Betäubend.
Roman von Frances Itani (2003, Berlin-Verlag - Übertragung Brigitte Gerlinghoff).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 7.1.2004:

Ein Geräusch wie wenn ein Hund trinkt
Vom Gefühl, der Welt der Hörenden nicht angehören zu können: Frances Itanis Roman "Betäubend" über ein lautloses Leben

Das Städtchen Deseronto liegt an einer Bucht des Ontariosees, nahe der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten. Hier wächst Grania zusammen mit zwei Brüdern und ihrer älteren Schwester Tress auf. Grania ist taub. Nicht von Geburt an. Im Alter von fünf Jahren hatte ihr eine Scharlacherkrankung das Gehör geraubt. Granias Mutter hat Schuldgefühle. Sie weigert sich, die Gehörlosigkeit des Kindes zu akzeptieren, schleppt sie zu Fachärzten und wundertätigen Wallfahrtsstätten. Sonst hat sie wenig Zeit für das Mädchen. Sie führt mit großem Erfolg das Restaurant im Hotel ihres Mannes. Es ist die Großmutter Mamo, die nicht ablässt, mit Grania zu sprechen, sie zu fordern und zu fördern, die beharrlich mit liebevoller Geduld Grania aus ihrer hermetischen Welt herauszulocken versucht.

Frances Itani, die in Ottawa und Genf lebt, hat bisher drei Bände mit Erzählungen, zwei mit Gedichten und ein Kinderbuch veröffentlicht. Betäubend ist ihr erster Roman: Das Debüt einer Autorin, die mit ebenso kraftvoller wie poetischer Sprache ihre erzählerischen Bögen von weiten historischen Panoramen bis zu intimen Szenen zu spannen weiß, die Weltgeschichte mit persönlichen Schicksalen, auch zur Familiensaga der irischen Einwanderer O'Shanghnessy, verknüpft.

In Deutschland hatte zuletzt die Regisseurin Caroline Link mit ihrem Film Jenseits der Stille das Thema der so unterschiedlichen Lebensräume von hörenden und gehörlosen Menschen innerhalb einer Familie wie in ihrer Umwelt zu einer einfühlsamen Geschichte inszeniert und ein breites Publikum damit erreicht.

Frances Itani, Enkelin einer tauben Großmutter, lässt ihren Roman mit einem Prolog im Jahr 1902 beginnen, in dem die zentralen Motive bereits versammelt sind: Ihr Anliegen ist, "das Schweigen zu durchbrechen". Sie immer wieder herauszulocken aus der Stille, die aber gleichzeitig auch Schutz ist, weil es sich anfühlt "wie unter Wasser sein". Und durchzusetzen, dass sie das Sprechen nicht aufgibt, um die Kommunikation mit der Welt der Hörenden nicht abreißen zu lassen, ein Sprechen, das mit immensen Mühen verbunden ist.

Die Autorin gliedert den Roman in fünf große zeitliche Abschnitte. Der erste umfasst die Jahre 1903 bis 1905, in denen Grania in einem neuen Leben zurecht kommen muss. Unermüdlich übt die Großmutter mit der Fünfjährigen die nunmehr zur Kunst gewordene stimmige Artikulation, müht sich, ihr die richtige Tonlage und Lautstärke über Vibration der Halsvenen und Anspannung der Muskeln sinnlich erfahrbar zu machen. Auch für den Leser ist es faszinierend, diesen Lehrstunden beizuwohnen, Neuland des Sehens und des Fühlens zu betreten.

Mit ihrer Schwester Tress zusammen entwickelt Grania eine eigene Zeichensprache. Ein vertrauliches Band der füreinander bestimmten Gesten, wie es auch hörende Kinder gerne als Fingertheater benutzen. Aber hier ist es keine Spielerei, sondern wird die Geheimsprache zur existentiellen Mitteilungsform. Als sie acht Jahre alt ist kommt sie in das "Ontario-Institut für Taubstumme" in Belleville. Der Abschied von zu Hause ist grausam, denn dort kann sie alles sagen und wird verstanden. In der Schule muss sie als erstes die Zeichensprache und das "Alphabet mit einer Hand" lernen. Anfangs sind ihre Augen nicht schnell genug, um mit der Geschwindigkeit der Hände und Finger der anderen Schüler mitzukommen. Aber nach und nach werden "aus den Sendschreiben, die früher unverständlich durch die Luft taumelten, einzelne Worte, die zusammenhängen, Sätze, die sie verstehen kann. Eine Sprache nimmt Form an...!"

Itani führt mit ihren sensiblen Recherchen in einen Kosmos von uns unbekannten Bedeutungen, veränderten Wertigkeiten, andersartigen Kategorien. Wörter bestehen nicht mehr aus Lauten, sondern definieren sich über Atmung und Bewegung der Wangen, Zunge und Lippen. Fürs Lippenlesen stellt man sich selbst am besten mit dem Rücken zum Licht, damit alle Helligkeit auf dem Gesicht des Gesprächspartners liegt. Wir lernen, dass es für Grania das Schlimmste ist, in dem Gefühl zu leben, nicht die Informationen zu haben, über die alle anderen verfügen, oder dass man das Rauschen der Wellen erklären kann als etwas, das klingt, "wie wenn ein Hund aus seinem Napf trinkt". Wenn Grania ziehende Wolken sieht, denkt sie "Lied" oder "Musik", aber ohne wirklich zu wissen, "was zu diesen Wörtern gehört".

Als Grania achtzehn Jahre alt ist, lässt sie sich zur Krankenschwester ausbilden und lernt bei der Arbeit Jim kennen, einen hörenden jungen Mann. Die beiden verlieben sich und heiraten, zwei Wochen, bevor Jim als Sanitäter nach Europa geht, auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Eine zermürbende Zeit des Wartens beginnt.

Fremder können sich Welten nicht sein, als die tiefe Stille der Gehörlosen und das Geschützfeuer und die Granatenexplosionen zwischen den feindlichen Stellungen in Frankreich und Belgien. Das unvorstellbare Grauen dieser vier Kriegsjahre, die verstümmelten, verblutenden Körper all dieser "Jungen" - ostentativ spricht Itani nie von Männern - dominiert in suggestiven Bildern die zweite Hälfte des Buches. Die glühende Begeisterung, mit der blutjunge Kanadier als Freiwillige damals für das britische Empire in den Tod zogen, wirkt heute in hohem Grade gespenstisch. Vier Jahre, die das Schicksal von Millionen Menschen erbarmungslos geprägt haben. Keiner war danach noch wie zuvor, auch diejenigen nicht, die körperlich scheinbar unversehrt geblieben waren. Als Jim, in Granias liebevoller Aussprache "Chim", endlich zurückkehrt, sieht sie, dass er nunmehr "alte Augen" hat.

Souverän verknüpft Itani, in der klangvollen Übersetzung von Brigitte Gerlinghoff, ihre verschiedenen Textarten, die geschriebenen und die ungeschriebenen Briefe von Jim, die Innenwelt und die Außenwelt von Grania mit Erzählstimmen und dokumentarischen Fakten. Sie hat mit Betäubend aus der Kraft, Würde, Autonomie und Eigenart lautlosen Lebens ein literarisches Kunstwerk geschaffen: eine leidenschaftliche Botschaft von jenseits und diesseits der Stille.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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