Beute machen von Bodo Morshäuser, 2006, Suhrkamp1.) - 2.)

Beute machen.
Roman von Bodo Morshäuser (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Steffen Richter aus der NRZ vom 5.04.2006:

Schlendern, verändern
Bodo Morshäuser hat einen Roman über deutsche Gefühlsgeschichte geschrieben: "Beute machen".

Verliebte pflegen den "Zeitlupenschlendergang". Nichts ist ihnen fremder als die Hastigkeiten des "Hochdruckgehers". Der eilt im "flexiblen städtischen Gang" durch die Straßen. Der Geher ist eine zutiefst urbane Figur. Und er ist der Protagonist eines nie geschriebenen Romans von Bodo Morshäuser. Seit über zwei Jahrzehnten begleitet das Gehen untergründig seine Bücher. Was Antonia und Bruno Vegas praktizierten, war zeitlupenschlenderndes Liebesgehen. Wie im Märchen waren sie einander verfallen. Und weil eine solche Liebe blind macht, will Bruno kaum wahrhaben, dass Antonia nicht die ist, die er zu sehen glaubt. Beide arbeiten in einer "Filiale der größten Fernsehfabrik Europas", er am Berliner Standort, sie in Haarstadt im Mittelgebirge. Das Unternehmen produziert die Daily Soap "Nebenan". Was Bruno Antonia voraus hat, ist die Erkenntnis: "Du wirst unanständig gut bezahlt und merkst ziemlich schnell, wofür: du gehörst der Firma." Antonia will der Firma gehören. Auf die anfängliche Liebestrunkenheit folgt eine ernüchternde Trennung. "Beute machen" ist eine Chronik der Gefühle, die bundesdeutsche Emotionsgeschichte erzählt. Wie in all seinen Büchern geht es Morshäuser um die Schieflagen der Republik.

Geld oder Gefühle

Sie zeigen sich etwa in Brunos "Erziehung zum Nichtgefühl". In seiner Familie herrscht verstockte Verschwiegenheit - nur dass noch heute "jedes Thema abgeglichen wird mit der Reichszeit". Die Pervertiermaschine par excellence ist jedoch das Fernsehen. Hier darf die Nation sich über die Misshandlung von Kindern empören und gleichzeitig deren Altersgenossen für Samstagabendshows schminken, in nuttige Klamotten stecken und alte Hits nachsingen lassen. Eine "durch und durch kinderpornographische Gesellschaft" nennt Bruno das. Seine Firma "weiß genau, was wir sehen wollen und sehen wollen sollen". Morshäusers Unbehagen verzeichnet Alltagsaggressivität, deutsche Spießigkeit und die Unwirtlichkeit unserer Städte. Das Leben hier kennt nur ein Ziel: Beute machen - in Geld oder Gefühlen.

Gelegentlich verfällt Morshäuser in einen hohepriesterlichen Ton. Den muss man nicht mögen, aber er gehört seit Jahren zu seinen ureigensten Registern. Dass er sich zusätzlich den Thomas-Bernhard-Gestus überstreift - mit Wortschwall in indirekter Rede und Hasskaskaden, die selbst vorm "fiesen deutschen Nieselregen" nicht Halt machen - ist überflüssig. Morshäusers Stärke liegt in seinem Blick auf soziale und emotionale Zwischenräume. Dieser Blick geht von einem Ort zwischen Zentrum und Peripherie aus. Es ist die Perspektive eines "Stadtrandmenschen", der, entfernt von Innenstadt und Randbezirken, offenen Auges durchs Gelände geht.

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Beute machen von Bodo Morshäuser, 2006, Suhrkamp2.)

Beute machen.
Roman von Bodo Morshäuser (2006, Suhrkamp).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 5.08.2006:

Das Kraftwerk des Liebesverlusts
Bodo Morshäusers Roman «Beute machen»

Eine Liebesgeschichte? Ja, auch das. Eine Geschichte hat aber einen Anfang und ein Ende, und das Traurige ist, dass das Verglühen und Verglimmen einer Liebe weit mehr Raum und Zeit verschlingt als ihr meist jähes, unverhofftes Beginnen. Vom Aus-dem-Himmel-Fallen einer grossen Liebe hat Bodo Morshäuser vor gut zwanzig Jahren in seiner schönen Erzählung «Die Berliner Simulation» berichtet; der ungelenk wirkende, aber hellwache Ich-Erzähler begab sich im geschlossenen System Westberlins auf die Suche nach seiner verschollenen Traumfrau, bewaffnet mit nichts anderem als der ungebrochenen Kraft der Projektion.

Ein Ausnüchterungsroman

Der neue Roman heisst zwar «Beute machen», doch geht es darin zunächst um den Verlust einer Beute und vor allem darum, wie das Bewusstsein, das Nervensystem diesen Verlust, das Ende einer Liebesbeziehung, verarbeitet. «Ich glaube, damals waren wir schon kein Paar mehr, nur hatten wir es uns noch nicht gesagt», heisst es einmal. Der viel strapazierte Begriff «Trauerarbeit» wäre ganz und gar fehl am Platz, denn der Protagonist – sein Name, Bruno Vegas, wird nur zweimal genannt, im ersten und im letzten Satz – verbietet sich jede förmliche Trauer, hat es sich in den Kopf gesetzt, allein mit der Kraft der Reflexion zu erfassen, zu memorieren, zu würdigen, was unwiderrufliche Tatsache ist: das Ende seiner Beziehung mit Antonia.

«Beute machen» ist ein Ausnüchterungsroman, und das Vorsätzliche dieses Projekts gibt dem Text etwas Kühles, Abgeklärtes, Moderates, selbst da, wo der Ich-Erzähler sich über etwas echauffiert, das ihm missfällt, etwa die notorischen Defizite im Dienstleistungssektor. Erfahrungen auf diesem Gebiet werden mit der des Liebesverlusts abgeglichen und damit auch in gewisser Weise relativiert. Ist eine Kellnerin grob unfreundlich, heisst es: «Ich war kein Liebender mehr. Diese Wehrlosigkeit einer Unfreundlichen gegenüber passiert einem Liebenden nicht, einem Liebenden begegnet man so überhaupt nicht, dachte ich.»

Die Liebe, einer ihrer nicht zu unterschätzenden Vorzüge, lässt den Liebenden die Welt anders ansehen, schleift die Kanten und Widerstände der Realität ab. Das heisst aber auch: Sie ist kaum erzählbar; oder sagen wir vorsichtiger: Diese Nuss ist schwer zu knacken. Die «kleinen Schweinereien», mit denen die Liebenden des Romans sich gelegentlich verköstigen, sind rührend, aber den Leser langweilen sie eher, er braucht Konfliktstoff. Das gilt selbst für den Zuschauer einer Fernseh-Soap, die ja längst keine «heile Welt» mehr vorspiegelt, sondern aus überschaubaren Konflikten zusammengebastelt ist. Für die Scheinwelt einer solchen Soap, sie heisst «Nebenan», hat Bruno Vegas jahrelang als Autor gearbeitet, wie auch seine Geliebte Antonia. Aber während Bruno die Routine der Schreibindustrie mehr und mehr anödet, möchte Antonia – Antonia heisst «die Fleissige» – um jeden Preis Karriere machen. Für dieses Ziel opfert sie auch die Liebe, sie hat keine Zeit, verschiebt Verabredungen, beginnt schliesslich eine Liaison mit ihrem Chef. Ein gemeinsames Schreibprojekt kommt nicht mehr zustande.

Die Trennung liegt ein Jahr zurück, als Vegas von Berlin nach «Haarstadt» fährt – so der Name des fiktiven Ortes, an dem die Geschichte sich abspielte –, um sich durch Aufhebung der räumlichen Distanz der geballten Kraft der Erinnerung noch einmal auszusetzen, sich durch den Schock einer simulierten Gegenwärtigkeit der wiedergewonnenen emotionalen Distanz zu vergewissern. Das «Liebeskummerloch» fürchtet dieser Held nicht, allenfalls zieht er aus, um das Fürchten zu lernen. Wenn die Liebe sich als «Liebeskrankheit» definieren lässt, dann ist ihr Ende logischerweise eine Gesundung, ein Therapieerfolg. Nicht im Schreiben liegt der therapeutische Akt, dieser geht dem Schreiben vielmehr voraus, das seinerseits minuziös rekonstruiert, was Bruno Vegas auf der Haarstadt-Reise begegnete und was ihm dabei durch den Kopf ging. Der Kunstgriff der expliziten Aufsplitterung von Erleben und Erzählen erinnert an Techniken Thomas Bernhards, der ja ebenfalls keineswegs im Affekt schrieb, dessen Prosa vielmehr bis zum letzten Komma kühl kalkuliert war. Morshäusers Anlehnung an jenes Modell hat bisweilen etwas Manieriertes, aber er praktiziert es alles in allem sehr gekonnt. Wenn an diesem Text, der sich so beherzt optimistisch «Beute machen» nennt, etwas frappiert, dann ist es die Unbeirrbarkeit, mit der der Erzähler eine Verlusterfahrung umdeutet in eine Wiedergewinnung seiner Autonomie. Immerhin wird ja deutlich ausgesprochen, dass Bruno Vegas seine Existenz vor der Bekanntschaft mit Antonia als «dröge» empfand, dass er «den Kontakt zum Leben verloren und ihn durch Antonia wiedergefunden hatte». Wäre demnach die Trennung – nach Überwindung der «Trennungsfeigheit», ein schönes Wort – nicht die Rückkehr in den «Stand-by-Modus», in dem Vegas vor Antonia gelebt hatte?

Beherzter Optimismus

Nun aktiviert er sein ganzes Reflexionsvermögen, um diese womöglich vernichtende Bilanz auszugleichen: «[. . .] manche Trennung, also Beziehung, macht einen fertig», sagt er einem Freund, «diese hat mich stark gemacht.» Eine starke Behauptung: Die positiven Energien aus der Zeit der Liebe werden gewissermassen per Vorsatz am Wegfliessen gehindert, sie werden in ein Kraftwerk geleitet und erzeugen Strom für das Leben danach. In diesem Akt gewinnt der Protagonist Unabhängigkeit von seiner Ex-Geliebten, die man sonst auch «die Verflossene» nennt, er gewinnt eine Autonomie, die sich in der Festigkeit und Transparenz seiner Schrift zu spiegeln scheint. «Als erstes hatte ich den Titel, Beute machen, schrieb Bruno Vegas.» So lautet der letzte Satz.

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