Bevor Max kam.
Roman von Michael Köhlmeier (1998, Piper).
Besprechung
von Ida Dehmer aus Rezensionen-online *bn.bibliotheksnachrichten*, 1998:

In einem Wiener Kaffeehaus treffen sich Menschen, die ihre Geschichte erzählen wollen. (DR)

Michael Köhlmeiers jüngster Roman spielt in einem Wiener Kaffeehaus in der Gumpendorferstraße, und mit der Wahl dieses Schauplatzes zitiert der Autor wohl bewußt einen literarischen Mythos der Jahrhundertwende: Es handelt sich um den Schriftsteller, der regelmäßig im Kaffeehaus sitzt, Menschen beobachtet und Geschichten schreibt. In diesem Fall kommen die unterschiedlichsten Personen auf den Ich-Erzähler zu und vertrauen ihm an, was sie bewegt. Sie stilisieren und erfinden, ihr Erzählen soll Erklärung ihrer momentanen Lebenssituation sein, aber auch helfen, sie zu bewältigen. Nicht selten schweift der Erzähler von seinem Konzept ab, unterbricht abrupt oder läßt die Geschichte im Unverständlichen enden. Ratlosigkeit spiegelt sich im Erzählten wider, restlose Aussprache ist auch im halbintimen Ambiente des vertrauten Kaffeehauses nicht möglich. So bleibt stets ein gewisses Maß an Unverbindlichkeit, keiner öffnet sich ganz. Allmählich aber verbinden sich die Geschichten der Kaffeehausbesucher, die einen sprechen über die anderen, und Herr Alfred, der Ober, wacht aufmerksam über seine Gäste. Die Figuren treten wie in einem Reigen immer wieder auf, der dicke Designer Caligula etwa oder der verwitwete Chemiker Pietzsch, die Fitnesstrainerin Rita oder Wernhofer, der Billardspieler und zeitweilige Insasse einer Irrenanstalt. Erst als dieser Wernhofer stirbt, wird der Reigen unterbrochen, zu seinem Begräbnis kommt endlich auch Max, auf den der Ich-Erzähler regelmäßig im Kaffeehaus wartet. - Daß Michael Köhlmeier ein hervorragender Erzähler ist, zeigt auch diese Sammlung von Geschichten, von denen inhaltlich allerdings nicht jede überzeugt. Den epischen Zusammenhalt sollen wohl Schauplatz und Ich-Erzähler stiften, beim Lesen selbst allerdings überwiegt der Eindruck des Flüchtigen. - Allen Bibliotheken zu empfehlen, die ihren Köhlmeier-Bestand vervollständigen wollen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Rezensionen-online Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0413 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-onlin