Seele« verstanden wird. So ist mit Bergmans Schilderung schmerzlicher Lebensstationen auch der Bericht über das Erlernen dieser besonderen Ästhetik von Wort und Bild verbunden, welche zu überlebenssichernden Erfolgen führt. Zu den eindrucksvollsten Teilen des Buches gehören daher die präzisen Porträts seiner Vorbilder auf der Bühne, vor und hinter der Kamera wie im Leben – all die Lehrmeister, die ihm, dem »Autodidakten und Dorfgenie«, Professionalität vermitteln: von Strindberg bis zum guten Freund Helander. Der Arzt Helander rät dem sterbenskranken Bergman eines Tages, die rasenden Dämonen nicht länger anzufeinden, sondern sie anzunehmen. Vielleicht verdanken wir diesem klugen Rat Bergmans beste Werke, in denen es ihm glückte, seine Dämonen vor den Wagen der Kreativität zu spannen. Dort haben sie offenbar segensreich gedient – der Kunst wie auch ihrem Schöpfer, der erleichtert feststellen kann, nach fast 60jährigem Inferno endlich einen Zugang zur eigenen Gefühlswelt gefunden zu haben.

Laterna Magica von Ingmar Bergman, 2003/2011, Alexander-VerlagIn „Laterna magica“ berichtet Bergman über vieles aus seinem Leben, der am Kinowerk interessierte Leser indes erfährt wenig über die beinahe 50 Filme. In diesem Defizit läßt sich einer der Gründe erkennen, die Bergman bewogen, die Autobiographie um einen zweiten Teil zu ergänzen. Ein für ihn noch gewichtigeres Motiv mag in dem Bedürfnis gelegen haben, die eigene Einschätzung seiner Filme aus der 68er-Zeit, dokumentiert in dem Band „Bergman om Bergman“ (1970), zu überprüfen.

Erneut also stellt sich Bergman den Fragen eines Journalisten und reflektiert über seine Werke in ausgiebigen Gesprächen. Diese bilden die Grundlage des Buches „Bilder“, auch wenn der Fragesteller darin nicht mehr erscheint. Es bleiben Bergmans Auskünfte, die vertieft und erweitert werden durch Auszüge aus seinen Arbeits- und Tagebüchern, vor allem aber um nachträgliche Aufzeichnungen, in denen sich der Autor bemüht, die wohl als zu vage empfundenen Erinnerungssplitter um möglichst klare Urteile zu ergänzen. – Ähnlich wie in „Bergman om Bergman“ erzählt der Autor von den für ihn gelungenen Filmen, den akzeptablen wie den mißratenen. Hierbei fällt auf, daß sich Bergman in der Schärfe seiner Kritik kaum unterscheidet vom damaligen Interviewband – manche seiner Einschätzungen erscheinen noch gnadenloser als einst. Im Gesamtzusammenhang betrachtet, wird gleichwohl deutlich, daß Bergmans Informationen aus den Sphären von Seele, Körper und Geist durchaus korrespondieren mit seiner ästhetischen Konzeption, die den Schöpfer wie den Rezipienten eines Films eben in dieser »Dreifaltigkeit« begreift – mit Betonung derjenigen Sinne, die es erlauben, die Optik der Leinwand als Zeichensprache der Psyche zu entziffern. Gegenüber den Marginalien in „Laterna magica“ verdeutlicht Bergman seine Intention, »in die Geheimnisse hinter den Wänden der Wirklichkeit einzudringen«. Genau hierin liegt die herausragende Qualität von „Bilder“; ein wegen seiner Erfolge weltbekannter Künstler unterzieht jede seiner Arbeiten einer unerbittlichen Überprüfung auf die Frage, was er von seinen ursprünglichen Absichten tatsächlich habe erreichen können. In einem für ihn »grauenhaften Spaziergang« durch die Landschaft seiner Filme veranschaulicht Bergman insbesondere die eigenen Hemmungen, die Dämonen seiner Filmhelden darzustellen, namentlich jene aus dem verdrängten Bereich der (Bi-)Sexualität.

Die Auszüge aus den kryptisch anmutenden Arbeitsbüchern erweisen sich im Kontext gelesen als Beleg dafür, daß Bergman nicht bloß aus dem Blickwinkel altersweiser Könnerschaft auf sein Werk schauen möchte, sondern auf das, was er hätte erreichen wollen und können, wenn er mutiger und radikaler gewesen wäre. Daß seine ästhetischen Kriterien nicht allein dem Reich des Wünschbaren entstammen, erläutert uns ein produktiver Zweifler an denjenigen – wenigen – Werken, die es schafften, »in eine unerprobte Dimension der Tiefe vorzustoßen«: „Persona“ (1965) und „Visknigar och rop“, 1971/72 („Schreie und Flüstern“). Vom Stolz auf diese Glanzlichter ist Bergmans Buch getragen sowie vom Bedauern darüber, daß er mit einigen anderen guten Filmen nur in die Nähe jener »Traumfilme«/»Filmträume« gelangen konnte, diesen wahren Manifesten desjenigen Künstlers, der von sich behaupten kann: Eigentlich wohne ich ständig in meinem Traum und statte der Wirklichkeit Besuche ab.«

AUSGABEN: Laterna magica: Stockholm 1987. – Bilder: Stockholm 1990. ÜBERSETZUNGEN: Mein Leben, H.-J. Maass, Hbg. 1987. – Dass., ders., Reinbek 1992 (rororo). – Bilder, J. Scherzer, Köln 1991. LITERATUR: Laterna magica: M. Matussek, Schreie und Flüstern (in Stern, 30. 7. 1987, S. 76–86). – U. Jenny, Hals über Kopf durch den Abgrund des Lebens (in Der Spiegel, 14. 9. 1987). – P. Demetz, Neurosen des Pfarrhofs (in FAZ, 9. 1. 1988). – W. Allen, Through a Life Darkely (in New York Times Book Review, 18. 9. 1988). – Bilder: A. Everding, Wahnsinnsträume aus den »Eingeweiden der Seele« (in Welt am Sonntag, 6. 10. 1991). – P. Buchka, Eines langen Lebens Reise in das Licht (in SZ, 11./12. 1. 1992).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0311/0811 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Kindler Verlag GmbH & Eckhard Weise