Bevor ich schlafen kann von Monika Helfer, 2010, DeutickeBevor ich schlafen kann.
Roman von Monika Helfer, (2009, Deuticke).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 23.7.2010:

Drei Orgasmen genügen nicht
Unglück kommt immer kurz hintereinander. Und Glück? Es antwortet die Vorarlberger Schriftstellerin.

Die Frau, die mit der Lampe am Plafond redet, hat zwei Kreuze auf der Brust. Der Chirurg hätte ihr nach der Brustkrebsoperation gern siebenzackige Sterne gemacht, als Schmucknarben. Aber sie wollte Kreuze, richtig schöne Kreuze. Nun ist das ja nicht der erste Roman, in dem es jemandem nicht gar so gut und am Ende gar nicht so schlecht geht.
Aber wenn auch "Bevor ich schlafen kann" in Vergessenheit geraten wird: Die Frau, die Lampe, die Kreuze - dieses Bild bleibt.

Der Roman der Vorarlbergerin Monika Helfer ist eine Berg- und Talfahrt. Zwischen "großartig" und "naja" stecken für Spezialisten Überraschungen. Thema ist: Unglück kommt immer kurz hintereinander. Aber das Glück: Kommt es nur einmal oder begreifen wir bloß nicht, was Glück ist? Josi (mit i und nicht Tschosi!) ist Psychiaterin und hatte Brustkrebs. Dann erfuhr sie nach 20 Ehejahren, dass ihr Mann schwul ist und einen - lieben, das macht alles noch schwieriger - Freund hat.

"Man muss das Unglück ernst nehmen." Ein wichtiger Satz, der sich durch den Roman zieht. Josis erwachsene Kinder finden ihn nicht so wichtig: Sie spendieren der Mama einen Urlaub in Griechenland. Josi will Liebe. Sex auch. Wobei es ihr nichts ausmachen würde, wenn der Mann, falls er will, in der Nacht wieder geht. Sie versteht das.
Da ist er groß, der Roman: Wenn Josi ihre 26-jährige Tochter fragt, woran man merkt, dass der Sex gut ist? "Wenn es dir dreimal hintereinander kommt und er es hinkriegt, dass es dir noch ein viertesmal kommt." Erste Überraschung: Josi wird ein Urlaub mit Programm spendiert - der Schriftsteller Michael Köhlmeier liest täglich griechische Sagen vor.
Hm. Monika Helfer ist mit Köhlmeier seit 1981 verheiratet. Aber es ist egal, Köhlmeier tritt im Buch kaum in Erscheinung.

Zweite Überraschung: Josi - sie trägt fortan nur Herrenanzüge, ein zarter Mann ist sie geworden - lernt Köhlmeiers Tochter Paula kennen. Eine großartige, eine offene Zwölfjährige, die nicht überlegt, ob sie etwas "Richtiges" tut. Sie tut es einfach. Und bringt Josi mit einem Apotheker zusammen.

Hm. Paula hieß Monika Helfers und Michael Köhlmeiers Tochter, die auf einer Wanderung tödlich verunglückte. Es ist fürs Lesen wohl besser, man weiß darüber nichts. Sonst starrt man ständig aufs Denkmal; und sollte sich lieber auf die Lebensweisheit der Schriftstellerin konzentrieren: Dass man eigentlich so wenig braucht, um glücklich zu sein. Freundlichkeit genügt. Ein Lachen genügt. (Paula genügte.)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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