Biedermeier.
Roman von Ernst Molden (1998, Deuticke)
Besprechung von Uwe Schütte aus Rezensionen-online *LuK*:

Ungutes aus der guten alten Zeit

Mädchenschänder und Kinderpornographie gab es auch schon in den Zeiten vor dem Internet. Wer das noch nicht wußte, kann in Ernst Moldens Roman den authentischen Fall des Fürsten von Kaunitz-Rietberg nachlesen, der im biedermeierlichen Wien reihenweise präpubertäre Mädchen vergewaltigte und sich eine Privatgalerie mit Aktbildern Minderjähriger anlegte. Leser mit ähnlichen Neigungen wie Kaunitz werden an "Biedermeier" zwar keine Freude haben, wenngleich das Umschlagfoto - es zeigt ein junges Mädchen, das mit gespreizten Beinen in weißer Strumpfhose auf einem Sessel sitz - zunächst anderes vermuten läßt.

Denn die Geschichte um die Verbrechen des Grafen und die Bemühungen des Polizeidirektors Siber, dem Adeligen das Handwerk zu legen, Molden erzählt sie vornehmlich als Kampf zwischen den beiden Antagonisten. Details der sexuellen Übergriffe des Grafen werden ausgespart, von seinen Opfern und ihren Leiden erfahren wir wenig bis nichts. Einzige Ausnahme ist das zwölfjährige Annerl, doch die wird vom Grafen im erzählerischen "off" mißbraucht und schweigt seitdem. Das soll zwar die Schwere ihrer psychischen Verletzung demonstrieren, legt aber eher Zeugnis dafür ab, daß die Opfer in Moldens Roman im wahrsten Sinne keine Stimme haben.

Freilich, Pädophilie ist ein literarisch schwieriges Terrain. Als Autor möchte man weder Voyeure ansprechen, noch in falschen Verdacht geraten. Ludwig Fels packte das Thema letztes Jahr in "Mister Joe" in einer Weise an, die vor detailliertesten Beschreibungen nicht zurückscheute, zugleich aber keinen Zweifel am Standpunkt des Autors aufkommen ließ. Das bewies Mut, und Fels mußte dementsprechend viel (und größtenteils ungerechtfertigte) Kritik einstecken.

Molden hingegen geht lieber, in jeder Hinsicht, auf Nummer sicher. Sein Roman bewegt sich in bekanntem und bewährtem Gelände. Stichworte: Krimi, Kaiserzeit, versetzt mit einem Schuß Habsburgermythos. Die höchstkaiserliche Order, an Kaunitz ein Exempel zu statuieren, setzt die Handlung in Gang. In deren Verlauf kommt, trotz des absehbaren Endes, durchaus Spannung auf. Molden beherrscht sein Handwerk, versäumt es so auch nicht, sein ernstes Thema fachgerecht mit einer angedeuteten Liebesgeschichte zu kontrapunktieren.

Fachgerecht auch die Unterminierung der klischeehaften Figurentypisierungen des Krimigenres: Der Bösling Kaunitz, der uns anwidert, wenn er bei seinem ersten Auftritt über die erotische Anziehungskraft einer kindlichen Ellbeuge philosophiert, stellt sich am Ende als empfindsamer, gar tränenvergießender Sentimentalist heraus, der im Grunde unschuldig ist, weil er die Folgen seiner Taten gar nicht realisiert. Selbstredend erfahren wir auch den Grund für des Fürsten pädophile Neigungen: nicht daß er, wie die Mehrheit der wirklichen Pädophilen, selber in der Kindheit mißbraucht worden wäre, nein, eine unschuldige erotische Begegnung als Dreizehnjähriger mit einer Gleichaltrigen war es, die sich von bleibender Prägung erwies. Das alles macht aber keine differenzierte Figur aus Kaunitz, sondern eine konstruierte, verkorkste.

Auch Siber, beamteter Verfechter von Recht und Ordnung, will übrigens nicht ganz der Rolle des selbstsicheren, rationalen Detektivs gehorchen, die der traditionelle Krimi erfordert. Als Bösewicht stellt er sich zwar nicht heraus - das wäre für dieses Buch dann doch ein wenig zu abenteuerlich gewesen - wohl aber als ein verletzlicher, verletzter Charakter, ganz wie Kaunitz und genauso wie dieser auf der Suche nach Liebe, Glück und Geborgenheit.

Keine billige Schwarzweißmalerei also, billig aber irgendwie dennoch. Paradigmatisch deutlich wird die Malaise des Romans am Porträt der Polizeibehörde. Haben wir nicht gerade erst in Turrinis Debutnovelle von der Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy alles über das Spitzelwesen unter Metternich gelesen, von der Theaterpolizey und all den anderen absurden Auswüchsen des Naderertums? Doch Turrinis kleines Prosastück will Komödie sein und überzeichnet die Verhältnisse dementsprechend. Molden optiert sozusagen fürs ernste Fach, sein Bild des Vormärz als einer harmlos-beschaulichen Angelegenheit, in der aufrechte Ordnungshüter dekadente Hochadelige verfolgen, ist aber kaum weniger verzerrend. "Verlogen und aufstiegsbewußt sind (die Wiener), weshalb sie sich gut zu Spitzeln und Gehilfen machen lassen", urteilt Siber zwar einmal durchaus zutreffend. Doch mit dieser kritischen Bemerkung über das Spitzelwesen hat es dann mehr oder weniger sein Bewenden.

Das beschönigende Bild Moldens entspringt vermutlich nicht historischer Unkenntnis, eher schon dem Zwang, die die Gerechtigkeit verfechtende Polizeibehörde nicht zugleich als Unterdrückungsapparat desavouieren zu können. Natürlich gehört es zum Recht jedes Autors, geschichtliche Fakten nach erzählerischer Maßgabe zu adaptieren. Aber erwartet man sich von einem Buch, das erklärtermaßen antritt, einen authentischen Fall zu schildern, nicht auch ein akkurateres Bild der historischen Verhältnisse, in denen er sich zutrug?

Nun könnte man zu Recht einwenden, daß der Erzähler des Romans ja nicht Molden ist, sondern der pensionierte Polizeidirektor. Und von Siber kann schließlich kaum erwartet werden, ein (selbst)kritisches Bild seines Berufes und seiner Epoche zu geben. Ein geschickter Kunstgriff des Autors, aber zugleich ein Ausweichmanöver. Und darüber hinaus wenig ausgegoren. Geschrieben ist der Roman nämlich in einer flüssigen, gut lesbaren Sprache. Von der bedächtigen Breite biedermeierlicher Autoren oder dem umständlichen Amtsdeutsch, das man von einem Beamten wie Siber erwarten würde, findet sich darin keine Spur. Biedermeierliches Ambiente wird lediglich simuliert; nicht eine Feder hört man übers Papier kratzen, sondern nur das Klappern einer Tastatur.

Wer primär zu Büchern greift, um ein paar Mußestunden auszufüllen, braucht sich durch diese Kritik nicht stören lassen und wird kurzweilige Unterhaltung aus Moldens Roman beziehen. "Biedermeier" ist bestes literarisches Kunsthandwerk. Eine Form kreativen Schaffens, die auf vorgefertigte Erwartungen mit bewährten Mustern reagiert und viel mit schriftstellerischem Handwerk zu tun hat, wenig aber mit Kunst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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