Betrachtungen eines Krankenhausgängers von Joachim Zelter, 2004, Klöpfer&MeyerBetrachtungen eines Krankenhausgängers.
Erzählungen von Joachim Zelter (2004, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Betrachtungen eines Krankenhausgängers

Für seine bisher vier Romane ist der 42-jährige Freiburger Autor Joachim Zelter mit Auszeichnungen überhäuft worden. Zu Recht, denn in "Die Lieb-Haberin" oder "Das Gesicht" brilliert Zelter mit einem charmant-unterkühlten und sehr eigenen Humor. Nun ist ein Band mit Erzählungen erschienen. Unter dem Titel "Betrachtungen eines Krankenhausgängers" versammelt Zelter sechs Geschichten, die den Eindruck machen, als seien sie beiläufig entstandene Fingerübungen des Romanciers. Doch auf welchem Niveau bewegen sich diese Etüden! In der Titelgeschichte bereitet sich ein nervöser Hypochonder mental auf eine Routine-Operation vor als stünde ihm ein leibhaftig qualvolles Sterben ins Haus, in einer anderen verliebt sich ein Unfallopfer auf dem Weg in den Operationssaal in die "Schleusenwärterin". Natürlich erzählt Zelter nicht nur Krankenhausgeschichten, denn das wäre kaum auszuhalten, schließlich ist der Operationssaal nicht unbedingt der Ort, an dem sich mit feinem, fast britischen Humor Betrachtungen über das Leben machen lassen. Zwei der Erzählungen sind eigentlich verkappte Essays. "Vortragsreisende" etwa parodiert das Genre, in "I want you" philosophiert Zelter etwas ernster über die Art der Rekrutierung von Soldaten für den ersten Weltkrieg.
Joachim Zelter schweift ständig ab und scheint jeweils am Anfang nicht gewusst zu haben, wohin seine Geschichte führen soll, doch stilsicher und elegant landet er oft bei einer kleinen Pointe. Nach vier Romanen und einem halben Erzählungsband jedoch unterläuft ihm ein Patzer, eine moralinsaure Geschichte von einer Frau, die tagelang Wind und Wetter ausgesetzt Namen aus einem Buch vorliest, Namen von Auschwitz-Opfern. Doch schon bei Zelters nächster Erzählung ist der kleine Fauxpas angesichts der grandiosen Fabulierkunst vergessen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.matthias-kehle.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1004 LYRIKwelt © Matthias Kehle